Chiara Becker - Ein Ordner voll mit Wissen

Chiara Becker

Ein Ordner voll mit Wissen

 

Ich habe einen Ordner Zuhause,

dicker als mein Tagebuch,

gefüllt mit Klausuren aus einem Jahr und

dieser Ordner in meinem Zuhause

soll aussagen, wie klug ich einmal war.

Darin sind Noten und auch Punkte,

die auf dem Papier so gut aussehen

und diese Punkte, diese Noten

zeigen, wie gut ich kann Dinge verstehen.

 

Da ist keine Note, auch keine Zahl

in diesem ganzen vollen Jahr,

die nicht einfach super war. Da

sind Zeilen, Papiere, Kataloge.

Seiten, auf denen ich die Welt erklär, doch

wenn mich heute einer fragt,

was ich geschrieben habe, dann

weiß ich es schon jetzt nicht mehr. Und

eigentlich gab dieser Ordner an Wissen

wenig Antwort auf meine Weltfragen her.

 

Trotz allem soll ich jetzt schon wissen,

was ich werden möchte oder

wer ich bin und

wenn ich abends liege in meinen Kissen,

weiß ich nicht, wo mich das führen wird hin, denn

wenn ich mir diese Welt angucke,

merke ich,

da ist ziemlich viel Chaos in ihr drin:

Kinder fliehen in ihrer Not und

erhalten bei uns Hausverbot

Menschen müssen heimlich lieben, denn

queere Liebe ist zu verschieden.

Neue Firmen werden gebaut und

die ganze Luft wird wieder versaut.

Plastik und Ölfilme in unseren Meeren, denn

Tiere können sich nicht beschweren.

Legen Gewehre in unseres Kinders Händen,

weil wir wissen:

Niemand wird ihnen Hilfe senden.

 

Kopfschmuck ist erlaubt, doch

einer Hijabi dagegen wird nicht getraut.

Der Arzt in der Abteilung arbeitet so rein,

aber mit Migrationshintergrund

würde er gefährlich sein!

 

Schubladendenken ist das, was zählt.

Für jeden ist schon eine ausgewählt.

Noch eine Aufschrift draufgeklebt?

Du weißt schon,

damit es jeder auch versteht.

Hat sie jemand aufgezogen,

rausgefunden, alles war gelogen?

Ich wünsche mir, lieber zu lesen

zwischen den Zeilen, als

ohne den Inhalt den Einband zu verurteilen.

 

 

Wir trauen uns nicht unter Menschen zu gehen aus

Angst, sie könnten unsere Schwächen sehen. Doch,

wenn dieser Erdball ist so groß, warum

interessieren uns Meinungen anderer bloß?

Allein dort sitzen fällt uns schwer. Wir

wünschten uns einen Ausweg her, denn

sind wir einmal in einer Schublade drin,

ist all der Inhalt einfach hin.

 

Wir gehen in die Schule, so unbedacht, in ein

Schulsystem, das Roboter aus uns macht.

Leicht zu programmieren wirken wir. Sag,

ist es anders bei dir und bei mir?

Oberflächlich und hektisch wirkt diese Welt.

Fast nichts, was uns vom Rennen aufhält.

 

Sind hineingeboren in eine Welt, in der

Performance mehr als Echtheit zählt, denn

egal was uns auch jemand rät,

Klicks und Likes: Identität

 

Sind hineingeboren in eine Welt, in der

Heute der Ruhm von Morgen zählt, denn

meistens geht es nur ums Geld.

Das ist der Grund,

warum man besser früh und

einen sicheren Beruf wählt,

egal ob einem der Beruf gefällt oder

man weiß, wer man ist oder

was man will,

nein, am besten stellt man den Piepton still,

wenn das Herz in der Brust zu vibrieren beginnt

und einem von Träumen und Wundern singt.

 

Wir bringen einander noch ins Grab!

Eine Welt, ein Wunsch, den ich hab:

Lasst uns einander nicht sagen,

Menschen mit gutem Herz

müssen diese Bürde alleine tragen.

Frieden ist das, was uns zusammenhält,

also lasst uns verändern diese Welt.

Lasst meine Rufe in die Welt gehen und

lasst uns Menschen bringen zum Verstehen.

Manchmal schäme ich mich ein Mensch zu sein

und damit will ich nicht sein allein…

 

Ich habe einen Ordner voll mit Wissen,

das ich inhalierte und dann vergaß

und oft schleicht sich dieser Gedanke in mein Gewissen:

Es gibt nicht viel von dem, was ich las,

das mich führte zu Antworten

auf meine Weltfragen hin

oder aussagte, wie klug ich wirklich bin

oder mir verschaffte Lebenssinn.

 

Deshalb hoffe ich, dass sich dieses Blatt mal wendet.

Und dass diese Welt nicht

in Schutt und Asche endet,

weil wir nie gelernt haben,

dass man sein Potential, diese Welt zu verändern,

in diesem Schulsystem und dieser Gesellschaft

viel zu oft einfach verschwendet.