Luisa Pütz liest ihren Beitrag "Das Erwachsenwerden" aus der Jugendanthologie 2026
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Luisa Pütz (18 Jahre)
Das Erwachsenwerden
Vor einer Wahl zu stehen, die man gar nicht hat. Wie vor der vorgezogenen Bundestagswahl, bei der wir doch alle nicht mitwählen durften. Man kann es sich so vorstellen: weißen, alten Männern in viel zu hohen Positionen mit viel zu viel Macht zuschauen zu müssen, wie sie unsere Generation zerstören und wir nichts tun können. Ein Messer, das sich in unseren Verstand reinrammt und voller Schmerzen heraus-gezogen wird, ohne die Wunde danach zu versorgen.
Als Frau in einem kaputten System, wenn Männer wieder mehr Meinung als Ahnung haben. Welche sprechen, als wüssten sie, wovon sie reden – doch ihre Worte tragen mehr Gewicht als jede Erfahrung, die ich je gemacht habe. Meine Wirklichkeit zählt weniger als ihre Meinung, und so bleibt mir nur die Rolle, Erwartungen zu erfüllen, die von allen Seiten auf mich einprasseln. Ich soll stark sein, aber nicht unbequem, klug, aber nicht überlegen, schön, aber nicht fordernd. Jeder Schritt ist ein Drahtseilakt zwischen Unterwerfung und Unsichtbarkeit. Und während Gleichberechtigung in Zeitlupe voranschleicht, wird von mir verlangt, schneller, besser, perfekter zu sein – nur um am Ende doch weniger zu bekommen, als ich jemals verdient hätte. In dieser Männergesellschaft ist meine Existenz kein einfaches Dasein, sondern ein ständiger Beweis, dass ich überhaupt ein Recht darauf habe.
Vor einer Wahl zu stehen, die man gar nicht hat. Dem „Erwachsen werden“.
Endlich 18. Volljährig. Frei. Niemand mehr, der Vorschriften macht oder kontrolliert, wann man heimkommen muss. Unabhängig, mobil, nicht länger gebunden an Regeln oder die Schule. Jetzt beginnt das Leben – so heißt es.
Ich bin aber doch noch nicht so weit. Für mich hat Zeit eine andere Konsistenz. Zeit, die nicht vergehen, am besten anhalten soll. Eine Zeit, die mein Leben nicht verlassen soll, und Veränderungen, die jetzt mein Leben bestimmen. Einen Ort der Sicherheit verlassen, der mehr Zuhause war als das Haus mit dem viel zu großen Garten es jemals sein wird. Ein Ort, als ich nicht wusste, wohin mit der Verzweiflung. Ein Ort, als Selbsthass und Hoffnungslosigkeit mein Leben bestimmten. Und als mein größtes Gefühl noch fünf Buchstaben hatte. Und jetzt ist es wieder da. A N G S T.
Vor Veränderung. Und ich hatte keine Wahl. Sie kommt. Und sie wird mit mir gehen. Wie sehr ich sie aber jetzt schon hasse. Die Veränderung, die Hand in Hand mit mir dieses Gebäude verlässt, meine Augen nicht zurückschauen lässt und mich mit Füßen zu Boden trampelt, wenn ich nur an „Damals“ denke. Ich werde gedrängt, dieses Gebäude zu verlassen, habe keine Wahl, kann keinen Augenblick anhalten. Nicht Tschüss sagen. Die Veränderung, die meine Tränen versucht wegzuwischen, mir ein Lächeln aufzuzwingen, und die meine Schultern zurückzieht, als wäre ich stolz, endlich zu gehen. Doch da ist so viel was verschwindet.
Fünf Minuten vor dem Gong zum Klassenraum laufen, um seine Ruhe und vor allem den perfekten Sitzplatz zu haben. Nie wieder auf den Sekundenzeiger schauen, damit die Stunde endlich endet und wir in die Pause können. Ober über Teams Gossip austauschen, weil man entweder viel zu weit auseinander sitzt oder weil man sogar in einem anderen Kurs ist. Wir können nie wieder zusammen über Lehrer lästern, Schüler shippen und innere Brechanfälle bekommen, wenn bestimmte Menschen unsere Wege kreuzen. Wir werden nie wieder morgens um zwanzig vor sieben einen Anfall bekommen, weil die Lehrer es nicht geschafft haben, rechtzeitig den Vertretungsplan hochzuladen, nur damit wir uns wieder darüber aufregen, dass heute wieder nichts entfällt. Und auch nie wieder die Experimente in Chemie, bei denen die meiste Zeit alles schiefgegangen ist, unsere Lehrerin alles infrage gestellt hat und wir trotzdem immer was zum Lachen hatten.
Und ja, irgendwie war es doch eine wunderschöne Zeit und ich werde auch trotzdem die Aufregung vor jeder einzelnen Klausur vermissen, oder wie wir uns währenddessen diesen einen Blick der Verzweiflung zuwarfen, anfingen zu lachen und dann die Tränen kamen, weil wir realisierten, dass wir viel zu wenig wussten, um nur ansatzweise eine Drei zu bekommen. Ich will doch noch gar nicht gehen, die schönste und zugleich schlimmste Zeit meines Lebens verlassen, doch die Veränderung lässt mir keine Wahl.
Jetzt bin ich nicht mehr Kind. Bin nicht erwachsen, und so richtig jugendlich war ich nie.
Wie gerne wäre ich noch mal Kind. Einmal mit dir auf den Limonadenbaum, vier Liter Miduzin und mit Bürsten durch das Haus wie Schlittschuhe fahren. Oder die Suppenschüssel auf dem Kopf, versehentlich ein Geldstück verschluckt oder meine Schwester den Fahnenmast hochgezogen. Wie gerne wäre ich das stärkste Mädchen der Welt, könnte den kleinen Onkel hochheben oder kleine Holzmännchen schnitzen. Bootsmann, der uns dabei zuschaut, wie wir abends Flöße bauen, den Sandstrand von Saltkrokan verlassen und nur noch Stinas Geschichten hören. Den Flößen vorher Namen geben, die nur wir verstehen, und sie danach dem Meer überlassen. Wie gerne würde ich barfuß durch Takka-Tukka-Land rennen, mit Krumelus-Pillen im Gepäck, die Welt auf links drehen und den Wolken meine Zunge rausstrecken. Unsere Welt ganz klein, aber doch grenzenlos scheint. Schlittschuh laufen an Weihnachten auf dem See. Oder wenn wir uns im Heuhaufen unsere Geschichten erzählen, von Spunk und Seeräuberschätzen, vom Kirschkernweitspucken und Löffelverbiegen. Der Wind riecht nach Abenteuer, nach Meersalz und Freiheit. Nach Karamellbonbons, die zu lange in der Hosentasche lagen. Und wie gerne würde ich noch mal durch den dunklen Mattiswald schleichen, die Angst in den Knien, aber das Lachen im Bauch. Laut nach Birk rufen, irgendwo zwischen den Bäumen, und wir verstecken uns vor den Wilddruden, obwohl wir längst wissen, dass sie nur von Fantasie bestimmt sind. Oder in die Tischlerstube gehen, wo es nach Holz und Sommer riecht, wie wir die heimliche Nacht zum Leben erwecken und über Fensterbänke spazieren. Den ganzen Tag barfuß laufen, die Füße schwarz vom Staub der Feldwege und die Knie grün vom Klee auf den Wiesen. Alles während Ole uns zum Lachen bringt, bis wir fast in den Bach fallen. Wie gerne würde ich tanzend durch die Küche springen, Mehlstaub in der Luft, Herrn Nilsson auf der Schulter. Und alles ist erlaubt. Niemand, der da ist, um „Nein“ zu sagen. Freundschaften so fest wie das Seil, mit dem man das Floß zusammengebunden hat. Und irgendwo dahinten, wo der Leuchtturm blinkt, steht mein Kinderherz noch immer auf dem Dach der Villa Kunterbunt und winkt.
So weit weg und doch so nah. Und ich hatte nie die Wahl.
Doch jetzt werde ich erwachsen. Ob ich will oder nicht. Soll meine Zukunft planen und alles andere hinter mir lassen. Auf ein Bauchgefühl lauschen, das nie dagewesen ist.
Doch jetzt beginnt mein eigener Phasenübergang – ob ich will oder nicht. Ich soll meine Zukunft planen, Altes abbrennen lassen, damit Neues entstehen kann. Aber das Bauchgefühl, auf das ich hören soll, scheint nie entstanden zu sein. Lehramt oder Forensik? Schon bevor ich eine Frage formuliere, kenne ich die Reaktion der anderen. Lehramt ruft allenfalls höfliches Nicken hervor, Forensik dagegen Begeisterung. Das Bild einer erfolgreichen Chemikerin, die mehr verdient als alte weiße Männer in viel zu hohen Positionen mit viel zu viel Macht, glänzt wie frisch poliertes Metall. Doch ist das meine Wahl – oder nur das Ergebnis einer Reaktion, deren Edukte andere geliefert haben?
Das Schulsystem ist für viele wie ein veraltetes Labor: ineffizient, unflexibel, voller verstaubter Vorschriften. Und genau deshalb wächst der Wunsch, Lehrerin zu werden – nicht, um Teil dieses Systems zu sein, sondern um den Kindern Stabilität zu geben. Um zu helfen, in ein System hineinzupassen, das für viele nie gemacht war. Vielleicht kann ich ein Stück Zuhause bieten, so wie ich es manchmal bekommen habe, wenn ich es am dringendsten benötigt habe.
Ein Zuhause, als ich ganz schnell durch die Verwaltung gelaufen bin, Kaffee-Geruch und Lehrerstimmen auf mich einprasselten und leere Gedanken Löcher in meinen Kopf bohrten. Sämtliche Lehrer, die aus dem Lehrerzimmer strömten, so wie auch diese eine Lehrerin. Sie rief mehrmals meinen Namen, doch ich reagierte nicht. Ich wollte nicht mit ihr reden. Ich dachte sofort, dass sie merken wird, dass mit mir etwas nicht stimmte. Sie hätte mich nicht in den Unterricht gehen lassen und alle hätten es wieder mitbekommen. Sie überholte mich, sagte nichts und zog mich in ihr Büro. Sie fragte mich mehrmals, was sei, doch ich antwortete ihr zunächst nicht. Irgendwann nahm ich Vertrauen wahr, welches sie ausstrahlte. Sicherheit. Und vor allem einen geschützten Raum, wo ich gesehen wurde.
Die Wahl der Fächer fühlt sich wie die Wahl von Elementen für eine empfindliche Mischung an: Chemie – anspruchsvoll, manchmal instabil, aber in der richtigen Verbindung voller Energie. Eine schlechtere Note im Abitur ändert nichts an der Bindung, die ich zu dieser Disziplin habe. Leidenschaft sollte nicht ausfallen, nur weil ein Wert einmal abweicht. Die Chemie ist ein Teil von mir, ohne die ich nicht überleben würde. So wie Kohlenstoffdioxid zwei Sauerstoffatome braucht, um kein Atemgift zu sein.
Um unsere Welt zu verstehen und zu erklären, brauchen wir die Chemie. Jeder Mensch, jede Essenz, jeder Gegenstand. Alles Moleküle und alles Chemie. Moleküle sind Teilchen, welche aus mehreren Atomen bestehen und durch chemische Bindungen zusammengehalten werden. Es gibt Moleküle, welche nur aus einem chemischen Element, aber auch welche, die aus mehreren unterschiedlichen bestehen. Moleküle sind kleinste Teilchen verschiedener Stoffe – also die Details unserer Welt. Sie bestimmen die physikalischen und chemischen Eigenschaften der Stoffe. Alles wichtig für das Detail. Und genau das fasziniert mich daran.
Natürlich scheint die freie Marktwirtschaft verlockend. Dort winken glänzende Chancen, offene Türen, hohe Reaktionsgeschwindigkeiten – gerade als Frau, dank Frauenquote. Aber was, wenn ich gar keine Quotenfrau sein will? Leidenschaft lässt sich nicht in Prozentangaben messen. Sie braucht Raum, nicht Kennzahlen. Und ja, die Vorstellung von vollen Klassenzimmern mit Jugendlichen, die Grenzen testen, kann wie ein überhitzter Versuch wirken. Aber genau dort braucht es Menschen, die bleiben, die Wärme regulieren, statt den Bunsenbrenner einfach auszudrehen. Menschen, die zuhören, statt nur zu messen. Die bereit sind, eine konstante Variable zu sein, um das System von innen heraus zu verändern.
Wenn die Realität Jugendlicher so aussieht, muss etwas geändert werden. Wenn Tagebucheinträge so aussehen:
Liebes Tagebuch,
ich passe nicht in die Schule. Aufstehen, in die Schule fahren, Hausaufgaben, lernen und vielleicht dann auch mal schlafen. In der Schule muss ich abliefern, immer on Point sein und nie den Fokus verlieren. Mündliche Beteiligung und Klausuren zählen fifty-fifty. Wenn der Kopf voll ist und nichts mehr hineinlässt, hinterlässt jede neue Info ein tiefes Loch in mir. Immer mehr Leere breitet sich in meinem Körper aus. Der ständige Leistungsdruck. Von Eltern. Von Lehrern. Von Mitschülern. Von mir ganz allein. Das Risiko, sich zu melden und dann ausgelacht zu werden, ist einfach zu hoch. Selbstbewusstsein wandelt sich Stück für Stück zu Selbstzweifel. Ein Druck, der auf uns allen liegt. Wie ein Stein in mir, und es werden immer mehr. Nach jedem Tag in der Schule kommt ein neuer dazu. Und ich merke ganz tief in mir drinnen, wie es immer schwerer und schwerer wird, das Gewicht der Steine zu halten. Einsen schreiben, aber bloß kein Streber sein. Alles wissen, aber nicht lernen. Nichts hat mehr Sinn oder Verstand. Alles prasselt auf mich ein. Reizüberflutung. Überforderung. Unwissen. Wie in einem Starkregen fällt ein Regentropfen nach dem andern auf mich drauf. Es kommt Sturm dazu und der Starkregen wird stärker. Ich bin doch nur ich. Warum darf ich nicht ich sein? Und warum sieht mich niemand?
Es werden Probleme geschaffen, wo keine sind. Man wird vor Wahlen gestellt, die man gar nicht hat. Wieso sollte ich so noch erwachsen werden wollen?
Und jetzt sind die letzten gemeinsamen Tage vorbei. Wir gehen alle getrennte Wege, sehen uns nicht mehr jeden Tag, können keinen Gossip mehr austauschen. Gestern waren wir noch Jugendliche und heute stehen wir vor der Wahl unserer Zukunft. Doch irgendwie hat jeder seinen eigenen Plan. Allein. Gestern haben wir unsere Pläne noch zusammen geschmiedet und heute machen wir sie allein. Ohne uns abzusprechen, ohne zu schauen, ob wir in der gleichen Reihe sitzen, ob wir zusammen sind.
Vor einer Wahl zu stehen, die man gar nicht hat. Dem „Erwachsen werden“.
Doch jetzt muss ich mich entscheiden, habe keine andere Wahl und stehe vor der Wahl. Vor der Wahl, entweder einer kaputten Gesellschaft ihren Willen zu erbringen oder auf mich zu hören. Wir alle haben die Wahl, doch unser Wir wird immer kleiner, bis wir Angst vor dem Ich bekommen. Ich muss jetzt diese Entscheidung treffen, damit leben. Ich bin jetzt erwachsen und stecke in einem Zeitstrudel voller Erwartungen, Entscheidungen und vor allem Wahlen. Und manchmal auch vor einer, die man gar nicht hat.