Rabenmutter sein, das ist nicht schwer

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Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands - Regionalverband Kempen-Viersen (Hrsg.):
Rabenmutter sein, das ist nicht schwer
Erzählungen und Gedichte
208 Seiten
ISBN 3-937844-37-6
12,50 Euro

 

Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands - Regionalverband Kempen-Viersen (Hrsg.):

Rabenmutter sein, das ist nicht schwer

Erzählungen und Gedichte

Die vorliegende Sammlung von Erzählungen und Gedichten entstand als Auswahl aus einem bundesweiten Schreibwettbewerb zum Thema 'Rabenmütter', zu dem die kdf, Regionalverband Kempen-Viersen, zusammen mit dem Geest-Verlag aufgerufen hatte. Die Vielfalt der eingegangenen Beiträge verdeutlicht, welche Bedeutung das Thema auch heute noch in der Bundesrepublik besitzt. Mütter können den gesellschaftlichen und familiären Ansprüchen an die Mutterrolle nicht gerecht werden und geraten somit rasch in den Ruf einer Rabenmutter.

Dieses Buch kann und will keine Lösungsvorschläge bieten, kann den Betroffenen nur das Gefühl vermitteln, dass sie sich nicht allein in der Situation der Rabenmutter befinden, kann das damit verbundene Leid auch für betroffene Väter und Kinder schildern.

Als Anhang gibt es zudem ein bundesweites Adressverzeichnis von Beratungsein-richtungen.


Inhaltsverzeichnis

Ulrike Funck Vorwort
Alfred Büngen Rabenmütter müssen sein
Doris Hüls Rabenmutter sein, das ist nicht schwer
Birgit Kattelmann Nelly
Marion Hallbauer Kaffeebohnen für ein Leben
Martina Vermöhlen Zwischen den Stühlen
Marianne Pumb Die Rabenmutter
Katharina Seidel Das Über-Ich
Artur Nickel Der Schulbesuch
Simon Herzhoff Schutzlos
Birgit Erwin Wechselbalg
Olga Komlyk Das Foto
Jana Jürß Mein Paul
Myriam Keil Die Frage
Christine Schöning Das Muttergen
Katarina Niksic Unschuldig
Carmen Caputo Geld oder Zeit?
Beate Reckmann Dilemma
Helene Tesche Vom Raben und vom Kuckuck
Monika-Katharina Böss Hopplahopp
Marc Lehmann Später vielleicht
Siegried Constantin Psychogramm einer Rabenmutter ...?
Cordula Maria KrauseEllen Roemer Stacheln der EifersuchtMutterliebeEine wahre Geschichte
Nicole Schnetzke Die Mutter
Diana Lühmann Mutter und Sohn
Rita Kasumu Lügen haben lange Schatten
Christina Werres-Metz Ein Brief
Franz Xaver Unertl Der Bote der Feindschaft
Margrita Winterstein Möwen aus Hamburg
Nicole Schmidt Nichts leichter als das?
Wolfgang Wurm Auch nicht die Lerche
Andrea Stift Kleine Handreiche für Mütter eines behinderten Kin-des
Silvana Elisabeth Schneider Lasst uns Rabenmütter sein!
Nachwörter
Kerstin Rau-Berthold Nachwort
Bettina Gläser-Kurth Netzwerke
Überregionale Anschriften von Beratungsstellen

Die Sieger des Schreibwettbewerbes dieser Antholgie sind:

1. Platz Birgit Kattelmann Nelly
2. Platz Doris Hüls Rabenmutter sein, das ist nicht schwer
3. Platz Olga Komlyk Das Foto

Vorwörter:

Vorwort

Im November 2001 beschloss der Vorstand der Begegnungsstätte für Alleinerzie-hende, Frauen und Mädchen in Viersen, einen sozial geschützten Arbeitsplatz für eine Begegnungsstättenleiterin einzurichten. Sie sollte Frauen in schwierigen Le-benssituationen die notwendige qualifizierte Beratung und Hilfe bieten sowie die dort ehrenamtlich tätigen Mitarbeiterinnen begleiten.
Die katholische Frauengemeinschaft Deutschlands - kfd - in der Region Kempen-Viersen, die zu dieser Zeit mit dem Schwerpunktthema "Herausforderung Gerechtig-keit - hinschauen und handeln" arbeitete, war spontan bereit, nicht nur hinzuschau-en, sondern auch handelnd dieses Projekt mitzutragen.
Die Finanzierung der Stelle lag nun in der Hand des Vorstands der Begegnungsstät-te und der kfd. Durch die außerordentliche Solidaritätsaktion "Arbeit statt Armut - Frauen schaffen einen Arbeitsplatz für Frauen" gelang es vielen aktiven Frauen durch kleine und große Spenden aus unterschiedlichen Quellen, die sozial gesicher-te Stelle der Begegnungsstättenleiterin bis heute zu finanzieren.
Aber auch die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Problem der zunehmenden Armut von Frauen wird durch diese Aktion immer wieder angestoßen.
Mit dem vorliegenden Buch wird nun ein weiterer Schritt auf das gemeinsame Ziel hin getan, Begegnung und Beratung für Frauen aller Altersstufen durch eine qualifizierte und engagierte Fachfrau sicherzustellen.

Ulrike Funck
kfd- Regionalverband Kempen-Viersen

Rabenmütter müssen sein

Die Veränderung der materiellen Rahmenbedingungen in der Gesellschaft des 20. und 21. Jahrhunderts brachte eine Entwicklung neuer Familienstrukturen mit sich. Damit einher ging eine Veränderung der gesellschaftlichen, aber auch der familiären Rolle der Frau. Die Nur-Hausfrauenrolle löste sich auf. Frauen waren nun auch als Arbeitskräfte und als Konsumentinnen gefragt.
Dieser materiellen Veränderung hinkte und hinkt die geistige Entwicklung bis heute hinterher. Frau wird auch aktuell noch weitestgehend nur als Mutter definiert. De fac-to hat sie aber längst neue Rollen übernommen: Sie trägt mit ihrem Einkommen als Arbeitskraft oft wesentlich zum Lebensunterhalt der Familie bei, spielt gegenüber früheren Jahrhunderten eine völlig veränderte Rolle als Sexualpartnerin und be-kommt dazu in immer stärkerem Maße gesellschaftliche Erziehungsaufgaben über-tragen, prägt zudem als eigenständige Persönlichkeit eigene Wünsche und Erwar-tungen aus.
In dieser Anthologie stellen diese vielfältigen Rollenerwartungen den Rahmen dar, in dem die Erzählungen und Gedichte über Mütter spielen. Dabei wird deutlich, dass immer dann, wenn nur eine der Erwartungen an die Rolle ‚Mutter' nicht von ihr erfüllt wird, die Titulierung als Rabenmutter, in der deutschen Sprache der Inbegriff für eine lieblose Mutter, nicht weit ist. Ein unlösbarer Zwiespalt für Frauen, denn die Vielzahl der Erwartungen sind nicht zu befriedigen, die Rollenkonflikte nicht auflösbar.
Und noch eines wird in den Beiträgen deutlich. Unter der Stigmatisierung als Ra-benmütter leiden nicht nur die Mütter. Kinder und Väter solcher ‚Rabenmütter' wer-den gleichfalls als ‚fehlerhaft' angesehen und sehen sich selber als solche an.
Natürlich kann dieses Buch keine gesellschaftlichen Lösungen anbieten. Es kann nur dazu beitragen, die Vielschichtigkeit des Problems aufzuzeigen, kann vor allem auch Frauen bewusst machen, dass ihr ‚Rabenmuttersein' kein individuelles Fehlverhalten ist, wenn die Ebene des humanitären Handelns nicht verlassen wird. Der Nachsatz erscheint notwendig, da uns im Buch auch Erzählungen begegnen, in denen diese Grenzen der Humanität radikal zu Gunsten individuellen Erfolgs- oder Lustgewinns verletzt werden.
Die im letzten Beitrag des Buches enthaltene Aufforderung der Autorin Silvana Elisa-beth Schneider ‚Lasst uns Rabenmütter sein' deutet allerdings eine auch in anderen Beiträgen erkennbare Haltung an, die zumindest im Bewusstsein von Frauen und Müttern eine Hilfe darstellt. Die Verhaltensweisen der Rabenvögel werden auf ihre tatsächliche Inhaltlichkeit hin betrachtet und positiv bewertet, da sie den Rabenkin-dern, der Rabenmutter selbst und auch dem Rabenvater helfen, eigene Persönlich-keit auszuprägen und zu behalten. Dass dabei die wesentliche Verantwortung und Triebkraft des Handelns bei der Rabenmutter liegt, entspricht der besonderen Rolle, die Frauen in der gesellschaftlichen Entwicklung heute spielen, ohne dass sie dafür die entsprechende gesellschaftliche und auch familiäre Anerkennung erhalten.

Alfred Büngen
Geest-Verlag

Leseprobe aus der Siegergeschichte:

Birgit Kattelmann

Nelly (Auszug)
Nelly sitzt an der Böschung des Grabens in der Hocke und denkt nach. Ihre kleinen Händchen haben so oft an die Nase gegriffen, dass das Gesicht ganz dreckig davon ist. Die Sonne meint es gut mit Nelly, sie bescheint ihre blonden, langen Locken und brennt sie zu reinem Gold. Nelly dreht etwas davon zwischen ihren Fingern. Die Kat-ze, die Drei heißt und ihr Kind Kätzchen streifen schnurrend um Nelly herum.
Hier am Graben werden die Polizisten und Frau Werberg sie nicht finden.
An jenem Tag war sie auch am Graben hinter dem Haus gewesen, weil Mammy bö-se gewesen war, so wie heute. Nelly hatte auch mit der Katze gespielt. Als es ge-knallt hatte, war sie zusammengezuckt und hatte schnell zur Tür geguckt, ob Mammy wohl herauskam.
Nelly hat vergessen, was danach geschehen war.
Sie dreht sich wieder zu den Rindenschiffchen auf dem Wasser und bläst einen kleinen Wind aus ihren zusammengelegten hohlen Händen, der die Schiffchen zum Schaukeln bringt.
Als ein Schatten ihre Papiersegel verdunkelt, schaut Nelly auf. Frau Werberg ist es. Die Schlampe vom Sozialamt.
In dem kleinen Korb in Frau Werbergs Hand liegen Sachen von Nelly, sie erkennt ihren Pullover und die Jeanslatzhose.
Frau Werberg streckt auffordernd die Hand nach Nelly aus.
"Wir wollen keinen Ärger mir der, Baby", hat Mammy einmal gesagt, deshalb steht Nelly auf, legt gehorsam ihre Hand in die von Frau Werberg und geht mit ihr ...