Monika Gib liest ihren Beitrag "Ein Tischgespräch" aus der Jugendanthologie 2026

Hördatei: 

Monika Gib (20 Jahre)

Ein Tischgespräch

 

Caleb ging die Betonstufen schlürfend hinauf. Das alte Treppenhaus roch nach Kalk und Zigarettenrauch und der Lack splitterte vom alten Treppengelände ab, den Rost darunter enthüllend.

Er ließ seine Hand über die unebene Fläche gleiten, seine Gedanken mit jeder Treppenstufe zerstreuter. Sein Blick klebte an seinen Schuhen und er konnte fühlen, wie sich seine Augenbrauen in Beunruhigung zusammenzogen.

Er überlegte gerade, ob er nicht doch kehrtmachen sollte, als ein bekanntes Niesen durchs Treppenhaus hallte.

„Schon wieder deine Allergien, Krümmel?“, fragte er den orangen Kater, der grimmig vor einer Tür saß.

Caleb ging in die Hocke und Krümmel kam mit einem weiteren Nieser angetrottet. Er rieb seinen Kopf gegen Calebs Knie und dieser ließ seine Hand über sein weiches Fell gleiten.

Obwohl Calebs Ärmel schmerzhaft über seine Arme glitten, spürte er eine gewisse Ruhe, während er dem Schnurren des Katers lauschte.

Sein Kopf wurde leerer und ein leichtes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht.

Krümmels große grüne Augen wurden träge und sein Kopf neigte sich leicht, als Caleb ihn hinterm Ohr krauelte.

„Ich wäre auch gerne eine Katze“, sagte Caleb, „glaub mir, du weißt gar nicht, wie gut du es hast.“

Leider war Krümmel die Streicheleinheit an diesem Tag nicht vergönnt.

Hinter ihnen öffnete sich quietschend eine Tür und Caleb musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wer seinen Moment der Ruhe störte.

„Ein paar Sekunden noch“, sagte Caleb.

„Susanne wird sich wieder bei mir beschweren, wenn sie dich mit ihrem Kater sieht“, klagte Corinna und Caleb warf einen genervten Blick nach hinten.

Die Frau in ihren 30ern hatte sich mit verschränkten Armen an den Türrahmen ihrer Wohnungstür gelehnt. Ihre knallrot gefärbten Haare fielen ihr in Locken über die Schultern und eine Spange hielt ihr den Pony aus dem Gesicht.

Caleb schnaubte. „Susanne sollte sich etwas zu tun suchen. Sie hat offensichtlich zu viel Zeit.“ Er stupste Krümmels Nase an und ließ seinen Finger über seine weiche Stirn gleiten.

Corinna kam an seine Seite. „Du kennst sie nicht mal richtig“, merkte sie an, aber Caleb zuckte nur mit den Schultern.

„Gut genug.“

Corinna stieß Krümmel mehrmals leicht mit dem Fuß an, um ihn zum Gehen zu bewegen. Krümmel entzog sich Calebs Hand und Corinnas Fuß und trottete beleidigt die Treppe hinunter, noch unzufriedener als zuvor.

Sie sah ihm nach und seufzte. „Wehe er strullert wieder auf meine Fußmatte, weil er beleidigt ist.“

Caleb zuckte mit den Schultern und richtete sich auf. „Er ist nachtragend, kann ich ihm nicht verübeln.“ Er trat in Corinnas spärlich belichteten Flur und zog seine Schuhe aus.

Sie schloss die Wohnungstür hinter ihnen. „Weil du genauso nachtragend bist? Vielleicht versteht ihr euch deshalb so gut.“

Caleb rollte mit den Augen.

„Ha, ha, sehr witzig, Frau Erzieherin. Es ist deine Entscheidung, dir noch einen Jugendlichen außerhalb deines Studiums anzutun.“ Er ließ sich auf einen Stuhl in ihrer kleinen Küche fallen.

Die orange-weiß karierten Gardinen waren immer noch schaurig und die weiße Arbeitsfläche mit Kaffeeflecken gemustert. Der kleine Esstisch, an dem er saß, war mit einem Blumenstrauß geschmückt, und er wollte gerade eines der Blütenblätter abzupfen, als die Vase durch ein Wasserglas ersetzt wurde und Corinna sich vor ihn setzte.

Enttäuscht zog er seine Hand zurück.

„Ich studiere Soziale Arbeit“, sagte Corinna, „und du kannst wohl kaum mehr als Jugendlicher bezeichnet werden.“

„Du weißt, was ich meine.“

Sie verschränkte ihre Arme auf dem Tisch und betrachtete den 20-Jährigen in ihrer Küche schweigend.

„Was?“, fragte Caleb.

„Hau raus, warum bist du hier? Was ist los?“

„Warum muss was los sein? Darf ich nicht einfach so vorbeikommen?“

Sie hob unbeeindruckt eine Augenbraue und Caleb begann unruhig mit dem Feuerzeug in seiner Manteltasche zu spielen.

„Dafür kenne ich dich zu gut. Du hast den Mut gefasst, hierher zu kommen, willst du die Chance nicht auch nutzen?“

Ruckartig kamen die Bauchschmerzen, die Calebs Anspannung meist begleiteten, wieder. Er ließ frustriert eine Hand durch sein Haar gleiten. Dann hängte er seinen Mantel über seine Stuhllehne und goss genauso viel in sein Glas ein, wie er in einem Zug leeren konnte, falls er schnell wieder verschwinden wollte. Er zögerte einen Moment, bevor er sprach.

„Na gut, mir geht‘s scheiße, okay? Das ist nichts Neues. Ich bin hier, weil … ich weiß auch nicht genau … du mir zuhörst?“, sagte er und nahm einen Schluck. Ihm wurde das Gespräch jetzt schon unangenehm.

Mit einem aufmunternden Lächeln gestikulierte Corinna ihm weiterzusprechen.

Caleb spürte Irritation in sich hochkommen, drückte sie aber herunter. „Ich glaube, ich bereue es gerade, herzukommen zu sein“, sagte er.

Corinna ließ die Hände sinken. „Du hast mir letztes Mal gesagt, deine Freunde und Mitbewohner sind nicht die richtigen Menschen, um diese Art Gespräche zu führen“, sagte sie, „mit mir hast du das Gefühl, du darfst es rauslassen, aber ich bin trotzdem nicht die richtige Person, um dich mir anzuvertrauen. Keiner ist es. Warum nicht?“

Für einen Moment starrte er sie verdutzt an, dann lehnte er sich mit verschränkten Armen auf seinem Stuhl zurück. „Seit wann bist du eine Therapeutin? Sind tiefgründige Fragen jetzt dein Ding?“

Sie seufzte. „Caleb, bist du nicht hier, weil du Angst hast, Therapie zu holen? Mit mir fühlt es sich weniger verbindlich an, oder?“

Sie hatte nicht unrecht, auch wenn ihre Formulierung ihm unangenehm war. Immerhin zwang er sie nicht dazu, sie konnte ihn jederzeit vor die Tür setzen.

Caleb nahm einen tiefen Atemzug mit der Hoffnung, die Spannung in seinem Bauch würde mit der Luft wieder aus ihm weichen.

„Sogar, wenn mir jemand zuhört, juckt sie es wirklich?“, sagt er. „Meine Mitbewohner würden vergessen, dass ich jemals existiert habe, sollte ich ausziehen. Und meine Freunde? Die sind damit beschäftigt, ihr Leben zu leben, nicht damit, sich meine Probleme anzuhören. Und du …“, er schüttelte missbilligend den Kopf, „dein Studium scheint dich glauben zu lassen, du kannst jeder armen Seele helfen. Denk drüber nach: Nicht ich als Person bin dir wichtig, sondern der bedauernswerte Umriss, den meine Probleme von mir zeichnen. Es fühlt sich bestimmt gut an, wenn man sich selbst auf die Schulter klopfen kann, nachdem man ja wieder ach so hilfreich war.“

Corinna schüttelte den Kopf. „Das stimmt nicht, Caleb. Ich will dir helfen, das stimmt, aber weil du ein Mensch bist, der es wert ist.“

Caleb lehnte sich mit den Ellbogen auf dem Tisch vor, ein herausforderndes Funkeln in den Augen. „Ich bin einfach nur ein weiterer deiner Fälle. Keiner hilft rein aus gutem Willen, so sind Menschen nicht gestrickt, Corinna. Mein Vater hat gesagt: Menschen, die anderen Menschen beruflich helfen, können nicht ganz normal sein. Entweder willst du was in dir richten oder du willst Sachen in der Welt richten, mit denen du eigentlich nichts am Hut hast. Wem geht es wirklich um die einzelnen Menschen? Wenn ein Leidender geht, kommt der nächste. Es gibt mehr als genug, um Heldenfantasien auszuleben.“

Corinna hörte ihm aufmerksam zu. Ihre Ruhe störte ihn. Das war der Punkt, wo die meisten anfangen würden, ihm zu widersprechen und ihn pessimistisch zu nennen. Mittlerweile erwartete er es schon, aber ihr Blick blieb unberührt.

„Ich werde deine Meinung wohl kaum ändern können, wenn du sie nicht ändern willst“, sagte sie, „aber vielleicht kannst du dieses eine Mal mir zuhören. Für mich bist du nicht nur ein Umriss deiner Schmerzen und der Leute, die dich verletzt haben. Es mag schwer sein, es zu glauben, aber nicht alle Menschen sind gleich, Caleb. Du bist sauer, weil du glaubst, du bist niemandem wichtig. Ich bin sauer, weil ich weiß, dass es nicht stimmt. Ich höre dich, hörst du mich?“

Caleb starrte auf die Tischplatte. Sein innerer Druck schien in seine Augen überzugehen und sie mit Tränen zu füllen. Er blinzelte schnell, um die Nässe aus ihnen herauszutreiben.

Etwas an ihren Worten fühlte sich richtig an, so richtig, dass sie ihm einen Stich verpassten. Er spürte, dass Hoffnung in ihm hochkam, aber er war sich nicht sicher, ob er diese wollte. Hoffnung war ein lügnerisches Gefühl. Immer wieder hatten Menschen ihm Dinge für immer weggenommen, aber noch nie für immer gegeben. Verlieren war so einfach.

Er verstand nicht warum, ob ihn das leise Flüstern der Hoffnung oder Corinnas Worte dazu brachten, aber Worte sprudelten ungefiltert aus ihm heraus. „Ich habe mich wieder selbst verletzt. Ich kann nicht aufhören.“

Corinna stand auf. „Okay“, sagte sie, „darf ich es mir angucken?“

Er schüttelte den Kopf und sie blieb mitten in der Bewegung stehen. „Nein“, sagte Caleb und fuhr sich wieder durch die Haare, „sie sind nicht tief, kein Grund, dir darum Sorgen zu machen.“

Sie setzte sich wieder. „Okay, ich glaube dir, aber es bereitet mir trotzdem Sorgen. Caleb, ich kann dir nicht mehr als die Möglichkeiten geben, die ich dir schon vorgeschlagen habe, aber ich möchte dir helfen.“

Caleb richtete sich wieder auf seinem Stuhl auf. „Ich weiß, was du sagen willst, aber ich kann nicht einfach in eine Klinik gehen, ganz besonders nicht, wenn unsicher ist, ob es überhaupt was bringt. Alles dafür stehen und liegen zu lassen …“, er schüttelte den Kopf.

„Das kann ich nachvollziehen, aber du hast deine Ausbildung schon abgeschlossen, keiner wird eine Augenbraue heben, wenn du jetzt eine Pause einlegst“, versuchte sie, ihn zu besänftigen, aber Calebs Unruhe stieg nur weiter.

„Ich muss meinen Unterhalt zahlen und es könnten Monate vergehen, bis ich überhaupt einen Platz bekomme und …“, sein Blick glitt zur Tischplatte, „ich will nicht etwas mit meinem Vater ausmachen müssen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Es lässt sich bestimmt etwas mit deinen Mitbewohnern ausmachen, und es gibt verschiedene Hilfen, die ich mir mit dir anschauen könnte. Es gibt Wege, wie du nicht deinen Vater um Hilfe bitten musst. Glaubst du nicht, es könnte einen Versuch wert sein?“

Caleb fuhr mit einer Hand über sein Gesicht. „Du verlangst ziemlich viel Vertrauen von mir.“

Sie sah ihn mit ihren warmen, braunen Augen an. „Ich weiß.“

Der Vorschlag klang machbar, vielleicht sogar gut, aber auch nach viel Veränderung und vielem, was er nicht allein meistern können würde.

Calebs Kopf drehte sich mit zig Gedanken. Es waren zu viele, um sie in dem Moment sortieren zu können. „Ich überlege es mir. Ich muss raus hier. Mein Kopf bringt mich um.“

Corinna nickte und stand auf, als er seinen Mantel überzog. „Komm in den nächsten Tagen vorbei. Ich werde dir nicht zu viel Zeit lassen, sonst wirst du keine Entscheidung treffen.“

Er nickte, während er sich runterbeugte, um seine Schuhe zu schnüren. Dann griff er zögernd nach der Türklinke. „Ich werde es versuchen … versprochen.“

„Ich weiß“, sagte Corinna, als Caleb die Tür aufschwang.

Sein Blick blieb an ihrer Türmatte hängen, bevor er wieder zu ihr aufsah.

„Ich hoffe, Krümmel lässt deine Türmatte in Ruhe. Du hast es nicht verdient.“

Sie lächelte. „Wenn es ihm hilft, seinen Gefühlen Luft zu machen, bin ich nicht sauer.“

Caleb entging nicht, was sie ihm damit sagen wollte. Am liebsten hätte er mit den Augen gerollt, stattdessen hob er zum Abschied die Hand, bevor er die Treppe runterging. Seine Gefühle waren immer noch gemischt, aber als diesmal die Hoffnung wieder aufkeimte, ließ er sie, wo sie war.

Er warf noch mal einen Blick auf Corinnas nun geschlossene Tür, dann ging er.