Paul Beckmann - Zigarettenwährung - (Erzählung)

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Zigarettenwährung
(Leseprobe aus:
Aufräumarbeiten, Erzählungen, 2008, Geest-Verlag)

 

Willi und ich trafen uns meistens morgens an der Brücke. Die hatte man bei Kriegsende gesprengt. Nun lag sie wie eine Ziehharmonika im Fluss.

Meistens standen da schon einige Hamsterer und wollten auf die andere Seite. Viele hatten Fahrräder, die vollgepackt waren mit Säcken und Koffern. Voll mit gehamsterten Lebensmitteln: Kartoffeln, Wurst, Speck, Schmalz. Andere waren zu Fuß, mit Rucksack und einem Koffer in jeder Hand. Allein kamen sie nicht über den Fluss. Sie brauchten uns.

Zuerst ging's steil abwärts, dann über einen provisorischen Steg. Der überschwemmte schon mal bei hohem Wasserstand, aber es war Sommer und wir barfuß. Dann ging's steil aufwärts, nur einige Trittleisten gab es, aber wir schafften es mit einigem Hauruck bis zur ersten Ziehharmonikakante. Erst mal tief durchatmen.

„Gipfelsturm auf den Himalaja!", keuchte Willi. Noch zwei weitere Gipfel und dann waren wir drüben.

„Scheißkrieg!", sagte Willi. Das sagte er bei jeder Gelegenheit, ob es nun passte oder nicht, ob er sich einen Holzspan in den Fuß getreten hatte oder es anfing zu regnen.

Auch auf der anderen Seite warteten schon Hamsterer auf uns. Ebenfalls mit schwerem Gepäck. Diesmal mit Tauschsachen. Manchmal war Zerbrechliches dabei. Dann nahmen wir mehr. Sonst verlangten wir zehn Mark oder eine Zigarette. Und zwar vorher. Häufig standen Besatzungssoldaten an der Brücke und schauten uns bei der Arbeit zu. Sie wohnten in den teilweise geräumten Häusern des Dorfes. Einige fotografierten auch, um zu Hause zu zeigen, wie die großmäuligen Germans nun lebten. Auf diesen Bildern waren wir noch Freunde, der Willi und ich.

Fast immer sprachen die Soldaten auch Mädchen und junge Frauen an, die sich mit den schweren Lasten abschleppten, und rauchten mit ihnen eine Zigarette. Sie begleiteten sie in Richtung Dorf und redeten eifrig auf sie ein. „Die brauchen nur ein paar schöne Augen zu machen und schon bekommen sie Zigaretten spendiert. Aus den großen Zigarettendosen. Scheißkrieg!", meinte Willi.

Willis Vater war vermisst, meiner gefallen. Wir brauchten nicht mehr zu warten. „Es lebt sich leichter ohne falsche Hoffnungen", sagte Mutter.

Wir waren mit einem Flüchtlingstreck hergekommen. Meine Mutter, meine achtzehnjährige Schwester, zwei kleine Brüder und ich wohnten in zwei engen Räumen. Nicht viel, aber „erst mal überleben", meinte Mutter. Das sagte sie immer, wenn in diesen schlimmen Zeiten Außergewöhnliches bewältigt werden musste.

Willi hatte nur seine Mutter und die Hoffnung auf den Vater. Er war schmächtig und hatte ständig Hunger. Den hatte ich auch, aber zu Mittag und Abend konnte ich mich zu Hause richtig satt essen.

Meine Schwester und meine Mutter taten alles, damit wir genug zu essen hatten, meine zwei Brüder und ich. „Nun esst doch noch was. Ihr braucht es doch." Und die beiden Frauen sahen sich vergnügt an, wenn wir pappsatt vom Tisch aufstanden.

Meine Mutter arbeitete bei Bauern, meine Schwester war Reinmachefrau bei den reichen Leuten im Dorf, aber auch in den Quartieren der Soldaten und Offiziere. Bezahlt wurde nach Zigaretten-Währung. Zehn Mark oder eine Zigarette pro Stunde.

Ich rechnete meiner Schwester vor, dass ich an der Brücke viel viel mehr verdiente als sie. Dann lächelte sie und streichelte meine Hand.

„Wo versteckst du denn deine Einnahmen?", fragte ich meine Schwester. Sie machte eine Bewegung mit dem Kopf nach oben zu der ‚Schatzkammer'. Ganz oben im Schrank, nur mit dem Stuhl erreichbar, war ein großes Fach, das mit einer Tür verschlossen war. Nur Mutter hatte den Schlüssel, und sie hatte noch nie in meiner Gegenwart das Fach geöffnet. Vermutlich waren dort Schmuck oder sonstige Kostbarkeiten versteckt, die sie gerettet hatte und bei Gelegenheit verhamsterte. Wahrscheinlich lag hier der Schlüssel zu unseren reichlichen Mahlzeiten.

Manchmal kam Willi zu uns zum Essen. Dann staunte er, wie viel es bei uns gab. Einmal sagte er hinterher: „Ja, wenn man eine solche Schwester hat! Scheißkrieg!" Und ich freute mich für meine Schwester.

Willi war es auch gewesen, der mich darauf gebracht hatte, Hamsterern über die Brücke zu helfen. Er war nicht sehr kräftig und brauchte einen starken Helfer. Durch ihn erfuhr ich auch, dass eine Zigarette mehr wert war als zehn Mark. „Gegen Zigaretten kannst du alles eintauschen. Mit diesem Zaubermittel kriegst du sogar die englische Queen in dein Bett!" Und er lachte laut und sah mich listig an. Wie der redete, und was der alles wusste!

Einmal in der Woche waren wir nachmittags nicht an der Brücke. Dann saßen wir sauber gewaschen und gekämmt im Konfirmandenunterricht. Um Ostern war die Konfirmation wegen des Krieges ausgefallen und nun sollte sie nachgeholt werden.

Mein Konfirmandenanzug hing schon im Schrank. Mutter hatte ihn von einem Bauern bekommen, kostenlos, wie sie sagte, und meine Schwester hatte dabei gelächelt und sich zum Fenster gewandt. Der Anzug war so neu, da steckte noch das Preisschild in der Tasche. Fünfzig Mark stand drauf.

Meine Schwester sah ich mittags und abends beim Essen. Sie streichelte meinen Arm und sagte: „Wir beide schaffen das!" Dann war ich mächtig stolz.

Mutter selbst gönnte sich nichts. Sie achtete wenig auf ihr Äußeres. Ihre Kleidung wurde immer unansehnlicher. Meine Schwester und ich wollten ihr zur Konfirmationsfeier ein neues Kleid und einen neuen Mantel schenken. Meine Schwester hatte die Stoffe schon ausgesucht und mit der Schneiderin gesprochen.

„Wie viel hast du?", fragte sie. Ich besaß fünfzig Zigaretten in einer graublauen Navy-Cut-Dose und hundert Mark unter der Matratze.

„Und du?"

„Zwanzig, nicht viel, aber ich muss was für das Essen abzweigen."

Ob es reichte? Sie würde sehen und lächelte geheimnisvoll.

Im Konfirmandenunterricht erklärte uns der Pastor die Zehn Gebote. Er war ein Einheimischer und hatte die Flucht nicht mitmachen müssen. „Der weiß nicht, was man alles tut, um zu überleben", sagte Mutter, und meine Schwester wandte sich rasch zum Fenster. Besonders hatte er es mit der Sünde gegen das 6. Gebot. Man bekam den Eindruck, dass es nur für die Mädchen galt.

„Lasst euch nicht mit den Soldaten ein, das ist Sünde. Auch wenn die Not noch so groß ist, werdet nicht zur Hure. Gott, der Herr, wird euch helfen, wenn die Versuchung naht. Und sonst droht euch die Verdammung beim Jüngsten Gericht!", sagte er laut und blickte dabei besonders die Mädchen streng an.

„Auf der Flucht hat Gott, der Herr, uns nicht geholfen. Und hier erbarmt sich auch keiner. Wir haben das Jüngste Gericht schon hinter uns", meinte Mutter, und ihre Augen schauten ganz weit ins Leere. Aber was gingen mich die Mädchen an und das Jüngste Gericht. Mein Problem war, wie ich wohl meine Zigaretten vermehren konnte für Mutters Kleid.

Hier lag wohl auch der Anlass, dass meine Freundschaft mit Willi zerbrach. Es ging um eine Zigarette, jeder meinte, sie stünde ihm zu. Wir waren beide wütend. „Ohne mich hättest du gar nicht durchgehalten!", schrie ich.

„Natürlich nicht, du Kraftprotz. Aber wenn man so 'ne Schwester hat!"

„Was hat meine Schwester damit zu tun?"

„Ja, was meinst du, weshalb ihr so gut lebt und neue Klamotten habt?"

„Weil meine Schwester arbeitet!"

Er grinste mich an. „Ja, weil sie arbeitet! Arbeitet als Hure! Das weiß doch das ganze Dorf!", schrie er mir ins Gesicht.

„Das nimmst du zurück!"

„Das ist aber die Wahrheit!"

Und dann begann die Prügelei. Ich hatte ihn schnell imSchwitzkasten.

„Nimm das zurück!"

Er keuchte, er blutete aus der Nase.

„Gut, ich nehme alles zurück."

Ich ließ ihn los. Die Freundschaft war aus. Das war nicht die Prügelei. Das war diese verdammte Lüge. Wie der redete. Wie der log. Meine Schwester eine Hure. Das wusste ich ja wohl besser!

Dann war Konfirmationstag. Die Glocken läuteten. Wir standen schick angezogen in unserer Wohnküche. Mutter sah prima aus in ihrem neuen Kleid. Die Kleinen hüpften begeistert um sie herum.

„Wir müssen noch die Zigaretten mitnehmen für die Schneiderin."

Ich rannte ins Nebenzimmer und holte die bereitgestellte Dose und das Geld. Als ich in die Wohnküche zurückkam, stand die Schatzkammer offen. Mutter sprang auf den Stuhl und schloss sie sofort. Aber ich hatte genug gesehen. Sie war angefüllt von vorne bis hinten mit den graublauen Navy-Cut-Dosen und anderen Zigarettenschachteln. Meine Schwester setzte sich auf einen Stuhl und sah mich von unten an, ängstlich, bittend. Kein Lächeln mehr.

Wie viele Ziehharmonikakanten hatte diese Brücke? Ich ging ans Fenster und sah nach draußen. Meine Mutter schwieg. Aber ich wusste, in diesem Augenblick hätte sie gesagt: „Erst mal überleben."

Dann hörte ich mich sagen: „Wir müssen gehen, sonst kommen wir zu spät."

Willi hätte in dieser Situation „Scheißkrieg" gesagt. Und das hätte sogar gepasst.

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