Erste Reaktionen auf Gottfried Meinholds Roman 'Prag Mitte Transit'

schreibt zur Veröffentlichung von Gottfried Meinholds Roman

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Jena, 01.08.08) Auf den Tag genau 40 Jahre nach dem Prager Frühling,
als Prag für eine Weltsekunde dramatischer Weltmittelpunkt schien, wird
Gottfried Meinholds Epos „Prag Mitte Transit“ vorliegen.

Der Sprachwissenschaftler und Autor wird den Band erstmals am 21.
August um 18 Uhr in den Rosensälen der Friedrich-Schiller-Universität
Jena (Fürstengraben 27) präsentieren; der Eintritt zur Buchpremiere ist
frei.
Es ist eine literarische Chronik jener historischen Tage, das
Zeitgemälde einer Odyssee, geschrieben/gezeichnet mit derart
historiografischer, topografischer und chronometrischer Genauigkeit,
dass man Geschichtsuhr (MEZ) und Messtischblatt danach erstellen
könnte. Längst hat der Stoff im 72-jährigen Autor auf Lauer gelegen,
bis er schließlich nimmer zu dämmen war und er kataraktartig aus ihm
hervorbrach. Er drängt die Dreiheit aus Fiktion, Fakten und
poetisch-parabolischen Interjektionen über ein Volk der „Kaskadier“ in
sein Erzählbett. Gleich einem aufgeschreckten, schreibbesessenen, doch
hoch politisierten Serenus Zeitbloom ist Eckard, Meinholds Protagonist,
bereit, sich in seiner Obsession „um Kopf und Kragen“ zu schreiben. Der
Autor schnallt ihn auf das Nagelbrett jener epochalen Tage. Er lässt
ihn vorm gewaltigen Rundhorizont der Ereignisse reagieren und agieren.
Dabei klopft der Autor immer wieder akribisch seine eigene Biografie ab.
Wie ein gewissenhafter Archivar holt Meinhold aus der Überfülle
historischen Materials bereits ins Vergessen abgetauchte Details wieder
hervor und fertigt daraus seinen Zeitbericht, der z. T. zu exakt
recherchiertem und daher glaubwürdigem Dokument gerät – zu einer Art
Kriegstagebuch. Auf der Drehbühne vor bedrohlich lohender Kulisse
zwingt er seine Akteure zu Taten, mit denen sie Unterdrückung und
Verzweiflung nicht länger hinnehmen wollen. So ersteht eine Anatomie
des Widerstands und zugleich des Verrats mit Verhaftung und
Demaskierung, mit Krebsgeschwulst und Fehlgeburt, während die Palach
und Brüsewitz verlohen. Und der außerordentlich sensible
Sprachwissenschaftler Meinhold zeigt sich wieder einmal – versierter
Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Literatur, der er ist – als
sprachmächtiger, -libidinöser Erzähler, dessen „Helden“ hochgradig
traumatisiert sind. Es sind ideologisch geradlinige, empörte
Moralisten. Sie sind überwältigt von dem „ungeheuren, stürmischen,
tosenden, wilden Geschehen“ dieser „unvergesslichen Ereignisse“. Gleich
aufgeregten Seelen werden sie gepeitscht von „Schmerz, Zorn, Hoffnung,
Euphorie und Angst“. Sie wissen, „dass Leben bedeuten kann, nur noch
nicht exekutiert worden zu sein“.
Dann wieder gibt sich der Autor als purer Rationalist, Agitator und
Didaktiker zu erkennen, der offenbar einer Pflicht gehorcht, Unerhörtes
aus Vergessen oder Verharmlosung zu reißen, um es aufzubewahren für
alle Zeit. Damit erweist er sich als Klardenker, der eine harte
Frontlinie zieht zwischen Systemkritikern und Apologeten, zwischen
Gerechten und Ketzern, Lichtbringern und Finsterlingen. Er schreibt an
gegen die eigene Ohnmacht und schärft dabei sein Skript zur Axt.
Das alles schwillt zu einer Ästhetik des Widerstands aus der zweiten
Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Es gibt hochinteressante Her- und
Hinführungen zu Kafkas Prag und Johnsons „Jahrestagen“, aber auch an
Koestler und Sebald lässt sich denken.
Muss da noch versichert werden, dass solch ein sich nahezu maßlos
entrollender Text, der unter der Wucht der Geschichte zu ächzen
scheint, dennoch ein Lesevergnügen ist – darf man überhaupt von
Vergnügen sprechen angesichts solch abgründiger Narration? Dank seiner
ist es möglich, bereits verschüttet Geglaubtes jener Jahre wieder
minuziös wachzurufen und damit unserer lahmenden Erinnerung
entgegenzuwirken. Der Leser mag sich mitgenommen fühlen durch alle
Längen und Breiten des gewaltigen Erzählstroms. Für ältere Leser ist’s
das Aufreißen einer vielleicht schon vernarbten Wunde, für neugierige
junge könnte es Lehrbuch sein. So will es auch der Autor.
Ein solch umfangreiches und formexperimentelles Epos zu verlegen ist
Wagnis. Gottlob hat es der Geest-Verlag publiziert und damit ein
wichtiges Stück Zeitgeschichte literarisch aufgehoben.

Edwin Kratschmer