27.05.2022 - aktuelle Autorin - Inga Knörig



 


Inga Knörig, Berlin
Der Zauberbaum

Der Tag fing gut an. Nach dem Duschen durfte sie in ihrer Kuscheldecke am Tisch sitzen, es gab Pfannkuchen mit Himbeermarmelade und warme Kakaomilch aus der selbst be-malten Lieblingstasse. „Nur nicht kleckern“, sagte Mama. Da-bei hatte sie ihr neues Kleid ja noch gar nicht angezogen. Das hing frisch gebügelt vor dem Schrank. Es war gelb mit blauen Punkten, hatte eine geraffte Front und einen eindrucksvollen Schwung.
Mama kämmte ihr die Haare und flocht sie zu kleinen Zöpfen. Das ziepte, musste aber wohl sein, weil sie doch heu-te zum Spielen gehen würde und es einfach praktischer war. „Lea, du hast so schöne Haare“, sagte Mama tröstend, aber Lea war sich nicht sicher, ob sie ihre krausen Locken wirklich schön finden sollte. Meistens wünschte sie sich Haare wie die der anderen Mädchen – lang und glatt und unkompliziert. „Streifenhaare“ sagte sie dazu. Doch als sie fertig angezogen war und sich vor dem großen Flurspiegel inspizierte und den Rock in beiden Händen hin- und herdrehte, war sie gleich wieder glücklich. „Superhübsch schaust du aus, da werden deine Freunde aber Augen machen“, sagte Mama und stupste ihr zärtlich auf die Nase. Lea stimmte zu.

Es ging los. Niklas wohnte wohl besonders weit draußen, deshalb hatten sie sich schon früher auf dem Weg machen müs-sen. Hier dauerte alles länger – die Wege, die Tage, die Näch-te manchmal auch. Sie wohnten noch nicht lange hier. Es war alles etwas anders als in der Stadt: weniger Menschen, weniger Geräusche, dafür an jeder Ecke geheimnisvolle Gärten mit hohen, pummligen Baumkronen, langen Zäunen, dahinter große weiße Häuser, davor Leute, die einander zunickten oder zum Gruß die Hand hoben. Sie hatte sich ausgemalt, wie es in Niklas’ Zuhause aussehen könnte: viele helle Zimmer mit langen Fenstern und wahrscheinlich sogar besonders viel Spielzeug, denn Niklas hatte noch zwei weitere Geschwister.

Sie waren angekommen. Mama parkte das Auto in einer der zahlreichen Parklücken. Auch das war ungewohnt im Ver-gleich zu früher. Hier gab es viel Platz und auch wenn Lea und ihre Familie selbst noch in einer Wohnung lebten, hatte sie im Gefühl, dass sich das hier ändern könnte. Schließlich wohnten alle Kinder im Dorf offensichtlich in einem Haus – so hatten sie es ihr erzählt. Sie hatte einige von ihnen erst vor wenigen Tagen kennengelernt, im Orientierungsunterricht der neuen Grundschule. Viel war noch nicht passiert, aber die Lehrerin hatte vorgeschlagen, dass Lea so schnell wie möglich Bekanntschaft mit ihren neuen Klassenkameraden machen sollte. Frau Marquardt meinte, Freunde finden sei wichtig. Und hatte Niklas nicht am Wochenende Geburtstag?

Das Haus lag hinter dichten Buchsbäumen versteckt, er-streckte sich märchenschlosshoch vor einem tintenblauen Himmel. Sie hielt Mamas Hand fest, deren andere Hand die Geschenktüte für Niklas trug. Der Gehweg war mit runden Steinplatten gepflastert, Lea hüpfte von der einen zur ande-ren. Rechts und links von ihr reckten Ballons torkelnde bunte Köpfe in die Luft, über der Tür hing ein Schild, auf dem Kin-derhandabdrücke und die Worte „Willkommen zur Geburts-tagsfeier“ gemalt waren. Blumenkästen schmückten Fenster-bänke, in der Einfahrt stand ein Fahrrad mit einer großen blauen Schleife.
„Ich geb dir das Geschenk, damit du es dem Niklas gleich selbst überreichen kannst, okay?“, fragte Mama.
Lea nickte und nahm die Tüte, dann klingelten sie.
Ein Mann öffnete die Tür, groß, schlank, kurze dunkel-braune Haare und kantige Augen. Er musterte die beiden, dann sagte er: „Ah ja, noch ein Geburtstagsgast.“ Er stellte sich bei Leas Mama als Herr Seibert vor. „Ich bin Niklas’ Vater – und du bist?“, fragte er Lea, die sich ein bisschen hinter Mama stellte, schließlich leise ihren Namen sagte. Herr Seibert hatte eine Strenge an sich, die sich nicht einordnen ließ. Neben ihm tauchte eine Frau auf, die freundlich Hallo sagte, aber die gleiche unbestimmte Kälte im Blick hatte. Mama und die Eltern von Niklas redeten noch kurz etwas von nachher gegen 5 abholen und ob das okay wäre. Dann kniete sich Mama zu Lea hinunter, legte ihr die Hände auf die Schultern, so wie sie das immer beim Abschied vor der Schule machte. So wie das auch ihre andere Mama immer machte.
„Also Lea, hast du Lust, ein bisschen hierzubleiben?“
Lea nickte. Ja, sie wollte bleiben. Auch wenn sie auf einmal ziemlich nervös war.
Als Mama schließlich winkend ins Auto stieg, fühlte sie einen dicken Kloß im Hals. Doch die Neugierde auf Niklas, auf die anderen, aufs Spielen war groß genug. Sie machte sich bereit, ins Haus zu gehen, aber schon fasste Herr Seibert sie am Arm. „Nein, wir gehen gleich in den Garten, Lea. Die anderen spielen schon dort hinten.“

Im Garten gab es nicht nur eine Hüpfburg – hier lag ein Schiff. Sie staunte über das hölzerne Konstrukt, das sich mehrere Meter breit um einen dickstämmigen und schirmförmigen Obstbaum bog und aussah, als sei es aus dem Baum herausgewachsen. Zauberbaum, dachte Lea. „Haben wir letzten Sommer gebaut. Toll, was?“, erklärte Herr Seibert. Niklas und ein paar andere Kinder kletterten bereits übermütig herum, die meisten Jungs waren als Pirat verkleidet, trugen Augenklappen, einen Dreispitz auf dem Kopf oder Tücher um den Hosenbund. Die Mädchen trugen Kleider, manche auch eine kleine Krone in den Haaren. Etwas abseits auf einem der Gartenstühle saß ein Junge, der eine Art Umhang um die Schul-tern gebunden hatte und eine langstielige Blume zwischen den Fingern hin- und herdrehte. Lea glaubte, dass er Tom hieß, war sich aber nicht sicher.
„Magst du ein Stück Kuchen?“, fragte Herr Seibert, als seine Frau mit einem Tablett an ihnen vorbeieilte. Lea schüttelte den Kopf, sie war mit vielen Eindrücken beschäftigt – zu vielen, als dass der Gedanke an Essen hätte aufkommen können. „Niklas! Guck mal, du hast Besuch!“, rief Herr Seibert. Niklas drehte sich um, einen kleinen Plastiksäbel in seiner Hand baumelnd, trottete er mit gesenktem Kopf auf die beiden zu.
Das Geschenk, das Lea und ihre Mamas für Niklas ausgesucht hatten, kam scheinbar gut an. Er hielt den silbriggrauen Spielzeughelikopter in die Luft und wirbelte ihn um die eigene Achse. Seine Lippen formten dazu blubbernde Motorengeräusche. Lea war unsicher, was sie jetzt sagen oder tun sollte. „Magst du Hubschrauber?“, fragte sie schließlich.
„Hm“, machte Niklas und ließ das Spielzeug unvermittelt auf den Boden fallen. Er lief weg, ohne zurückzublicken. Sie konnte es sich nicht erklären, aber ging ihm hinterher. Die Erwachsenen hatten sich mittlerweile ins Haus zurückgezogen, immer noch fragte sie sich, wie es da drinnen wohl aus-sehen würde.
„Los, wir spielen jetzt Piratenschiff. Alle Mann an Deck!“, rief Niklas und rannte auf den Baum zu. Die anderen folgten ihm mit vielstimmigem Triumphgeschrei.

Das Holz war ganz warm von der Nachmittagssonne. Lea be-fühlte die Oberflächen, den glatt geschliffenen Rumpf, die gewellten Maserungen, die raue Rinde des Baums. Sie achtete darauf, dass ihr Kleid nicht dreckig wurde, kletterte vorsichtig Stück für Stück den anderen hinterher. Eine Hand fasste ihre, zog sie weiter nach oben. Es war Niklas’ Schwester Hannah, neben ihr der Junge mit dem Umhang. „Dein Kleid ist schön“, sagte sie. Ihr Lächeln gab eine Zahnspange preis. Lea wollte antworten, doch Niklas rief seine Schwester zu sich. Sie ge-horchte. Kurz darauf standen Lea und der Junge alleine da, die anderen tuschelten unverhohlen.
„Wollt ihr mitspielen oder was ist jetzt?“, fragte Niklas schließlich in ihre Richtung, er klang nicht verärgert, aber in seiner Stimme lag etwas Unheimliches. Beide nickten langsam. „Gut“, sagte Niklas, trat in energischen Schritten auf Lea zu und schob sie grob zur Seite. „Dann gehörst du auch nicht aufs Schiff. Du bist der Flüchtling und musst ertrinken spielen.“ Lea verstand nicht, aber Niklas wurde vehementer. „Los, runter!“, brüllte er schließlich und versetzte Lea einen Schubser, der sie fast zu Boden stürzte.
„Lass doch“, sagte der Junge, der wahrscheinlich Tom hieß. Lea standen Tränen in den Augen. „Was willst du denn? Dich hat keiner eingeladen – sie schon recht nicht! Mit deinem blöden Umhang, denkst du, du bist Superman?“ Kurz sagte keiner etwas, aber Niklas’ Kopf war ganz rot angelaufen. Er sah Lea mit unverständlicher Verachtung an. Sie wollte sich wegdrehen, da schubste er sie noch einmal.
Alles verwischt. Die blauen Punkte, das sonnige Gelb – von hässlichen braunen Spritzern übersät. Sie lag auf der Erde. Ihr tat nichts weh, aber über die Augen hatte sich ein schwerer Tränenfilm gelegt. Und sie hatte Angst. Sie sprang auf und rannte Richtung Haus, da, wo die Erwachsenen sind, wo Hilfe wartet, ein Weg nach Hause. Sie lief durch die Hintertür, über die Kellertreppe in den ersten Stock. Alles so dunkel. Ihr Herz machte nervöse Sprünge. Jetzt hörte sie Herrn Seibert dumpf hinter Wänden. Seine Stimme wurde deutlicher, dann die seiner Frau. Es waren offenbar noch andere Personen anwesend. Sie stand schon fast im Türrahmen, aber etwas ließ sie warten, horchen.
„Es sind zwei Mütter – zwei. Lesbisch natürlich und dazu das schwarze, adoptierte Kind. Man kann es sich nicht ausdenken! Wo wird das noch enden?“ Lea wusste die Worte nicht einzuordnen, es machte keinen Sinn, aber sie wusste, dass über sie gesprochen wurde. Sie würde einfach rauslaufen, da vorne, durch die Tür – einfach raus. Und dann? Wieder griff jemand ihre Hand – sie hätte beinahe aufgeschrien.
„Warte“, sagte der Junge. „Wir gehen zusammen, okay?“ Er führte sie den Flur entlang, an dem Zimmer vorbei. Die Erwachsenen hatten keine Ahnung.

Sie standen draußen auf der Treppe. Sie zitterte noch etwas, er hielt ihre Hand. „Ich bin Tom und Niklas ist ein Idiot“, bemerkte Tom und Lea musste fast ein bisschen lachen. Dann sah sie das Auto von ihrer Mama, das immer noch an derselben Stelle wie vorhin parkte. Sie war nicht weggefahren.
Später würden sie ihr erklären, dass man bei bestimmten Leuten eben manchmal so ein Bauchgefühl hat, dem man vertrauen sollte – ob nun gut oder schlecht. Und dass sie im-mer auf ihre Familie vertrauen kann. Und auf echte Freunde.
„Ich mag deinen Superhelden-Umhang“, sagte Lea, als sie im Auto saßen.
Tom zuckte mit den Schultern. „Ich wollte eigentlich ein Zauberer sein. Aber ganz eigentlich bin ich sowieso nur ganz normal.“
 

 

Inga Knörig, 1984 in Berlin geboren, arbeitet nach kulturwissenschaftlichem Studium als freie Texterin für verschiedene Online Publikationen. Seit Kurzem veröffentlicht sie Kurzgeschichten und schreibt gerade an ihrem ersten Roman.