Kleinert, Ulrike: Die gezählte Frau

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Kleinert, Ulrike
Die gezählte Frau
Kurzprosa. Mit Grafiken von Rebecca Meyer
ISBN 3-934852-15-7
9.41 Euro

,,Wir werden nicht als Frauen geboren, wir werden dazu gemacht - aber was machen wir daraus?'' Diese Frage beschäftigt die Bremerin Ulrike Kleinert und gibt ihr Stoff für ihre Geschichten. Es sind Geschichten aus weiblicher Sicht geschrieben.
Es sind Einblicke in unterschiedliche Lebenswelten von Frauen: Ehe, Familie, Arbeitsplatz, Mutter, Geliebte oder Einwanderin.

Im Mittelpunkt ihrer Erzählungen stehen nicht die klassischen Frauenheldinnen, die stark und mühelos ihr Leben gestalten, sondern die Frauen, die sich in einem Prozess des Aufbruchs befinden, immer unfertig, die dennoch mit enormer Energie ihr Leben meistern, selbst in ausweglosen Situationen. Die Frauen befinden sich in einem oft schmerzlichen Prozess der Selbstfindung, hin- und hergerissen zwischen Verpflichtung und eigenen Wünschen...
Mit den Geschichten entdecken wir, was in uns steckt, wenn wir uns nur trauen.
(Marieluise Beck, MdB Bündnis 90/Die Grünen und Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen)

Ulrike Kleinert erzählt in ihrem Buch von Frauen in den verschiedensten Lebenswelten. Da ist die Frau in einem Heim für Bürgerkriegsflüchtlinge, die gegen ihre traumatischen Erinnerungen ankämpft, die Frau, die einen alten Freund selbstbewußt spiegelt, daß er von ihr geredet, aber nur sich selbst gemeint hat oder die Migrantin, die mit schüchterner Beharrlichkeit ans Ziel gelangt. In den Erzählungen gibt es keine Heldinnen, aber auch keine Opfer. der innere Aufbruch der Frauen vollzieht sich zwischen Selbstbewußtsein und Zerrissenheit.
Migrantinnen und Frauen, die als Flüchtlinge hier leben, verlieren in den Schilderungen alles Fremde, so nah kommen sie uns, ein Symbol für einen Alltag, der lange schon selbstverständlich ist. Die einfühlsamen Texte lösen Betroffenheit aus, sind nah an der Wirklichkeit, aber voll von Bildern und einer eindringlichen Atmosphäre.
Der Band schafft es mit der Auswahl der Texte, eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft zu spannen.

 

Leseprobe:

,,Geld"

Sie mustern mich. Ich sehe, wie Ihre Mundwinkel verächt-lich zucken. Aber es ist nicht so, wie sie denken. Die Leute, die sie sonst in die Finger kriegen, sind nicht mit mir zu vergleichen. Es war Zufall, daß ich damit anfing.
An einem Donnerstag spät nachmittags knisterten in mei-ner Hosentasche ein paar Geldscheine, eine Zahlung, die ich gerade erst von meinem Konto abgehoben hatte. Das neue Geld vom Sozialamt. Mein Kühlschrank war gähnend leer, ein Einkauf nicht mehr aufschiebbar.

Einen ungünstigeren Zeitpunkt hätte ich mir nicht aussu-chen können. Die Leute drängelten an mir vorbei. Manche stießen mich mit ihrem Körper an, so daß ich unwillkürlich auswich. Um mich herum Hektik, Aufregung und äußerste Anspannung. Wie in einen Sog wurde ich mit hineingezo-gen, meine sonst bedächtigen, überlegten Handlungen fah-rig, meine Schritte schneller.
Vergeblich lief ich herum, um einen Einkaufswagen zu entdecken. Nichts. Ich stellte mich hinter den Kassen auf, aber die Leute eilten an mir vorbei, ohne mir ins Gesicht zu sehen. Mein schüchternes ,,Darf ich ihren Wagen?" wurde nicht gehört. Ich sah an mir herunter.
Meine Leggings beulten an den Knien, meine alte rote Jak-ke franste an den Armen aus. Himmel, was war schon da-bei, ich befand mich nicht auf einer Modenschau, ich wollte nur einkaufen, einfach einkaufen, wie alle.

Da rollte mir ein junger Mann in Ledermontur und mit kahlrasiertem Kopf einen leeren Wagen entgegen. Ich er-schrak und griff erst zu, als sich eine Frau in einem hell-blauen Kostüm, umgeben von einer Parfümwolke, mit ei-nem ,,Der gehört mir" vorbeidrängelte. "Nein", sagte ich und schob den Wagen entschlossen durch die Schranke vor der Lebensmittelabteilung. Mir fiel ein, daß ich dem Kahlköpfi-gen keine Mark in die Hand gedrückt hatte. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um in dem Gewühle Ausschau nach ihm zu halten. Er war verschwunden.
Erst als ich eine Tüte Golden Delicious, die von der wässe-rigsten, aber billigsten Sorte in den Wagen hievte, fiel mein Blick auf den Schlitz, in dem normalerweise eine Mark steckte. Er war leer. Pfeifend türmte ich auf ein Sechser-pack Nudeln im Sonderangebot, drei Dosen geschälte Tomaten à 49 Pfennig, Pilze, Erbsen, Möhren, Kochkäse und Fleischwurst. Jetzt noch Margarine und Brot und ich war versorgt. Zur Feier des Tages gönnte ich mir noch einen Schokoladenpudding und eine frische Gurke.
Geschafft! Ich reihte mich in die Schlange vor der Kasse ein, wo vor mir Hunderterbeträge zusammengerechnet wurden und seufzte. Mit 'nem Fuffi wollte ich heute hinlangen.''