23.11. 2021 - aktuelle Autorin - Alexandra Milas

Wenige Jahre vor der Jahrtausendwende wurde ich, Alexandra, als Mädchen in einem weit von Deutschland entfernten Land geboren. Meine Eltern hatten einen Sohn er-wartet. Ich bin mir sicher, dass die Worte der Hebamme bei meiner Geburt meine Mutter wenig trösteten: „Welch ein wunderschönes Kind hast du zur Welt gebracht. Deine Tochter ist im Zeichen des Mondes und des Sterns geboren, hat den Mond und den Stern als Zeichen der Schönheit als Muttermal auf dem Bauch. Du solltest stolz sein, eine solche Tochter auf die Welt gebracht zu haben.“
Alexandra
Doch meine Mutter weinte und sagte unter vielen Tränen: „Was nutzen diese Zeichen der Schönheit? Ich habe eine Tochter zur Welt gebracht. Was werden mein Mann und meine Familie sagen? Sie erwarten einen Sohn von mir. Ich wünschte mir, ich hätte ein totes Kind geboren.“

So war niemand über meine Geburt glücklich. Ich war ein ungewolltes Kind, ein ungewolltes Mädchen. Doch dafür ein außergewöhnlich liebes und kluges Kind. Mit neun Monaten machte ich bereits erste eigenständige Schritte und konnte erste Wörter sprechen. Und es umgab mich eine seltsame Aura, die von allen bemerkt wurde und immer wieder zu eigenartigen Situationen führte. Wir wohnten in einem Haus an einem großen, reißenden Fluss. Ich war noch sehr klein, vielleicht zwei oder drei Jahre alt, da sah ich, wie zwei Männer versuchten, am steilen Ufer Wasser aus dem Fluss zu schöpfen, um es zu trinken. Ich schrie sie mit der Kraft meiner Kinderstimme an: „Ihr Männer, was macht ihr da? Schöpft dieses Wasser nicht so, ihr werdet in den Fluss hinabstürzen und ertrinken! Lasst mich ein Gefäß zum Schöpfen holen.“
Die Männer schauten mich entsetzt an. Sie erblickten ein kleines Mädchen in einem weißen Kleid, das wie von Sinnen schrie. Vor lauter Schreck entflohen sie diesem seltsamen Anblick.
Nur zwei Tage später stand ich mit meiner Mutter vor der Tür unseres Hauses und die beiden Männer gingen wieder vorbei. Sie erkannten mich als das geheimnisvolle Wesen von vor einigen Tagen und fragten meine Mutter, ob ich ihre Tochter sei.
„Ja, aber was geht Sie das an und weshalb fragen Sie mich?“
„Vor einigen Tagen“, erzählten die Männer, „haben wir uns beim Anblick deiner Tochter sehr gefürchtet. Sie stand da und rief uns in ihrem weißen Kleid warnende Sätze zu. Wir dachten, wie kann ein solch kleines Kind schon denken und solche Warnungen aussprechen? Da hier in der Gegend aber auch viel Wald und ein Friedhof sind, haben wir gedacht, dass eine Tote auferstanden ist und uns warnen wollte.“
Nun, da sie sahen, dass ich ein lebendiges Menschenkind war, entschuldigten sie sich bei mir. „Wir haben einfach Angst vor dir gehabt.“
Großzügig meinte ich Kleinkind: „Für mich ist das kein Problem.“

Meine Mutter hatte mich zu Hause geboren. Niemand wusste später, da ich keinerlei amtliche Eintragung in ein Geburtsregister durch eine Klink oder eine Behörde hatte, wie alt ich wirklich war, zumal meine Eltern für mich auch nie einen Ausweis beantragten. Als ich drei Jahre alt wurde, erfolgte durch die politische Administration eine Veränderung. Als damaliger Premierminister des Irak erließ Saddam Hussein eine Verordnung, dass alle Eltern, die Zwillinge geboren hatten, jeden Monat zehn Dollar finanzielle Sonderförderung und eine Trockenmilchration bekommen sollten. Mit einem Mal wurde ich ausweismäßig Zwillingsschwester meines drei Jahre älteren Bruders. Ich wurde dabei zwei Jahre älter, mein Bruder ein Jahr jünger gemacht. Ich fand es ungerecht. Doch ich war noch zu klein und verstand auch alles noch nicht so recht.
Meine Mutter schaute damals immer türkisches Fernsehen, mit Vorliebe die türkischen Schauspieler und Sänger Ibrahim Tatlıses und Kucuk Emrah. So habe ich, die mit der kurdischen Sprache aufwuchs, über das Fernsehschauen Türkisch gelernt. Niemand außer mir sprach die türkische Sprache bei uns daheim. Gegenüber unserem Haus aber gab es einen türkischen Lebensmittelladen. Meine Mutter kaufte dort fast jeden Tag mit mir ein. „Hey Onkel, wie geht es dir?“, begrüßte ich den Händler immer in seiner türkischen Sprache und fügte dann rasch hinzu: „Was schenkst du mir heute?“
Alexandra
Der Händler war immer glücklich und zugleich überrascht, wenn ich ihn in seiner Sprache ansprach. Zu meiner Mutter sagte er: „Wie kann es nur sein, dass ein so kleines Mädchen mit drei Jahren aus dem Fernsehen Türkisch lernt.“ Mein Lerneifer imponierte ihm so sehr, dass er mir jeden Tag Süßig-keiten schenkte und zu meiner Mutter sagte, dass alles, was ich bei ihm an Süßigkeiten naschen würde, für mich kostenlos sei.
 

aus:

Alexandra Milas

Die im Zeichen

von Mond und Stern

geboren wurde.

Roman einer Ungewollten

Geest-Verlag 2021

ISBN 978-3-86685-825-1

ca. 140 S., 11,80 Euro

 

Die beinahe unfassbare Geschichte einer jungen Frau, die aus Kurdistan nach Deutschland floh, hier nun in Deutschland lebt. Ein Leben zwischen zwei Kulturen, viele Jahre geprägt von dem Grundzug, dass sie als Mädchen geboren war, das niemand haben wollte. Doch immer wieder erkämpft sie sich ihren Platz. Ein Roman voll unglaublichen Lebens.

Alexandra Mila ist 27 Jahre alt, lebt jetzt in der Nähe von ..., zwei Kinder. Ihre Identität muss sie seit mehren Jahren aus wichtigen Gründen verschlüsselt halten. Die Autorin verfasste den Roman selber.