Annalena Lohaus - U-Bahn-Schmierereien

Annalena Lohaus, Seeheim
U-Bahn-Schmierereien

Erst fällt mir das Hakenkreuz gar nicht auf. Wenn ich mit der U-Bahn nach Hause fahre, geht mein Blick meistens ins Leere. Ich lese die überladenen Werbeversprechen über den Köpfen meiner Mitfahrer oder starre auf mein Handy, nur um ihnen nicht in die Augen schauen zu müssen.
Das Hakenkreuz ist klein, nur ein paar Zentimeter breit, und wurde mit schwarzem Filzstift auf die Fensterscheibe gemalt, direkt neben dem linken Ohr der Frau mit dem stren-gen Dutt, die mir gegenübersitzt.
Es fällt mir nur auf, weil ich ihre Ohrringe betrachte. Echte Perlen.
Es ist nicht das einzige. In der oberen Ecke des Fensters steht „Judenschweine raus". Ich gucke mich um. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man überall kleine, eilig hingekrit-zelte Hakenkreuze. Auf den Fenstern, der Wand, den Werbe-tafeln. Auffallen tun sie niemandem so recht. Zumindest schaut keiner hin. Manchmal ist es einfacher, Dinge nicht zu sehen, Dinge nicht zu wissen.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sich einmal mein Vater und mein Großvater stritten. Ich war noch klein. Wahrscheinlich wusste ich noch nicht einmal, was ein Ha-kenkreuz ist und wer Nazis sind.
Mein Großvater beteuerte damals, dass sie „nichts ge-wusst“ hätten. Mein Vater sagte, dass sie „nichts hätten wis-sen wollen“. Worum es ging, verstand ich erst später. Wer von den beiden recht hatte, weiß ich bis heute nicht. Aber schon damals hörte ich die Verzweiflung und die Scham in der Stimme meines Opas.
Während ich das kleine Hakenkreuz betrachte, muss ich an ihn denken. Er war ein Kind im Zweiten Weltkrieg. Einmal erzählte er mir, wie er nach der Schule nach Hause kam und seine Eltern anbettelte, in die Hitlerjugend zu dürfen. Alle waren dort. Und wenn sie morgens in der Schule sangen, durften nur die mitsingen, die in der Hitlerjugend waren. Mein Großvater wollte dazugehören. Das wollen doch alle.
Sein Glück war, dass er während des Krieges Kind blieb. Dass er den Sprung zum Mann erst später machte und nie-mals eine Waffe führen musste. Vielleicht bewahrte ihn das davor, zum Mörder zu werden.
Mein Großvater starb, als ich ein Teenager war. Zu jung, um die Fragen zu stellen, die ich heute habe, zu alt, um mir seine Geschichten anzuhören. Trotzdem habe ich das Gefühl, ihn gut gekannt zu haben, denn er hat mir einen großen Schatz hinterlassen: die Bücher, die er in dem schweren Oh-rensessel im Wohnzimmer sitzend so gern las, die so viel über ihn verrieten.
In seinem Arbeitszimmer stand ein dunkles Holzregal, das ich besonders interessant fand. Dort stand „das schlimme Buch“, wie es meine Großmutter nannte. Mein Kampf. Ver-steckt hinter anderen Büchern; Biografien über Goebbels und Göring, Abhandlungen über den Fall der Weimarer Republik und den Aufstieg Hitlers, Bücher über Massenpsychologie und Faschismus.
Ich glaube, mein Großvater wollte verstehen.
Er wollte verstehen, wie es so weit kommen konnte. Und wieso er als Kind so leicht in die Propagandafalle tappte. Wer weiß, welche Rolle er im Krieg gespielt hätte, wäre er nur et-was älter gewesen. Vielleicht wäre er stolz in den Krieg gezo-gen, bereit, für das Vaterland zu sterben.
Ich denke über mich selbst nach.
Wer wäre ich gewesen? Eine Sophie Scholl?
Ich glaube nicht. Den Mut, unter Einsatz des eigenen Le-bens gegen ein übermächtiges Regime zu kämpfen, haben nur wenige. Ich wahrscheinlich auch nicht. Es ist bequemer mitzulaufen. Wegzuschauen.
Und manchmal ist es erleichternd, wenn es klare Regeln gibt. Ich mag es, zu gefallen. Ich passe mich gern an. Keine gute Mischung.
Wahrscheinlich hätte ich auch weggesehen. Solange es meiner Familie gut geht, ist es einfacher, sich zu fügen. Ich hätte vermutlich alles darangesetzt, mein kleines Leben so unbehelligt wie möglich zu führen, und hätte ignoriert, dass nicht alle diese Möglichkeit haben. Und dass ich durch mein Stillschweigen anderen dieses stille, glückliche Leben nehme.
Meine Haltestelle kommt, doch ich bleibe sitzen. Die Tü-ren schließen – „Zurückbleiben bitte“ – und ich starre noch immer auf das Hakenkreuz.
Ein Mann ist eingestiegen. Er ist schwarz.
Ich weiß nicht, ob er die Hakenkreuze bemerkt hat. Sein Blick ist auf sein Handy gerichtet.
Dabei sind sie doch eine Botschaft an ihn. Sie sagen ihm, dass hier Leute sind, die Menschen wie ihn für minderwertig halten. Die wollen, dass er geht. „Nach Hause“, wie sie sagen. Wo auch immer das sein soll. Jedenfalls nicht hier.
Ich schaue mich in der Bahn um. Da sind noch mehr Leute, an die sich die Hakenkreuze richten. Zwei Frauen mit Kopf-tuch unterhalten sich in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Mir gegenüber sitzt ein Mann mit Kippa. An der Tür steht ein Mädchen mit Schulranzen und unterhält sich mit ihrer Freundin. Ihre langen, schwarzen Haare sind zu einem Zopf geflochten, der ihr bis zur Hüfte reicht. Ihre Haut ist dunkel. Sie lacht laut auf und schlägt sich die Hand vor den Mund.
Das sind nur die Leute, die ich sehe. Vielleicht sind einige Mitfahrer schwul. Wer weiß das schon.
Ihnen allen sagen die Hakenkreuze jedenfalls: „Wir wollen euch hier nicht!“
Dass niemand offen widerspricht, muss als stille Zustim-mung gewertet werden. Aber Widerstand ist schwer, er ist anstrengend. Und manchmal auch gefährlich.
Die Frau neben mir tippt mich an. Ihre grauen Haare trägt sie kurz und sie hat ein warmes Lächeln.
„Weißt du“, sagt sie, „Filzstifte kriegt man mit Nagellack-entferner weg.“
Ich starre sie an. Dann nicke ich.
„Hat hier jemand Nagellackentferner?“, frage ich laut. Die anderen Menschen schauen mich verwirrt an. Dann wühlt eine der Frauen mit Kopftuch in ihrer Handtasche und holt ein kleines Fläschchen heraus. Sie reicht es mir.
Meine Sitznachbarin gibt mir ein Taschentuch.
Ich spritze Nagellackentferner drauf, gehe zu der Scheibe und beginne, das Hakenkreuz wegzurubbeln.
Neben mir taucht ein Mann auf; auch er hat ein Taschen-tuch in der Hand. Ich gebe ihm den Nagellackentferner und er beginnt „Judenschweine raus“ wegzuwischen. Mehr Men-schen wühlen in ihren Taschen. Der Nagellackentferner wird herumgereicht, Taschentücher befeuchtet und Fenster und Wände geschrubbt.
Am Ende sind alle Schmierereien verschwunden.
Dafür steht eine stille Botschaft im Raum.
Du gehörst hierher.