Lutz, Werner: Reformparadies Deutschland

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Lutz, Werner
Reformparadies Deutschland
neue einheiztext-satiren 2003 – 2005.
Deutscher Einhei(t)Z-Textdienst.
Geest-Verlag: Vechta-Langförden, 2005
ISBN 3-937844-84-8
10 Euro

 

Beipackzettel

Achtung! Vor diesem Mann muss dringend gewarnt werden! Werner Lutz schreibt Texte mit hinterlistiger Wirkung: Man lacht erst mal darüber, aber das Lachen bleibt dem Patienten alsbald im Halse stecken. In nicht wenigen Fällen ist es angesichts der von Lutz geschilderten Verhältnisse sogar zu akuter Übelkeit gekommen! Außerdem erhöhen seine Arbeiten die Pulsfrequenz und den Blutdruck. Mitunter soll seinen Lesern auch die Galle übergelaufen und der Kaffee hochgekommen sein. Auf jeden Fall hindern Lutzens Traktate am friedlichen Einschlafen und erzeugen im Gegenteil Zustände innerer Unruhe und Unzufriedenheit. Schon kleine Dosen können süchtig machen und dazu führen, dass man immer mehr lesen will. Erkundigen Sie sich deshalb vorsichtshalber bei Ihrem Buchhändler und bei anderen Lesern nach möglichen bewusstseinsverändernden Wirkungen! Es könnte nämlich sein, dass Sie nach der Lektüre Dinge hinterfragen, die Sie vorher für völlig normal gehalten haben. Wer schwach in Demokratie ist, sollte allerdings gleich eine doppelte Dosis Lutz nehmen - hinterher wird er sich in seinem staatsbürgerlichen Selbstbewusstsein deutlich gestärkt fühlen. Trotz dieses, in langjährigen Feldstudien nachgewiesenen positiven Effekts übernimmt bislang jedoch keine Krankenkasse die Kosten. Die Anwendung erfolgt also auf eigene Gefahr – zum Beispiel die des kritischen Nachdenkens. Reinhard Ulbrich, Satirezeitschrift „Eulenspiegel"

Leseprobe:

Der historische Vergleich
Als die römische Mutter Claudia, Tochter eines reichen Kaufmanngeschlechts, am Abend, als die Spiele im Kolosseum beginnen sollten, etwas besorgt fragte, ob die Verfütterung der Christen an wilde Tiere in der Arena schon das Richtige für ihren siebenjährigen Blasius sei, antwortete ihr Gatte das Gleiche wie Kurt Holzkirchner zweitausend Jahre später auf die Frage seiner Frau, ob der Bub die bevorstehenden Bombardierungen und Raketen-angriffe auf Bagdad im Fernsehen ansehen darf, nämlich: „Die Hauptsach' ist, dass er vorher seine Schulaufgaben ordentlich gemacht hat.“

Mindestlohngesetz
Im Rahmen ihres Sorgerechts für die deutsche Wirtschaft bringt die Bundesregierung mit diesem Mindestlohnge-setz zum Ausdruck, dass sich künftig für Unternehmen der Einsatz von Arbeitskräften - wie der Name schon sagt - "mindestens lohnen" muss. Aus diesem Grund gelten ab sofort folgende gesetzliche Bestimmungen:
§ 1: Mindestlohn bedeutet, dass übergangsweise für lohn-abhängig Beschäftigte mindestens noch Lohn zu zahlen ist.
§ 2: Der Mindestlohn darf 1 Euro pro Arbeitsstunde nicht überschreiten. Damit ist er nach wie vor allerdings erheb-lich teurer als die Postgebühr für einen Standardbrief.
§ 3: Alle weiteren Regelungen fallen daher unter die Post-gebührenordnung. Die Entlohnung darf vom Arbeitgeber mit sofortiger Wirkung aus der Portokasse finanziert wer-den und ist steuerlich voll absetzbar.
§ 4: Unfrankierten Arbeitslosen ist die Arbeitserlaubnis unter Androhung eines Strafportos zu verweigern.
§ 5: Nach Ablauf der Übergangsfrist zahlt die Gebühren (also den Mindestlohn) der Empfänger (der Beschäftigte).