Ullmann, Günter: Wolkenlicht

Autor: 

 Ullmann, Günter:

Wolkenlicht



  Gedichte, Aphorismen
und Kurzprosa aus 40 Jahren.

Gespräch Günter Ullmann
und Udo Scheer

‘Reifer durch Wunden’.


Geest-Verlag, Vechta 2006
216 S.
ISBN 978-3-86685-024-8

Zum 60. Geburtstag des Thüringer Autoren gibt der Geest-Verlag einen Band mit dem Querschnitt aus seinem literarischen Schaffen heraus. Vorab fürt ein Gespräch zwischen Udo Scheer und Günter Ullmann über die Bedeutung von Lyrik in das literarische Schaffen Ulmmans ein. Zwei Beiträge, einer von seinem langjährigen Freund Voker Müller und ein Gedicht des jungen Lyrikers Christopher Haupt runden den Band ab, der als ein 'Muss' für jeden Lyriker angeshen werden muss.

Volker Müller Ein offenes Fontane-Wort

Für den Fall, dass es jemand noch nicht wissen sollte: Günter Ullmann ist ein Quälgeist. Im weitesten Sinne jedenfalls und nach menschlichem Ermessen. Er meldet sich jeden Morgen übers Telefon und fragt nach drei Dingen: ob ich schon mit dem Hund draußen war, ob etwas anliegt und ob es Neues gibt. Ich möchte dazu feststellen: Wer über Jahre hin nach dem Gang mit dem Hund fragt, hat offenbar keinen oder nur einen unzureichenden Begriff von der Faszination täglicher Pflichterfüllung. Wer einen Journalisten fragt, ob etwas anliegt, weiß, bedenkt, ahnt nicht, dass jener andernfalls verhungern müsste. Und einen armen Tropf immer wieder nach etwas Neuem, Hoffnung Stiftendem zu fragen, der zu spät mit dem Schreiben begonnen hat, als dass sich für ihn, zu Lebzeiten jedenfalls, noch ein sonniges Plätzchen findet - das grenzt schon an Folter. Die Telefonate sind jedoch noch nicht alles. Manchmal schickt Günter Ullmann auch neue Gedichte. Dabei habe ich ihm schon tausendmal gesagt, dass ich mich aus tausend guten Gründen nicht mehr für Literatur interessiere. Der wichtigste Grund: Literatur ist seit 1989 nicht mehr interessant.
Günter schickt mir nicht nur Gedichte. Er vertraut mir auch seine Pläne an. Ein Plan ist, eine Anthologie herauszubringen, in der alle armen Tröpfe vertreten sind, die nach 1945 in Greiz geschrieben haben. Wieviel Zentner das Opus wiegen, wer es lesen soll, ob der Landstrich die Anstrengung verdient - all das tut der Plänemacher mit einem verschmitzten Lächeln ab. Günter vertraut mir nicht nur seine Pläne an. Er ... aber damit höre ich jetzt auf. Ich will kein dickes Buch schreiben.
Ich möchte im Sinne fairer Ausgewogenheit noch auf eine rühmliche Seite zu sprechen kommen. Es hilft nichts. Es ist, wie es ist: Der Raucher und Dauer-Kaffee-Trinker Ullmann hat mir auf dem Gebiet des Sports, das mich im Gegensatz zur Literatur brennend interessiert, zwei empfindliche Niederlagen zugefügt. Während einer Woche auf der autofreien Insel Hiddensee wollte der Freund zuerst nicht aufs Fahrrad steigen. Wegen der dabei zu erklimmenden Höhe, der Anstrengung, des Windes, der rauen Seeluft, des möglicherweise rufschädigenden Gesamtbildes, weil die Sterne nicht günstig standen, er schlecht geträumt hatte und weil man grundsätzlich einen Menschen zu nichts zwingen sollte. Als Günter sich schließlich doch aufs Rad schwang, was ihm erstaunlich flink gelang, dann merkte, dass er auf diese Weise schneller von Café zu Café kam, fuhr er allen davon - obwohl er mit seinem ruckartiger Tritt noch jede Menge Vortrieb verschenkte.
In einer Hitzeperiode im Allgäu überließ er mir während einer Wanderung großzügig die Wasserflasche und ging auch ungerührt an den Dorfbrunnen vorbei, ohne - wie ich - den Kopf tief eintauchen zu müssen, um überhaupt noch bei Sinnen zu bleiben. Günter schritt, glitt, eilte durch die flirrende Luft, als wäre er ein mit unerschöpflichen Kräften beschenkter Griechenheld. Ich könnte mir noch vieles von der Seele schreiben. Im weitesten Sinne und nach menschlichem Ermessen. Ich will davon absehen. Ich will es bei einem Wunsch belassen, der ein Wort Theodor Fontanes abwandelt: Lieber Günter, bleibe, der du bist.