Büchel, Simak: Meister Perlboot

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Simak Büchel

Meister Perlboot  

Titelbild von Daniela Hützen

Geest-Verlag, 2. Auflage 2007

ISBN3-937844-71-6 2

02 Seiten, 10,00 EUR

 

 

Die Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM) hat eine bemerkenswerte Besprechung von Simak Büchels "Meister Perlboot" in ihrer Datenbank veröffentlicht. Die Besprechung dürfte vor allen Dingen auch für Lehrerinnen und Lehrer von Interesse sein, die auf der Suche nach neuer Schullektüre sind. Mehr dazu unter "Rezensionen".

 

Inhalt:

In der verträumten Hafenstadt N geht alles seiner gewohnten Wege, bis Herr Tschichek Grosz eines Morgens von einem Fischzug heimkehrt. Nicht genug, dass der als Griesgram bekannte Fischer das erste Mal seit Jahren lacht, nun rieseln ihm auch noch Perlen aus dem Bauchnabel und stellen die ganze Stadt auf den Kopf. Ein Wettlauf um sein Lachen entbrennt und der Tumult gipfelt in einer mondlosen Nacht auf dem Meer, in der Herr Tschichek Grosz unter mysteriösen Umständen verschwindet. Jetzt ist es an den Kindern von N, dieses Geheimnis und die düsteren Machenschaften im alten Turm aufzuklären.

Leseauszug:

In dem kleinen Hafenstädtchen N wurde Herrn Tschichek Grosz nachgesagt, ein pummeliger Griesgram zu sein. Die anderen Fischer lächelten insgeheim über seinen wiegenden Gang und jene Grille, die ihn Nacht für Nacht auf die See hinausrudern ließ. Draußen, wo er mit sich und den Wellen allein war, pflegte er nach arm-dicken Meeraalen zu angeln und gelegentlich, wenn er Appetit auf Krustentier verspürte, einen Hummerkorb in die olivgrünen Schlünde hinab gleiten zu lassen. Wann immer sein Schnaufen am nächsten Morgen auf dem Pier vernehmlich wurde, liefen ihm einige Kinder entgegen, um ihn mit Rufen zu necken wie etwa diesem: „Dicker-dicker Meister Perlboot – so lach doch mal!“ Dann stieben sie naseweis kichernd auseinander.

Genau wie die Kinder der Fischer wussten alle anderen Bewohner Ns, dass Herr Tschichek Grosz seit Jahren nicht mehr gelacht hatte. Immer wieder war er der Grund für Tuscheleien und zu hämischem Augenkniepen, da niemand genau sagen konnte, warum ihn seine Frau damals eigentlich verlassen hatte. So begab es sich dann auch, dass er im ganzen Städtchen nur einen richtigen Freund besaß, den Koch der Grünen Qualle, Pakmal Nump. Mit ihm saß er ganze Vormittage an einem Tisch in der rußigen Küchennische zusammen und unterhielt sich über das Leben.

Pakmal Nump war nicht nur sein bester Freund, sondern darüber hinaus ein begnadeter Koch. Ihm war das Ausprobieren neuer Rezepturen und Gewürzvarianten liebste Beschäftigung. Herrn Tschichek Grosz setzte er diese anschließend voll Schöpferstolz als Erstem vor. Durch die schmierigen Halbgläser seiner Brille verfolgte er die Bewegungen der klobigen Fischerhände, wie diese etwa in eine Schüssel voll Langustini griffen, zu pulen begannen und den rosigen Kringel in Muskatellersauce dippten. Noch größer wurden Pakmal Numps Augen in dem Moment, da der Happen unter dem traurig herabhängenden Oberlippenbart seines Freundes verschwand. Meistens pflegte sich ein leises Schmatzen oder Glucksen anzuschließen. Wenn dann die winzigen Äuglein des Herrn Tschichek Grosz aufblitzten, war kulinarisch alles gut.

Doch selbst in diesen Momenten des Zusammenseins mit seinem Freund und dem Genuss schmackhaftester Leckereien lachte Herr Tschichek Grosz kein einziges Mal. Immer war sein Schnauzer wie ein rotes Rollo vor dem Mund herabgelassen. Anfangs zweifelten Pakmals Kinder sogar daran, dass sich unter diesen struppigen Barthaaren überhaupt ein Mund befand. Doch wenn Herr Tschichek Grosz beim Schlemmen zu viel Sauce oder zerlassene Knoblauchbutter in den Bart bekommen hatte, ließ er es sich nicht nehmen, diesen mit einem abrupten Schlürfen hinter die Lippen zu saugen, um auch den letzten Rest Geschmack herauszulutschen. Dabei verdrehte er die Augen, zog die Nase hoch und machte ein Gesicht, wie es sonst nur frisch gestillte Säuglinge zu Wege bringen.

Obwohl damit den am Fenstersims spinksenden Kindern bewiesen war, dass sich hinter seinem Schnurrbart ein Mund verbarg, änderte diese Entdeckung nichts daran, dass er noch immer nicht lächelte.

Und was hatten die Kinder nicht schon alles versucht! Den Anfang hatten Pakmals Zöglinge, Ela und Mirek, mit Purzelbaumschlagen und Grimassenschneiden gemacht. Nachdem dies keine Wirkung gezeigt hatte, waren zwei wild bezopfte Mädchen so mutig gewesen, Herrn Tschichek Grosz’ nackte Zehen mit Möwenfedern zu kitzeln, während er ein Nickerchen auf der sonnenwarmen Mauer vor seinem Haus hielt. Doch selbst das hatte ihm kein Lachen entlockt! Nur kurz hatten damals seine Füße gezuckt, hatte er sich die ledrige Ferse gekratzt und war wieder eingeschlafen.

Der traurige Ernst, welcher seine Miene selbst in den Träumen zu beherrschen schien, sollte erst an einem schönen Morgen im April unverhoffte Auflockerung erfahren. An besagtem Morgen kehrte Herr Tschichek Grosz mit dem Dämmerlicht von seinem nächtlichen Fischzug zurück.

Kräftig klatschten die Ruder auf die Oberfläche und zerstäubten das grüne Hafenwasser mit frischer Wucht. Der rot gestrichene Bug furchte die Wellen und an der Stelle, wo der Bootsname überpinselt war, schwappte bei jedem Schlag ein Schwall Wasser über die Reling. Stoß für Stoß bewegte sich Herrn Tschichek Grosz’ breiter Rücken auf die Poller und Vertauungsstege zu, wo bereits ein rastloses Kommen und Gehen herrschte. Jene bemitleidenswerten Fischer, die verschlafen hatten, luden fluchend ihre Netze und Handleinen ein und trafen letzte Vorbereitungen. Zu ihrem Missfallen waren bereits alle anderen Boote ausgelaufen: Pünktlich vor dem Dämmer hatten die übrigen Fischer bereits ihre Ruder ergriffen oder die röchelnden Dieselmotoren angeworfen, um auf Fischzug zu gehen.


Presseartikel und Rezensionen:

Rhein-Sieg-Rundschau, 13.10.2005

 „Mit Blattgold in der Brust. In „Meister Perlboot“ findet Simak Büchel zur bildhaften Sprache. Simak Büchels Schreibstil ist trotz aller Sprachgewalt greifbar und wegen seiner Bildhaftigkeit leicht zu durchdringen.“

Kölner Stadt-Anzeiger, 06.10.2005

 „Die bilderreiche, farbenfrohe Sprache des Autors zieht den Leser schnell in die Geschichte hinein und macht Spaß zu lesen.“ (Kölner Stadt-Anzeiger, 6.10.2005)

General-Anzeiger Bonn, 06.10.2005

 „Ein Griesgram lernt das Lachen wieder. Der Hennefer Schriftsteller Simak Büchel liest in der Meys-Farbik aus seinem neuen Buch „Meister Perlboot“. Der Erlös des Abends kommt einem Bildungsprojekt der „Kinderhilfe Lateinamerika Hennef“ zugute. „Ich habe die Hoffnung“, sagt Büchel „dass dieser Beitrag ein Lächeln nach Guatemala überspringen lässt.“

 

Rhein-Lahn-Zeitung, 17.10.2005

 „Meister Perlboot ist eine fantasievolle Erzählung, gleich einem Märchen, das in die Neuzeit übertragen wurde.“

 

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)

 
MEISTER PERLBOOT
Fantastische Erzählung 

Inhalt:

Sie hänseln ihn ein wenig, die Kinder, denn er ist ein schweigsamer, einsamer Fischer, der keine Freunde hat außer dem Koch Pakmal. Doch dann kommt er nach einer Nacht auf See zurück und lacht und freut sich. Und damit nicht genug - bei jedem Lachen gebiert sein Bauchnabel eine Perle, die durch seine Hosenbeine auf die Erde kullert und den Bewohnern von N je ein kleines Vermögen beschert. Das ruft natürlich böse Menschen auf den Plan.

 

Bewertung: sehr empfehlenswert

 

Beurteilungstext:

Wir haben drei Handlungsorte: Die Kleinstadt N, die versteckte Bucht, von der wir wenig erfahren und um die es viele Spekulationen gibt, und den Turm, in dem Tschichek Grosz, genannt Meister Perlboot, von den Bösen gefangen gehalten wird. Dort wird er unter Lachgas (!) gesetzt, damit die große Sortier-Maschine die Unmengen an Perlen aus seinem sorgsam gepflegten und becremten Nabel für den Verkauf vorbereitet.
Pakmal Nump und seine Frau Lemna wie die Kinder Ela und Mirek vermissen den alten Tschich, halten ihn für tot wie alle anderen im Ort. Das Leben geht halt irgendwie weiter. Muss ja.
Aber dann und wann hört man bei günstigem Wind ein Lachen in der Luft, ganz leicht, und ist schon wieder fort! Bis die Kinder nach dem abendlichen Ausflug an die See wegen des Meeresleuchtens den Beweis erbringen: Meister Perlboot lebt! Nun müssen nur noch die Erwachsenen überzeugt und ein Plan geschmiedet werden, damit der lang Vermisste befreit werden kann.
Gar keine gute Rolle spielen in der Geschichte der Bürgermeister mit seiner Frau, auch wenn sie zum Schluss als Kollaborateure nur angedeutet werden. Pakmal dagegen und Tschichek zeigen, was echte Freundschaft kann und wie man auch zum Schluss los lassen muss, damit das Leben mit der "blauen Frau" beginnen kann. Auch hier nur Andeutungen wie auch beim Hinweis auf den übermalten Namen des Bootes und ein Halbsatz dazu, dass nämlich Tschicheks Frau ihn einst verließ. Was in der Nacht auf See tatsächlich passiert, erfahren wir Leser nicht. Wir müssen ja auch nicht zu neugierig sein.

Eine schöne Grundidee wird spannend umgesetzt und sprachlich mit ganz vielen stimmigen und schönen Vergleichen gefüllt. Bilder werden mit den Wörtern gezeichnet. Sonnenstrahlen dürfen in der Küche "verspielten Insekten gleich von Topf zu Tiegel" springen, Pakmal "wie eine leichtfertig aus dem Wasser gehobene Qualle" in sich zusammensinken, und Lemna sich neben Pakmal auf die Stufen hockt, "um in die vom ersten Licht aufgeraute Dunkelheit der Gasse zu blinzeln."
Auch wenn Simak Büchel chronologisch erzählt, so wechselt er doch öfter den Ort der Erzählung und treibt (auch) damit die Handlung nach vorn. Sehr sympathisch, dass die Kinder zunehmend wichtiger werden, auch, weil sie den "alten merkwürdigen Fischer" einst sogar verspotteten. Meister Perlboot wird also gerettet und reagiert ungewöhnlich auf seine Entführer: "Leer geweint von den Tränen des Lachens und der Wut waren seine Augen", einer Wut, die aber dennoch nicht in Rache umschlägt. Ebenso angenehm zu lesen, dass seine Retter ihn los lassen können, damit er sein Glück auf dem Meer finden kann und keinesfalls auf Dankbarkeit warten.

Inhalt und Stil sind einer lesegeübten achten, ansonsten einer neunten oder zehnten Klasse (sowie Dank des Taschenbuchpreises) als Klassenlektüre anzuraten. Vielfältige Umsetzungen szenischer wie sprachlicher Art bieten sich, Ausgestaltung des Ortes mit den Eidechsen und den Papageientauchern oder dem Haus von Meister Perlboot oder der "Grünen Qualle" könnten Aufgaben sein. Die Charakterisierung der Personen ist einerseits einfach und gut zu belegen, andererseits sind sie nicht schwarz und weiß gezeichnet, gibt es auch Personen in Grautönen: Bürgermeister, Schergen des Verbrechers, Marktfrau usw.
Sehr empfehlenswert!

[Quelle: Datenbank der AJuM unter www.ajum.de]