Preisträgerin Inken Hübner liest ihren Beitrag "Wimpernschlag" aus der Jugendanthologie 2026

Hördatei: 

Inken Hübner (19 Jahre)

Wimpernschlag

 

In New York City, einer der größten Metropolen der Welt, gibt es einen digitalen Countdown, der herunterzählt, wann das so hoch versprochene 1,5°C Ziel für den Klimaschutz nicht mehr eingehalten werden kann. Der Countdown zeigt, wann die Turning Points erreicht sind, wo wir die Erderwärmung nicht mehr aufhalten können. Ist es nicht absurd, dass der Mensch einen eigenen Countdown für seinen Untergang gesetzt hat?

 

25 Jahre, 355 Tage, 10 Stunden, 8 Minuten und 17 Sekunden.

Die Ewigkeit ist ein Konzept, das uns schon seit Menschengedenken bekannt ist. Sie ist in Mythen und Geschichten von Vampiren und Alchemisten festgehalten. Sie ist in dem Glauben festgehalten, dass der Mensch das höchste Wesen der Schöpfung ist und rein gar nichts diesen Platz infrage stellen kann. Wir stehen am Ende der Nahrungskette und das wird sich nie ändern. Die Ewigkeit ist eine hübsch verpackte Lüge. Sie lächelt dir ins Gesicht und verspricht, dass die Unendlichkeit greifbar ist. Hinter ihrem Lächeln steckt eine in Mamor gemeißelte Fratze. Die Ewigkeit ist kalt und einsam. Doch der Mensch ist ignorant. Wir wandeln schon so lange auf der Welt, dass wir vergessen haben, dass es eine Zeit gab, in der unsere Existenz nicht vorhanden war. Wir sind nur ein Wimpernschlag in der Geschichte, doch wir sind vom Größenwahn getrieben, der uns glauben lässt, dass wir die Ewigkeit besitzen würden. Wir wollten nicht sehen, was direkt vor unseren Augen geschah. Wir dachten, wir hätten ewig Zeit. Wie sehr wir uns doch getäuscht haben.

19 Jahre, 97 Tage, 3 Stunden, 12 Minuten und 4 Sekunden.

Die Abgase der Autos verdichten die Treibhausgase in der Atmosphäre. Trotz aller Warnungen ist der Verbrenner immer noch stärkste Kraft auf dem Markt. Die Innenstädte hätten schon lange autofrei sein sollen, aber wie soll das gehen, wenn der Bus nicht fährt und die Bahn mal wieder Streckensperrungen wegen Bauarbeiten hat? Jetzt brennt die Sonne unbarmherzig auf die Erde herab und wird von klitzekleinen Molekülen millionenfach reflektiert. Ihre einst so wärmenden Strahlen sind nun wie Feuer auf der Haut. Im Sommer gibt es jetzt Temperaturen von über 35 Grad. Eine Hitzewelle jagt die nächste. Jedes Jahr werden mehr Hitzetote gezählt. Die Zahlen steigen fast so schnell wie die Temperatur auf dem Thermometer. Im Fernsehen erinnern sie ans Wassertrinken und Sonnencreme auftragen. Als würde uns das retten können. Auf die Hitze folgt der Regen.

In Strömen fällt er vom Himmel herunter. So viel, dass die Kanalisation überfordert ist. Die Bäche und Flüsse steigen über die Ufer und reißen alles Hab und Gut mit sich. Auch menschliches Leben bleibt nicht verschont. Zu den Hitzetoten gesellen sich die Flutopfer. Wie grotesk, dass wir verschiedene Wörter für verschiedene Tote haben. Wie grotesk, dass wir keine Maßnahmen ergreifen, um diesen Kreislauf zu durchbrechen. Wir dachten, wir hätten ewig Zeit. Wie sehr wir uns doch getäuscht haben.

 

15 Jahre, 56 Tage, 3 Stunden, 25 Minuten und 16 Sekunden.

Es kommt zu weiteren Überschwemmungen. Der Meeresspiegel steigt, denn die Eisberge schmelzen in rasantem Tempo. Wo es bis vor Kurzem noch Eisschollen gab, hört man nun das verzweifelte Brüllen von Eisbären, die dem tiefen Ozean entgegenblicken. Einige tropische Inseln haben sich zu neuen Atlantisen verwandelt. Ihre Geschichte liegt unter der Wasseroberfläche und kann nur noch im Tauchgang bestaunt werden. Die ersten Proteste mit bunten Schildern entstehen aus dem Nichts, wie Krokusse im Frühling. Dann sitzen Politiker in den Parlamenten und schwingen eine Rede nach der anderen. Doch genau wie die Blumen verkümmern sie, nachdem sie sich einmal im Sonnenlicht gerekelt haben. Dann sagen wir uns, es ist ja noch Zeit. Zeiten ändern sich schließlich ständig. Wir dachten, wir hätten ewig Zeit. Wie sehr wir uns doch getäuscht haben.

 

6 Jahre, 33 Tage, 5 Stunden, 54 Minuten und 44 Sekunden.

Die Sekunden ticken nur so herunter und reißen die Zeit mit sich. Wir warten auf bessere Tage, doch die Tage kommen nicht. Was stattdessen kommt, ist der Tod. Tagein, tagaus kommt er in die Häuser und holt sich einen geliebten Menschen nach dem anderen. Der Tod macht in diesen Tagen Überstunden und kassiert mit einem Lächeln sein Gehalt. Woran sterben die Menschen in einer Welt, in der Ärzte in der Lage sind, Lungen zu transplantieren und Krebs zu heilen?

Mit der Hitze kommen die Krankheiten. Fast im Sekundentakt gibt es einen Ausbruch einer neuen Krankheit. Eine, die ihre Opfer fordert, bevor es ein Heilmittel gibt. Wenn es eins gibt. Die Menschen krepieren an winzigen Organismen. Dabei waren wir doch die unbesiegbaren Helden auf der Welt.

Mit der Hitze kommt der Hunger. Wir schaffen es nicht mehr, für alle Menschen genug zu produzieren. Dabei haben wir doch im Übermaß gelebt. Skelette liegen am Straßenrand. Ihre Haut liegt eng an den Knochen, wie altes Leder sieht es aus. Wir gehen mit gesenkten Köpfen an ihnen vorbei. Besser die als wir. Wer auch immer die sind.

Mit der Hitze kommt die Armut. Während die einen am Hungertuch nagen, posten die anderen über Yachturlaub in Saint-Tropez. Die Reichen werden immer einen Platz am gedeckten Tisch haben, während es in der Platte in den Städten keine Klimaanlage gibt. Und die Politik? Die macht wie immer das, was für die Wählerschaft am besten ist. Das Beste besteht darin, genauso weiterzumachen wie bisher. Leider wird die Wählerschaft die Auswirkungen des Nichtstuns nicht mitbekommen. Diejenigen, deren Hände gebunden sind und die sich ohne Stimme wiederfinden, sind jedoch diejenigen, die am Ende vor dem Nichts stehen werden. Wir dachten, wir hätten ewig Zeit. Wie sehr wir uns doch getäuscht haben.

 

Neulich haben sie den letzten Eisbären erschossen.

 

1 Jahr, 8 Tage, 15 Stunden, 3 Minuten und 52 Sekunden.

Tiktak, tiktak, tiktak. Die Panik beginnt. Was wird von uns bleiben? Was wird aus dem Wimpernschlag der Geschichte?

Bum-bam-bam, bum-bam-bam: Das ist der Beat des Liedes, das spielt, wenn die Welt ihren Untergang findet. Bum-bam-bam, bum-bam-bam: Das ist der Rhythmus, wenn die ersten Bomben fallen und Häuser in sich zusammenfallen. Bum-bam-bam, bum-bam-bam: Das ist der Sound, wenn Menschen aufeinander schießen. Wenn Kinder einander umbringen, weil sie die Letzten sind, die am Ende noch fit genug sind, um in den Kampf zu ziehen. Ich will noch nicht sterben. Nicht so. Denn wofür? Um die letzten Ressourcen zu sichern, die in wenigen Jahren zur Neige gehen werden? Um ein Leben zu leben, das nicht mehr lebenswert ist? Was bleiben wird? Wir werden nichts weiter sein als verschwommene Erinnerungen. Wenn überhaupt jemand übrig bleibt, um sich zu erinnern. Die Welt wird verstummen. Die Menschheit wird verschwinden. Vielleicht hat der Mensch sich einen eigenen Countdown für seinen Untergang gesetzt, weil er wusste, dass er daran beteiligt sein wird. Wie naiv wir waren. Wie leichtgläubig, stolz und ignorant. Niemand kann die Ewigkeit besitzen. Niemand kann die Zeit anhalten. Wir dachten, wir hätten ewig Zeit. Wie sehr wir uns doch getäuscht haben.

 

0 Jahre, 0 Tage, 0 Stunden, 0 Minuten und 12 Sekunden.

Wir dachten, wir hätten ewig Zeit. Wie sehr wir uns doch getäus-