18. Lesung beim Türkischen Elternverband mit Jugendlichen der Essener Anthologien/ Text von Aleyna Pamuksuz - Mein Heute und Morgen an der Ruhr

 

Selbst aktiv werden und eigene Akzente setzen!
 
Ein besonderer Abend war das am 27. März 2026 beim Türkischen Elternverband Ruhr. Zum 18. Mal hatte er Jugendliche eingeladen, die bei den Essener Anthologien mitgeschrieben hatten. Sie sollten ihre Texte vorstellen, damit sie diskutiert und gewürdigt werden konnten. Das Thema diesmal: Mein Heute und Morgen an der Ruhr. Es kamen Filiz-Ela Er, Meltem Sak, Ecrin Baran, Irem Yilmaz und Sumeja Durak zusammen mit dem Herausgeber und Autor Artur Nickel. Die Jugendlichen beeindruckten die Zuhörenden mit ihren Texten. Dabei wanderten sie inhaltlich in ihnen zwischen verschiedenen Welten umher. Zum Beispiel zwischen der Buch- und der realen Welt. Zwischen der persönlichen und der Welt, die man findet, wenn man in einen Spiegel schaut. Oder auch, wenn man aus der Heimat in Deutschland in die des eigenen Herkunftslandes reist. Da brach vieles auf, das lebhaft diskutiert wurde.
Anschließend las Aleyna Pamuksuz, inzwischen 25 Jahre alt und examinierte Medizinstudentin, ihr Gedicht "Hanau", das sie 2021 in der Essener Anthologie veröffentlicht hat und das den rechtsradikalen Anschlag in Hanau thematisiert. Auch das beeindruckte, wirkte es doch nach wie vor aktuell. Danach las Aleyna Pamuksuz einen neuen Text, den sie extra zum neuen Thema geschrieben hatte. In ihm schildert ein Erzähler-Ich, offenkundig ein Arzt oder eine Ärztin, protokollartig, was in einer Notaufnahme passiert. Es berichtet vom Tagesablauf zwischen dem Tod von Patienten und Alltagsbanalitäten. Ein Ereignis nach dem anderen. Ohne Unterschied. Nüchtern und sachlich. Dazwischen immer der Piepton des Rufgerätes, der eine detailliertere Auseinandersetzung mit dem Geschehenen unterbricht. Bis ins Privatleben hinein. Das war noch einmal etwas ganz Besonderes. Aleyna Pamuksuz hält uns mit diesem Text einen Spiegel vor. Sie zeigt an, dass wir in unserer computergesteuerten "modernen" Welt nur noch passiv registrieren, was vor sich geht, ohne selbst aktiv zu werden und eigene Akzente zu setzen. Ohne selbst festzulegen, was uns wichtig ist! Das war eine deutliche Kritik an unserem Verhalten! Es zeigte aber auch an: Wenn junge Menschen einmal Feuer gefangen haben beim literarischen Schreiben, dann schreiben sie weiter. Sie haben uns etwas mitzuteilen und wollen gehört werden!
Ein beeindruckender Abend, musikalisch begleitet von Kazim Birlik auf der Saz mkit selbstkomponierten Volksliedern und moderiert von Kamuran Turan. Ein großes Dankeschön dafür! Der Elternverband Ruhr hat an diesem Abend einen besonderen Akzent gesetzt.     
 
Mein Heute und Morgen an der Ruhr
Biep. Stempel ein, 7:17, PC hochfahren, tief einatmen. Du weißt, es wird ein langer Tag.
Biep biep, neuer Patient in der Notaufnahme, V.a. Schlaganfall, jetzt aber schnell. Biep biep noch ein Patient, biep biep in der Warteliste stehen schon 5 Neue, Bieeeep. Asystolie. Frau K. ist tot, Biep biep Station ruft an, Herr S. ist nicht zufrieden mit seinem Ein-Bett-Zimmer.
Biep. Stempel aus. 18:15, Tür geht auf, Ausatmen, frischer Wind, für 5 Minuten, Gehupe und Stau, es fährt ein Rettungswagen an dir vorbei, du machst Platz, und fährst weiter.
Knarrend geht die Haustür auf, träge Schritte, du wirfst dich auf die Couch.
Handy an, scrollen. Ein neues Meme ist viral, süße Katzenvideos…oh ist doch nur AI, 500 neue tote Kinder in Palästina, hier ein ultraschnelles Meal-Prep für die Arbeit, Bomben im Iran, mein OOTD (Outfit of the Day) Check, Epstein Files und Kindesmissbrauch, a Day in my life als Influencerin, Hungersnot in Yemen und Sudan, GRWM (Get Ready With Me) für ne Hochzeit, zerfallende Gesundheitssysteme und steigende Obdachlosenzahlen, Überschwemmungen und Gletscher schmelzen, aber vorher noch eine Roomtour von meinem neuen Zimmer, 938 registrierte Femizide in nur einem Jahr, Leute rennt zur Drogerie und probiert dieses neue Produkt aus.
Ich seufze. Wann habe ich eigentlich aufgehört nichts mehr zu fühlen. Oder, alles auf einmal zu fühlen und nicht zu wissen wohin mit mir. Verloren zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Sozialen Medien und Realität, zwischen Kriegen und Frieden, zwischen Chaos und Ruhe, zwischen Heute und Morgen. Man sagt ja so schön, „Denke nicht zu viel an morgen, sondern lebe heute“. Witzig, denn ich mache mir viel zu viele Sorgen um das Heute, ungewiss darüber, ob es ein Morgen gibt. Und ich bin mir sicher ich bin nicht alleine damit. Ich frage mich, ob wir die erste Generation sind, geprägt von starker Unsicherheit über unsere Zukunft, oder ob es zu jedem Zeitpunkt der Geschichte diese Empfindung gab. Diese Verlorenheit. Der Übergang vom Kind und Jugendlicher sein, zum Erwachsenenleben, voller Erwachsenenprobleme. Erwachsenenprobleme? Potentielle Weltkriege, Netzwerke von Macht, Missbrauch und Menschenhandel, Völkermorde, Entmenschlichung durch Verlust von Individualität und das einfache Recht zu existieren. „Erwachsenenprobleme“ wird diesen Umständen irgendwie nicht gerecht. Wenn Kinder und Jugendliche, sich die Frage stellen „Gibt es überhaupt ein Morgen für uns.“, dann läuft etwas gewaltig schief. Wenn eine ganz große Generation von Kindern und Jugendlichen aus dem Ruhrgebiet mit diversen Hintergründen wie Migration und Flucht, weiß, dass Rechts nicht rechtens ist, dass Stille und Neutralität dort unangebracht sind, wo selbst Schreie und Protest nicht ausreichen. Wie können so manche Erwachsene dort oben leben und entscheiden, als wäre ihnen das Heute egal und das Morgen nur ein ferner Gedanke, als würde nichts von dem, was passiert, sie wirklich berühren…
Biep, neue WhatsApp Nachricht. Meine Mama fragt, wie es mir geht. „Ganz gut, Anne. Wie immer.“ Ich leg mein Handy beiseite, morgen ist ein neuer Tag. Vermutlich.
Aleyna Pamuksuz
 
 
 
 
Bilder von Ali Sak