Chiara Becker liest ihren Beitrag "das letzte Atmen in der Stadt" aus der Jugendanthologie 2026

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Chiara Becker (19 Jahre)

Das letzte Atmen in der Stadt

Keuchend zogen sie sich am Himmel empor: die Betonklötze. Bedrohlich nah beugten sie sich zu ihm hinunter, kalt und eigenwillig, befremdend und beengend, als drohe man vom stickigen Keuchen der Stadt zu ersticken. Alles in Bewegung. Und nichts stand jemals still.  Er schritt zur Spielhalle. Wie jeden Tag. Mehrmals. Durch Gassen, in denen Schatten sich mit Schatten paarten, durch Straßen, die für ihn keine Zukunft mehr hatten, vorbei an Hochhäusern, die ihm die Seele verbauten. Noch immer berauscht von den Klängen der lauten Jugend. Die Stadt, sie zerfraß ihn, zerfraß Träume. Und keuchte noch immer. Laut. Lauter.  Der Alkohol saß ihm in allen Gliedern. Ein Schluck, eine Frage mehr hinuntergespült. Ignoriert und unbeantwortet. Er hasste sie. Die Stadt. Berlin. Er wollte wanken, rennen, toben, rasen. Er war hergekommen mit großen Plänen. Sie zerbrachen gemeinsam mit klirrenden Gläsern. Und jetzt stand er hier. Taumelte hier, wusste nicht, ob er sie dafür hassen oder ihr dankbar sein sollte. Medizin hatte er studiert. Etwa drei Semester Lebensplanung und jetzt geschmissen. Seine Eltern? Wütend. Seine Verwandten? Wütend. Nein, enttäuscht. Und das war noch viel schlimmer. Er war es auch. Denn er hatte es nur für sie getan. Selbst wusste er doch nie wirklich, was er wollte. Hatte sich zu früh entscheiden müssen. Als die Welt ihm sagte, er sei volljährig, war er noch nicht erwachsen. Nur volljährig.

Die nächtliche Luft durchdrungen mit plagenden Fragen und Abgasen. Aber keinen Antworten. Das Atmen fiel ihm schwer. Selbst zu dieser Stunde so elendig stickig und warm in dieser Stadt. Vor und hinter ihm drängende Menschenmassen. Sie schubsten ihn, drängten ihn, hetzten ihn, trieben ihn. Er stieß gegen seinen Vordermann. Dieser drehte sich nicht zu ihm, sagte nichts, schaute nicht. Starrte nur auf den virtuellen Bildschirm in seinen Händen voller blinkender Lichter, die so viel bunter waren als die Lichter in seinem Leben. Die so viel bunter waren, als die Lichter dieser Stadt. Tat es so wie alle Leute vor und hinter ihm. Eine andere Frau vor ihm drehte sich um, schaute ihm ins Gesicht, aber sah ihn nicht. Sah nie wirklich. Sah durch ihn durch. Und durch alle anderen auch. Tat es wie all die anderen. Dann drehte sie sich weg. Und das war nur eines der Probleme dieser Stadt: Sie hatten aufgehört wirklich hinzusehen. Deshalb war er nicht gerne hier draußen. Zwischen Menschenmassen und dem stickigen Keuchen der Stadt. Draußen die flackernden Riesenleinwände. Prangerten an Hauswänden wie die Boten des Todes und verkündeten die Nachrichten:

„Der Genozid in Gaza geht weiter…“, „Immer mehr Jugendlich machen erst ein Jahr Pause, bevor sie arbeiten oder studieren gehen. Boomer sehen das kritisch…“, „…40 Millionen Liter Öl verseuchen die Umwelt…“, „Eine Frau wurde am…hinter einem Toilettenhäuschen von einer Gruppe Männer vergewaltigt. Die Anklage wurde fallen gelassen, so die Staatsanwaltschaft, da die Angeklagten eine Karriere zu verlieren hätten…“, „Putin greift weiter die Ukraine an…“, „Trump versucht Demonstrationen mit dem Militär zu stoppen…“, „160 Millionen Kinder im Alter von 5-17 Jahren leisten Kinderarbeit, die ihnen schadet…“, „Angriffe von Neonazis auf Asylantenheime und CSDs nehmen zu…“, „Menschen verlieren zunehmend das Vertrauen in die Regierung und wenden sich rechtsextremen Parteien zu…“

Schnelle Schritte. Er hastete vorbei. Wollte nicht hinsehen, nicht hinhören. Wollte nichts wissen, nichts wahrhaben, nicht stehenbleiben, nur weitergehen. Er ließ die Bildschirme hinter sich.

Die Tür schwang auf. Er betrat die Spielhalle. Sein Paradies. Elysium. Er ließ sich in den Sessel fallen, atmete auf, zog die Kopfhörer auf. Und der Lärm der Welt wurde leiser. Der Sessel war wie für ihn gemacht, er passte zu seiner Größe, schmiegte sich an ihn, gab ihm Halt. Den Controller hatte er fest im Griff umschlossen, er gehörte nur ihm, entwich ihm nicht unter seiner starken Hand. Er führte ihn, lenkte ihn, trieb ihn über seine Grenzen hinaus. Der Controller ergab sich ihm, ließ sich bewegen und besitzen.  Und für einen Moment fühlte es sich so an, als hätte nur er die Kontrolle über die Welt und sich.

Da draußen war er nur ein zwanzigjähriger kleiner Junge, den die Welt abgestellt und dann vergessen hatte. Der nichts zu melden, nichts zu sagen hatte. Weil ihn keiner verstand. Es störte ihn kaum mehr, dass ein Tag den nächsten schon herbeischleppte. Dass alles an ihm vorbeizog. Denn da draußen lastete eine Jahrhundertlast auf ihm. Die Schuld seiner Vorfahren schwer wie Blei. Und diese Angst, diese Angst…Um Himmelswillen, diese Angst! Diese Angst, deren Geschichte würde auch die seine werden, wiederkehrend aus altem Hass mit neuen Parolen und anderen Gesichtern. Sah denn niemand, was er sah? Dieselben Bilder, eine andere Zeit. Das klemmende Gefühl in der Brust schnürte ihm die Lunge zu. Die Gedanken in seinem Kopf rasten, schepperten ihm die Birne weg.  Unverständnis. Zorn. Hass. Man sprach von einer Zurückgewinnung des Vertrauens der Wähler, um das Unvermeidliche abzuwenden, um das Ruder rumzureißen. Aber keiner darüber, dass das keiner wollte, weil alle ja so verdammt festgefahren in ihrer ach so richtigen Meinung waren. Sie alle gingen wählen und es kotzte ihn an, wie sie es taten. Denn sie wählten nicht nur die deutsche Zukunft oder die Zukunft der Welt. Sie wählten auch seine Lebensrealität. Für ihn. Ohne Einverständnis. Obwohl er noch viel länger als sie zu leben hatte in dieser Lebensrealität, die er so verdammt nochmal nicht wollte. Die Leute hielten ihn für paranoid. Gehirngewaschen. Linksradikal.  Dabei war alles, was er wollte, nur ein kleines bisschen Frieden und Gleichberechtigung für alle. Als er verstand, dass die Geschichte die Menschen lehrte, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrte, wollte er weinen. Schreien. So betäubt vom Gefühl der Ohnmacht. Aber man hatte ihm gesagt, echte Männer weinen nicht. Also weinte er nicht. Denn er war ja ein echter Mann. Da draußen war er ein nur stummer Schrei, ein lautes Hauchen in einer dröhnenden und keifenden Politikerwelt. Lebend in einer deutschen Gesellschaft, die sich schon wieder auf den Rückweg machen wollte. Auf einem Planeten, der von seinen Einwohnern täglich eigenhändig zerstört wurde. Vielleicht war der Untergang schon viel näher als man glaubte. Aber das war egal, solange die Zahl auf dem Beleg nach dem Einkauf nicht höher war, als die Zahl der Naturkatastrophen. Man wollte doch Veränderung, wo sei denn sein Problem? Aber eben nur nicht ohne den Komfort von gestern.

Da draußen war er nur ein zwanzigjähriger kleiner Junge, den die Welt abgestellt und dann vergessen hatte. Aber hier drinnen das Pochen seines Herzens lauter als der Lärm da draußen. Hier drinnen war er wer. Also steuerte er, lenkte er, kontrollierte. Der Controller schwitzend und geschmeidig in seiner rechten Hand. Es fühlte sich gut an. Er baute Mauern, Türme, Burgen, Schlösser, völlig egal, er war ein Macher. Ein Veränderer. Ein Friedensstifter. Oder Aktivist. Ein Kämpfer. Aber für das Gute. Und ohne Gewalt. Gemeinsam mit Frauen, die das genauso gut konnten. Oder noch viel besser. Baute Mauern, nur um sie dann kilometerweit einzureißen. Errichtete Wände, nur um ein Loch rein zu sprengen und durchzugehen. Zog Grenzen, nur um sie dann durchzuschneiden und den Menschen auf der anderen Seite freundlich die Hand zu schütteln. So viele Möglichkeiten und Freiheit. Die virtuelle Welt so viel mehr als ein flüchtiger Traum. Alle kamen in der virtuellen Welt zusammen. Deshalb waren in der Realen immer alle alleine. Einsam. Doch das war scheiß egal, denn hier drinnen war es schöner. So viele Realitäten. Ohne lärmende Nachrichten. Ohne lärmende Verwandten, die verlangten, dass er wusste wer er war, wer er werden wollte. Also spielte er. Raste mit dem virtuellen Auto auf der Rennstrecke, auf der linken Spur, auf der Überholspur, ließ alle Nazis und Sadisten zurück. Die Welt da draußen so braun, hier drin blitzte und blinkte alles bunt. Knallbunt. Er klickte. Er lenkte. Er schaltete. Und gewann. Spiel, Satz, Sieg. Gewinn! Noch eine Runde. Nur eine. Noch eine! Komm schon, noch eine. Sein Konto seufzte. Er hörte es nicht. Der Geldbeutel leichter, die Schuldenlast hoch. Er fühlte es nicht. Klick, Klack, Zack, Bamm! Und nochmal: Klick, Klack, Zack, Bamm! Das Bankkonto keuchte. Nicht so schlimm, dachte er. Denn keiner atmete hier noch wirklich. Fast da. Fast erreicht. Der Controller bebte in seiner Hand, zitterte unter jeder Bewegung. Jede Entscheidung ein Fortschritt. Alles verschwamm. Und dann endlich! Zack!

Plötzlich ging der Bildschirm aus. Der Controller hakte. Ein Aufschrei: „Nein, nein, nein!“ Dann zwei. Dann drei. Dann die ganze Halle. Ein Gemurmel in der Dunkelheit. Und man fragte sich, was das sollte. Wie das nur sein konnte. Dass kurz vor dem Ziel alle Lichter ausgingen. Und das war es dann. Systemausfall hieß es. In der ganzen Stadt. Es würde einige Stunden dauern, den Fehler zu beheben. Er schnaubte. Traurigkeit überkam ihn. Die Halle war dunkel. Das bunte Licht war erloschen. Alle hockten sie beisammen und schwiegen. Weil es in der virtuellen Welt mehr zu sagen gab, als in der Wahren. Doch keiner ging hinaus, denn keiner wollte da draußen sein. Zwischen Menschenmassen und dem stickigen Keuchen der Stadt. Und wenn einem nichts anderes übrigblieb, als einsam in der Gemeinschaft nebeneinander zu hocken, ohne Licht, ohne Schimmer, dann fiel einem vielleicht auf, dass es nicht so unerträglich war, seinen Nachbar anzusprechen. Dass das plötzliche Erlöschen von buntem Licht einer schimmernden Realität einen mit einem Gefühl zurückließ, dem man nicht alleine ausgesetzt sein wollte. Und man verurteilte sich nicht. Weil man ja wusste wie es war, wenn man nicht bekam, was man brauchte.

Neben ihm eine Jugendliche, noch immer vor Aufregung zitternd. Musste ein spannendes Spiel gewesen sein. Ihre Augen wanderten rastlos suchend umher, trafen auf seine, trafen auf ihn, sagten ihm ganz deutlich: Ich weiß, du bist heute nicht zum ersten Mal hier. Sie schaute ihn an. Und zum ersten Mal seit Ewigkeiten sah jemand hin. Nicht weg, nicht hindurch, nein, hin. Sah mitten hinein in dieses Chaos seiner trüben Augen. Und in dem Moment verstand er es: All die Menschen hier drinnen waren ihm ähnlich, fühlten ähnlich, fieberten einem fast paranormalen Zustand entgegen, um nur ja nicht mit der Schwere der Realität konfrontiert zu sein. Sie waren noch so jung. Bangten alle darum, dass die Welt die Rechnung für verpasste Chancen und miserable Fehlentscheidungen genau dann ausstellte, wenn sie am wenigsten zahlungsfähig waren. Wenn ihre Vorfahren den Kredit schon maßlos überzogen hatten und nun ihre Zukunft zwangsversteigerten. Viele hatten Angst. Vor schmelzenden Eisbergen, brennenden Wäldern und kriegerischen Schlachtfeldern. Und davor, dass Politiker währenddessen noch immer das größte Problem darin sahen, dass zwei Menschen des gleichen Geschlechts sich aufrichtig liebten. Vor einer Wiederholung der Geschichte und vor der Angst durch Wegsehen eine Neue zu schreiben. Vor den Bildern misshandelter, unterdrückter Frauen. Vor den Bildern hungernder Kinder, während sie selbst sich ein Dreigängemenü bestellten. Vor dem Vorbeigehen an Obdachlosen, während sie sich auf den Heimweg in ihr eigenes warmes Haus machten. Vor nicht humanen Arbeitsbedingungen oder davor, dass man ein Leben lang für sein Morgen arbeitete, mit dem einen Fuß noch steckend im Gestern, mit dem anderen schon im Grab. Obwohl man doch Geld gar nicht mit ins Grab nehmen konnte. Vor der öffentlichen Hetze blutiger Zungen, die über Immigranten züngelten und spien. Vor altem Hass und neuen Parolen. Und irgendwie auch vor dem Untergang der Demokratie oder…der Erde. Und in diesem fragilen Zustand, vermischt mit Scham, fingen sie an und öffneten sich. Ein mancher war hier wankend zwischen Lebensentwicklung und Burnout, versuchend die Erfolgsleiter zu besteigen. Ein anderer stand vor unbezahlbaren Rechnungen für unbezahlbare Wohnungen und Träume. Und bangte, dass er all die Schulden, die heute gemacht wurden, um morgen eine stabile Infrastruktur zu erzielen, von ihm abbezahlt werden würden müssen. Sie alle lebten in einer sich rasend schnell verändernden Welt. In einer Welt, der man jeden Tag neu begegnete und auch neu um sie fürchtete. Eine Welt, die keine Sicherheit versprach, weil nichts so verlässlich wie ihr Wandel war. Eine Welt, in der man schon bald nicht mehr zwischen KI und Realität unterscheiden konnte. Und inmitten all dessen sollten sie noch rausfinden, wer sie in all dem sein wollten. Ihre Gespräche erfüllten die Stille. Und man sprach. Über Politik und Spielsucht. Er, der zwanzigjährige kleine Junge, wagte es darüber zu sprechen, warum er wirklich hier war. Und während ihm ein älterer Mann sagte, dass es früher auch keine Depressionen gab und man früher auch einfach zur Arbeit gegangen war, stand die Jugendliche, die ihn angesehen hatte auf und drückte ihm einen Zettel in die Hand. Er klappte ihn auf und las ihn. Dann klappte er seine Seele auf und las die Menschen in diesem Raum. Und am Ende sich selbst. Klappte ihn wieder zu und verließ die Halle.

Einige Wochen nach diesem Vorfall war er nicht mehr ganz derselbe, immer noch er, aber irgendwie auch anders. Er besuchte die Demonstrationen, von denen er zuvor immer sagte, dass sie doch eh nichts brachten. Und sprach mit jemandem über seine Spielsucht, obwohl er immer glaubte, er hätte sie alleine bewältigen können. Manchmal weinte er. Und war dabei ein echter Mann. Er schrieb sich für einen Schnupperkurs für Friedens- und Konfliktforschung an seiner Universität ein. Und trat einer politisch motivierten AG bei. Er wagte es, wieder zu hoffen. Auf Inklusion und einen Erhalt der Demokratie, auf Menschenrechte und humane Arbeitsbedingungen für alle, auf Frieden und eine weniger keuchende Erde. Er wagte es zu atmen in einer stickigen Stadt. Einer Stadt, in der immer jeder die Luft angehalten hatte, aus Angst, dass, wenn man anfangen würde, wirklich ein- oder sogar erleichtert aufzuatmen, endgültig erstickte. Er wagte es tief ein- und auszuatmen, all jenes, was ihn belastete, zog er in sich hinein und stieß es mit einem Atemstoß der Hoffnung in die drückende Stadtluft hinaus. Und es war vielleicht das letzte Atmen in der Stadt. Denn er war vielleicht der Letzte, der es noch wagte zu atmen. Doch der Letzte würde der Erste sein. Und wo ein Erster war, da würde es einen Zweiten geben und einen Dritten. Und wo es einen Dritten gab, da würde es einen Stadtteil geben. Und wo es einen Stadtteil gab, da würde es eine Stadt geben und vielleicht eines Tages ein Land oder eine Welt. Er wagte es zu hoffen, weil er in dieser Nacht eines verstanden hatte: Es würde sich nichts ändern, weder in seinem Leben, noch in seinem Land, noch auf der Erde, wenn er nicht einen Schritt in der realen Welt gehen und sich nie von seiner künstlich erzeugten Fantasiewelt losreißen würde. Und dass es okay war, sich sicher in seiner Unsicherheit zu sein und dennoch einen Schritt zu gehen. Weil Bewegung und Schritte, ganz gleich, ob vor oder zurück, immer bewegender waren, als stagnierend in einer konfliktvermeidenden Ohnmachtsstarre zu verharren. Und als er eines Nachts wieder an der Spielhalle vorbeiging und einen wie ihn vor ihr stehen sah, da kämpfte er mit sich. Dann holte er erneut den Zettel, den die Jugendliche ihm zugesteckt hatte, aus seiner Hosentasche. Er klappte ihn auf, den Zettel. Etwas zerknittert, doch noch immer gut lesbar. Und auf ihm die Worte gekrickelt:

„Das Leben ist sehr zerbrechlich. Man muss Leben leben. Ansonsten tut es ein anderer für dich. Und dann ist es wahrscheinlich nicht mehr deins. Und wahrscheinlich auch nicht das, was du wolltest.“