Lübke, Josef: Nachkriegszeit in Mühlen

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Lübke, Josef
Nachkriegszeit in Mühlen
Erinnerungen.
Geest-Verlag, Vechta-Langförden 2005
ISBN 3-937844-91-0
10 Euro

 


Im vorliegenden Buch beschreibt Lübke die Lebens- und Arbeitsweisen der Menschen in dem kleinen Dorf Mühlen im Landkreis Vechta in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ein wichtiges Zeugnis der Heimatgeschichte, denn vom Brauchtum bis hin zu den Kinderspielen, von den Essgewohnheiten bis hin zum Arbeits-eben auf den Höfen stellt er die ganze Breite der damaligen sozialen Wirklichkeit eines "Durchschnitts-Zeitgenossen" dar.

Für Menschen aus dieser Zeit ein wichtiges Zeugnis der Begegnung mit der Vergangenheit, für jüngere ein Erinnern an Zeiten, in denen den Menschen der Wohlstand unserer heutigen Zeit noch völlig unbekannt war.

 

Leseprobe:

Die Hamsterzeit

Während bei uns auf dem Lande keine direkte Not herrschte, gab es in den ersten Nachkriegsjahren in den Städten großen Hunger. Insbesondere aus dem Ruhrgebiet kamen die Menschen massenweise aufs Land um zu "hamstern". Hamstern bedeutete damals, dass die Hungernden aus den Städten Kleidungsstücke, Bett- und Tischwäsche und vor allem Schmuck, Goldmünzen und sonstige Wertgegenstände einpackten, um diese Güter auf dem Lande gegen Lebensmittel einzutauschen. Die "Hamsterer", wie sie von der einheimischen Bevölkerung allgemein genannt wurden, kamen mit übervollen Zügen und das letzte Stück zu Fuß in fast alle Orte unserer Region. Kilometerweite Fahrten auf den Trittbrettern der Zügen lagen oft hinter ihnen. Begehrte Tauschobjekte waren für sie Kartoffeln, Speck, Fleisch, Geflügel, Mehl und Eier. Bei den aufgesuchten Familien gab es manchmal noch eine kräftige Mahlzeit und teilweise eine Schlafstelle für eine Nacht. Ob es bei diesen Tauschgeschäften immer gerecht zuging, muss nachträglich bezweifelt werden, denn die Städter befanden sich in einer akuten Notsituation und hatten oft keine Chance, das Optimale herauszuholen.
Die Möglichkeit, Lebensmittel und landwirtschaftliche Produkte abzugeben, war bei der Landbevölkerung mit den oft sehr großen Familien aber auch begrenzt. Von dem geernteten Getreide und den Kartoffeln musste für die Versorgung der Stadtbevölkerung grundsätzlich eine bestimmte Menge zu einem festgesetzten Preis abgeliefert werden. Außerdem war genau vorgeschrieben, wieviel Tiere pro Jahr geschlachtet werden durften. Die Bestände wurden regelmäßig von den Behörden kontrolliert. Jede Schlachtung musste gemeldet werden. "Schwarz" schlachten, was trotzdem vorkam, wurde schwer bestraft und es war schwierig, dies vor Nachbarn und zufälligen Besuchern zu verbergen. Da oft auch der Neid mitspielte, blieben Anzeigen auch unter Nachbarn nicht aus. In Cloppenburg, am Ende der Fußgängerzone, steht noch heute ein Denkmal, das an einen solchen besonders interessanten Fall erinnert. Die Hamsterer kamen natürlich öfter, da die Menge der Lebensmittel, die transportiert werden konnte, sehr begrenzt war. Oft wurden dieselben Familien wieder aufgesucht, wodurch sich in einigen Fällen sogar gute Bekanntschaften entwickelten. Mit der besseren Versorgung der Stadtbevölkerung erledigte sich dieses Problem nach relativ kurzer Zeit.