Anna Marie Reischauer - Zerrissen in rasender Stille

Hördatei: 

Anna Marie Reischauer (19 Jahre)

Zerrissen in rasender Stille

 

Menschen. Menschen. Noch mehr Menschen. Alle wollen hinein. Egal, ob es geht oder nicht. Dicht gedrängt. Schauen um sich, ohne wirklich zu schauen. Flüchtige Blicke. Auf der Suche nach einem Platz in diesem Gewusel. In dieser Masse. Zum Glück stehe ich in einer Ecke. Zum Glück kann ich mich festhalten und aus dem Fenster schauen. Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren. Tief durchatmen. Mein Herz rast. Umgeben von schweißperlenden Gesichtern, ständig werde ich angerempelt, es ist so laut. Lange ertrage ich das nicht. Es wird eh schon ein schwieriger Tag werden. Der ältere Herr braucht einen Sitzplatz, wieso bietet ihm denn niemand einen an? „Entschuldigung … Entschuldigen Sie bitte?“ Mich hört man sowieso nicht. Alle blicken hinunter. Nackenstarre. Hinunter auf ihre Smartphones, niemand schaut sich um, niemand lächelt, niemand nimmt den Moment wahr, so habe ich das Gefühl. Selbst die kleinsten Kinder gefesselt von bunten Lichtern, irrealen Wesen und Welten. Flackern. Langweilig wäre es, nach draußen zu schauen, Tiere und Menschen, die Natur oder das alltägliche Geschehen zu beobachten. Bloß, dass sie nicht nerven, dass sie still sind. Erst einmal. Denn dann sind sie erst richtig hibbelig. Die meisten haben Kopfhörer im Ohr. Die eine ist am Telefonieren. So, dass sie das ganze Abteil unterhält. Merkt sie überhaupt, dass sie hier nicht die Einzige ist? Drei Einkaufstaschen pro Arm, mindestens. „Alter, Digga, ey … Morgen Abgabe Hausarbeit.“ „Digga, chill mal, ChatGPT regelt.“ Zwei Jugendliche lachen sich kaputt. Wo soll das noch hinführen? Wenn man nicht einmal mehr allein nachdenken kann? Wenn man alle seine Fähigkeiten nach und nach abgibt? Alles muss schnell gehen. Dass man bloß keine lästige Arbeit hat. Dass man sich bloß nicht mit Lernen quälen muss. Schnell. Schnell. Schnell. Menschen wie eilende Schatten. Zwischen Bildschirmen und Nachrichten. Fremdbestimmt. Alles gleichzeitig: Telefonieren, zur Haltestelle rennen, am Handy zocken, Make-up auftragen, TikTok-Reals schauen. Wisch, wisch, wisch, das Nächste und das Nächste. Es lohnt sich doch nicht, sich ein Video ganz anzuschauen. Das ist öde. Nein, das lohnt sich wirklich nicht. Aber einfach deshalb, weil vieles Quatsch ist und gar keinen Inhalt hat! Merkt ihr nicht, wie besessen ihr seid, wie ihr manipuliert werdet, wie der Algorithmus genau auf euch abgestimmt ist, wie ihr euer Privatleben verliert? Wie die Welt extremer, radikaler wird? „Drei T-Shirts für nur fünf Euro“, „Kommt vorbei, 50 Prozent auf alles!“, Werbung über Werbung. Alles blitzt und funkelt. An jeder nächsten Haltestelle ein neues Plakat, verlockend … Wie kann das sein? Wie können wir in so einer Konsumgesellschaft leben, während Kinder in armen Ländern arbeiten müssen? Ausgebeutet werden. Leiden. Damit wir günstig unsere Kleidung kaufen können. Ich blicke nach oben, um nach Luft zu schnappen. Vielleicht ist es ja dort nicht so stickig. Um meinen Nacken zu bewegen, der verspannt ist und schmerzt. Keine Chance. Stattdessen bleibt mein Mund offen stehen, als ich daran erinnert werde: Überschwemmungen in Südkorea, Taifun in Vietnam, Eskalation in Gaza, Cholera-Epidemie in Sudan, Rekordhitze, Mega-Waldbrände, globale Korallenbleiche, Great Barrier Reff: Größter jährlicher Verlust seit 39 Jahren, Gewalt, Vertreibung, humanitäre Katastrophen … Frostdurchzogen erschaudere ich. Ich zucke zusammen. Es betrifft jeden von uns. Doch manches scheint so weit weg zu sein, dass es abgetan wird, dass es vergessen wird. Vergessen, wie schlecht es vielen geht, wie sie kämpfen müssen. Kämpfen und bangen ums Überleben. Von einem würdevollen Leben und Wohlstand weit entfernt. Währenddessen schwärmt mein Nachbar vom nächsten Urlaub – ein Billigflug nach sonst wo. Am liebsten würde ich jetzt laut schreien und alle, die hier neben mir stehen, darauf aufmerksam machen. Doch ich kann nicht, etwas hemmt mich. Wieso bloß? Ich habe Angst. Ich möchte nicht in so einer Welt leben! Ich möchte nicht Teil davon sein, ich möchte mich abgrenzen können, weil es nicht meinen Werten und Vorstellungen entspricht, wohin der Strom zieht. Aber das ist verdammt schwierig, weil ich weiß, dass ich mich dann einsam fühlen werde. Ich fühle mich fremd. Ich möchte ausbrechen. Mich loslösen aus der Masse. Meine Identität und Individualität leben. Nur wie? Ich habe ganz vergessen, wie ich bin. Wer bin ich ohne das ständige Anpassen an die Außenwelt, die mich einengt, als wäre ich gefangen, ohne Zwänge und Gedankenspiralen, in die ich hineingerate? Ich habe das Gefühl, die Melodie meines eigenen Schrittes in dem Getümmel der Welt zu verlieren.

Ich muss funktionieren, das Leben geht weiter. Es muss. Erwartungen, die es zu erfüllen gilt, eigene Ansprüche, die so hoch sind, dass es schwer ist, sie zu erreichen, schwirren in meinem Kopf. Sie plagen mich ständig und rauben mir manchmal die letzte Kraft. Sie setzen mich so unter Druck, dass das Adrenalin die Erschöpfung verdrängt. Ich spüre sie nicht. Nicht in dem Moment. Es ist gar keine Zeit dafür, sich Ruhe zu gönnen, Pausen zu machen, sich Zeit zu nehmen. Einfach mal den Gedanken freien Lauf zu lassen. Innehalten. Wie oft ich mir vornehme, achtsamer zu sein, mich mit einer Teetasse hinzusetzen und zu entspannen. Nein, das ist so schwer, das schaffe ich nicht. Ich muss doch noch so viel machen und ich möchte es gut machen! Wie Laub wirbeln sie in meinem Kopf umher, der Sturm lässt es nicht sinken. Tausende Gedanken begleiten mich, mal erscheinen sie wie ein Blitz und erschrecken mich, mal ziehen sie auf und kommen näher und näher wie eine Wolke, die plötzlich meine Sicht vernebelt, sodass ich in einem Nichts stehe, ich womöglich die Orientierung verliere, nicht weiß, wo vorne und hinten ist, nicht sehe, wo lang ich gehen muss, alles verschwimmt, alles durcheinandergerät. Und ich mich hilflos, blockiert und verzweifelt nach einem Licht sehne, welches mir den Weg weist und mich in die richtige Richtung lenkt. Auch wenn ich es in solch einem Moment nicht glaube, ziehen diese Wolken vorüber. Sie kommen und sie gehen. Doch manchmal, wenn es einfach zu viel ist, wenn mein Kopf so voll ist, aber ich ihm keinen Raum gegeben habe, den Kopfkram zu sortieren, ihn zu entleeren, den Ballast zu entsorgen, dann prasselt plötzlich alles auf mich ein. Gefühle zuzulassen, sie zu akzeptieren, sie zu spüren, wieso ist das so schwer? Es hilft mir, mich abzulenken, mich mit anderem zu beschäftigen, meinen Pflichten nachzugehen, „Sinnvolles“ zu tun. Jedoch vermeide ich dadurch und verdränge etwas, das aber nicht einfach verschwindet, so wie ich es mir vielleicht wünschte. Dann kommt es eben dazu, dass ich nachts stundenlang wach liege, mich hin und her wälze, wieder versuche, durch ein Hörbuch auf andere Gedanken zu kommen, bloß dass ich mich nicht mit Emotionen beschäftige. Emotionen, die ich als unangenehm oder furchterregend bewerte und empfinde, die mich aber anscheinend nicht loslassen wollen. Zu dem Zeitpunkt ist es nicht nur ein Blitz, den ich von weiter weg beobachtete, sondern ein ganzes Gewitter. Ein prasselnder Regen, der nicht aufzuhören scheint. Der mich fast zu ertränken droht. Dann blitzt es in der einen Sekunde und in der nächsten direkt wieder. Dann höre ich den Donner, der aus dem ewigen Grummeln hervorsticht. Vielleicht war es schon schwül gewesen, vielleicht hätte ich ein Gewitter erahnen können, hätte ich beobachtet. Vielleicht wäre es dann aber auch an mir vorbeigezogen und es hätte bloß getröpfelt. Ich weiß, dass ich loslassen muss. Loslassen von Mustern, von Lösungsstrategien, die nicht gesund sind. Die mich nicht weiterbringen, sondern mich einsperren. Ich weiß, dass dann viel Platz für Neues ist. Für Freiheiten, für einen Neubeginn, für Sehnsüchte, denen ich nachgehen kann. Ich weiß, dass ein Ende gleichzeitig ein Anfang sein kann. Doch dieses Wissen allein reicht nicht. Die Vernunft ist nicht mächtig genug, sich durchzusetzen. Der Wille ist nicht stark genug. Nicht stark genug, solange ich an etwas festhalte, was mir etwas bringt, was mir in dem Moment hilft und in dem Moment als Ausweg erscheint.

„Ey, kannst du nicht mal aufpassen?“ Huch, was war das? Ich erschrecke. Ich. In der Ecke in der Bahn, Kopf an Kopf mit einer Person, die mich verdutzt anstarrt. Was ist passiert? Was habe ich getan? Das wollte ich nicht. „Ich muss da durch.“ Ich kann nicht rücken, es ist zu voll. Hilfe! Ich will hier raus. Gleich muss ich aussteigen. Endlich. Jedoch an einem Ort, an dem ich eigentlich nicht sein möchte. Vor dem ich Angst habe. Es ist nun final. Ich kann das alles nicht realisieren. In den letzten Wochen ist alles an mir vorbeigerauscht. Wie ein Film im Zeitraffer. Und plötzlich Stillstand. Ein kurzes Schweigen, das schneller ist als alle Worte. Jetzt bin ich hier. Für eine kurze Zeit wie eingefroren. Eingefroren, während alles um mich herum davonzuströmen scheint. Auch ich merke nun wieder, wo ich bin. Auf dem Weg. Ich weiß nicht, was auf mich zukommt, wie ich mich fühlen werde. Keiner kann mir das beantworten. Keiner sieht es mir an, was mich gerade nervös macht. Vielleicht merkt man nicht einmal das. Was geht wohl in den anderen Köpfen vor? Jeder hat seine eigene Geschichte. Ist ein Teil des Ganzen. Mittendrin.

Als dieses Lied ertönt, gemeinsam gesungen wird, mir die Worte über die Lippen gleiten, da spüre ich auf einmal, wie eine Träne über meine Wange kullert. Ich weiß gar nicht mehr, wie sich das anfühlt. Wie ein Regentropfen läuft sie hinunter. Kalt und warm zugleich. Es ist so ungewohnt, dass ich versuche, sie aufzuhalten, doch dadurch wird der Kloß im Hals nur umso größer. Mein Gesicht verzieht sich, ich will nicht, aber dann lasse ich los, zumindest für diesen Moment. ‚Ich darf‘, sage ich mir, so schwer es mir fällt. Es kommen keine Worte mehr aus meinem Mund heraus, ich sehe verschwommen. Wie ein Ende fühlt es sich an. Für mich. Vielleicht ist es das nicht. Für andere. Etwas, was ich nicht wieder rückgängig machen kann, was einfach nicht möglich ist. Erinnerungen kommen hoch. Ihr Duft zieht durch meine Nase, ich sehe sie vor meinem inneren Auge, ich spüre ihre Wärme und höre ihre Stimme. Gerade noch stand ich reizüberflutet in der Bahn, jetzt bin ich hier und kann es nicht fassen. Die Stille fast unaushaltbar. Gänsehaut. Wir sind zusammengekommen. Menschen, die ich liebe. Ich bin nicht allein. Jetzt nicht. Verrückt, wie sich das Leben wandeln kann, wie es von der einen zur anderen Sekunde geschieht. Was wäre gewesen, wenn …? Diese Fragen, die mir wie ein unendliches Kettenkarussell durch den Kopf kreisen, kann mir niemand beantworten. Niemand weiß, von wo ich kam, niemand wird mir sagen, wohin ich geh‘. Ich werde dich so vermissen.

Rattern, Krachen, Klirren, Zischen, Poltern. Aufschrecken. Ein Flugzeug über der Kapelle. Menschengeschwirr. Gedrängeflimmer. Selbst hier, wo Stille herrscht. Selbst hier spüre ich die Nervosität, die Hektik. Wo bin ich? Gedankenversunken. „Die Arbeit ruft, wir müssen uns verabschieden.“ Abschied. Das Wort, das mir wehtut.

Mitgetragen von den anderen merke ich gar nicht, wie der Tag vergeht. Es ist ein Durcheinander in mir. Ein Auf und ein Ab. Mut, meinem Leben einen Sinn zu geben. Lichtblicke. Trauer und Dunkelheit. Dankbarkeit. Schuld. Ein Gefühl von Leere. Innerlich zerrissen.

Liebe Oma!

Weißt du noch, wie wir damals am Fluss saßen? Auf der bunten Blumenwiese. Kleine Marienkäfer, die uns erfreuten, flogen um uns herum, Vögel zwitscherten und wir lachten. Wir schauten uns an und mussten nicht einmal etwas sagen, um zu zeigen, dass wir glücklich sind, um zu spüren, wie gern wir uns haben. Es war ruhig und wir konnten den Naturgeräuschen lauschen. Du hast mir von früher erzählt. Eine ganz andere Zeit. Ganz andere Sorgen und Ängste, die du gehabt haben musstest. Verluste, Trauer, Ohnmacht. Flucht. Hoffnung auf ein Ende. Sehnsucht nach Frieden, Heimat und Geborgenheit. Du warst noch so klein. Herausgerissen aus deinem Zuhause. Einsamkeit und Schutzlosigkeit. Vieles, das wir heute selbstverständlich annehmen, das ist es gar nicht. Ich konnte es mir gar nicht vorstellen, aber du warst auch einmal ein kleines Mädchen, so wie ich. Und du musstest so viel durchstehen, du hast ganz anderes erleben müssen. Dennoch hast du versucht, dir überhaupt ein Leben aufzubauen und deinen Leidenschaften nachzugehen und wurdest dabei manchmal enttäuscht. Eine Welt, die fremdbestimmt war. Die eine ganz andere war, als sie es heute ist. Und dennoch sind wir auch heute vielem ausgeliefert. Anderem. Vielleicht sind wir hier, die wir an einem sicheren Ort leben, nicht in Gefahr. Aber wer weiß, was auf uns zukommen wird. Es gibt so viel Hass auf der Welt.

Die Uhr tickt. Die digitale Welt scheint fast schon mehr Realität anzunehmen als die wahre Wirklichkeit. Ich habe das Gefühl, Masken anzusehen. Masken, die alle gleich sind. Wem kann ich vertrauen? Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Individualität und Freiheit. So sein zu können, wie ich bin.

Als wir dort händehaltend am Ufer saßen, sah alles noch ganz anders aus. Du fragtest mich, was ich denn einmal werden möchte. Da hatte ich ein paar Ideen, aber noch keine Ahnung von dem, was auf mich zukommen würde. Es schien noch so weit weg zu sein. Wie kann ich die richtige Entscheidung treffen, wenn es unzählige Möglichkeiten gibt?

Heute saß ich an der gleichen Stelle, an „unseren“ Stein gelehnt, doch alles war anders. Es kullerte wieder eine Träne meine Wange hinunter. Ich saß nicht mehr auf einer Blumenwiese. Es war Asphalt. Der Fluss hatte Durst, ihm fehlte es an Wasser. Ich fühlte mich beobachtet von den Menschen, die nun im Neubaugebiet wohnten. Autos rauschten vorbei. Traurig sprach ich mit den übrig gebliebenen Baumstümpfen über dich, über sie, über das Leben, den Sinn und die Welt. Und ich wünschte auf einmal, dass ich meine Augen öffnen würde und wir würden zusammen singend und tanzend in der unberührten Natur umherhüpfen. Ich würde den Moment wahrnehmen, bewusster, und noch viel mehr genießen, wenn ich wüsste, wie sich die Zeit und dieser Ort verändern würden … Ich will dir sagen: Ich habe dich unglaublich lieb und bin dankbar! Ich wünschte, ich hätte es dir öfter gesagt. Ich will nicht, dass du gehst.

Als ich nun wieder meine Augen öffne, auf meine Finger blicke und dem Echo lausche, empfinde ich ein Gefühl, welches ich nicht beschreiben kann. Ist es Erleichterung? Freiheit? Glück? Nach dem ganzen Stress hatte ich mich an das Klavier gesetzt. Ich hatte einfach losgespielt. Laut, leise, kräftig, sanft, schnell und langsam. Ich weiß es gar nicht. Ich bin abgetaucht. So als wäre ich unter Wasser. Ich konnte nichts mehr hören. Kurz weg. In eine andere Welt. Eine unsichtbare Welt. Habe mich verloren und gleichzeitig gefunden. Musik als Brücke. Ein Ausweg. Bevor mich der Alltag einholt.

Was soll ich tun? Überfordert. In mir selbst, in meinem Zimmer, in der Welt, in der ich lebe. Dafür schäme ich mich. Ich schäme mich dafür, dass ich darüber nachdenke, dass ich solche Probleme habe. Dass ich mich so wichtig mache, obwohl es genau das Gegenteil ist, was ich möchte. In der Welt gibt es so viel Leid. Menschen hungern, verdursten, wachsen im Krieg auf, sind auf der Flucht, in Gefahr, werden von Klimakatastrophen heimgesucht, ich könnte noch so vieles aufzählen – leider – und das macht mich unglaublich traurig – und ich, ich liege nun in meinem Bett, in einem sicheren Zuhause, und fühle mich nicht gut. Das passt doch nicht zusammen! Ich müsste viel dankbarer sein für das, was ich habe. Ich kann mein Leben leben, kann mir Wünsche erfüllen. Ich habe so viele Möglichkeiten, dass es mir sogar schwerfällt, mich zu entscheiden. Solche Probleme müsste man haben! Doch ich habe sie. Es fühlt sich nicht gut an und ich wünschte, es wäre anders. Ich wünschte, ich würde alles richtig machen, ich wäre glücklich, würde die Welt ein Stückchen besser machen, würde Projekte entwickeln, Menschen helfen können und Freiheit verspüren. Im Moment frage ich mich, wie alles weitergehen soll und wird. Ich habe Angst. Angst davor, die Kontrolle zu verlieren. Gefühle sind wie Wellen, die kommen und wieder gehen. Und ich bin irgendwo mittendrin am Schwimmen, Untergehen und wieder Auftauchen.

„Stromausfall!“ Ich kann es nicht glauben. Das Licht verstummt. Stille. Stillstand. Alles schweigt. Plötzlich. Unsicherheit. Fragende Blicke. Orientierungslosigkeit. Auf dem Bildschirm bloß das Spiegelbild. Schwarz. Sternenklar der Himmel. Sterne, die sonst nicht zu sehen sind. Stundenlang blicken wir nach oben. Wir alle. Meine Familie. Genießen den Moment. Die Unabhängigkeit, die jetzt da ist. Wegen der Abhängigkeit. Ich bin ich nicht allein. Die Nacht kommt. Und es beginnt der Tag. Das ist das Leben. Getragen von der Zeit.

Liebes Tagebuch! Was für ein Tag? Ewig und kurz. Vergänglich und unendlich. Ich finde keine Worte.

Dieses Mal nehme ich mir Zeit. Eine Kerze brennt und schenkt mir ein Licht. Musik leise im Hintergrund. Ich atme ein und aus. Ein und aus. Versuche, in mir selbst Ruhe zu finden. Den Schlüssel zu drehen, statt ihn stecken zu lassen. Mich zu öffnen. Und ins Jetzt heimzukehren. Vielleicht werde ich diesmal in meiner Welt gelassen. Kein Gewitter, kein Donner, kein Blitz, vielleicht ein paar Tropfen, hindurchschimmernd ein Regenbogen.

 

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