Ende und Beginn - und wir sind mittendrin - aus der Einleitung des diesjährigen Buches zum 8. Vechtaer Jugendliteraturpreis - von Alfred Büngen
Das diesjährige Thema (Ende und Beginn) sollte den jugendlichen Autor*innen die Möglichkeit geben, ihre Verfasstheit zwischen dem Gestern und dem Morgen auszudrücken. Dafür fanden die Autor*innen sehr unterschiedliche literarische Formen. Tatsächlich kann man feststellen, dass fast jeder Beitrag einen ganz eigenen Stil verkörpert, also auch eine ganz eigene Möglichkeit sucht, sich in ihrer Verfasstheit zwischen gestriger und morgiger Welt zu zeigen. Der inhaltliche Grundzug der Zukunftsperspektive ist dabei mit wenigen Ausnahmen kein positiver, Skepsis und Zweifel dominieren. Zu sehr scheint den jungen Autor*innen die aktuelle Welt mit Krieg, Klimakatastrophe, sozialem Widerspruch und gesellschaftlichen Ansprüchen nicht akzeptabel. Es gibt nur wenige individuell zukunftssichere Antworten, zumeist dann, wenn die Ver-gangenheit ein Leben in Vertrauen ermöglichte: „Zwischen Ungewissheit und Gedankenkreiseln / sind die Moment-schnipsel / ein Sonnenstrahl / auf Tagträume von morgen.“ (Anna Hackstedt). Überwiegend scheinen die Beiträge eher eine Suche nach dem Ich in der Zukunft zu sein. „Ich suche das Gute / in mir. / Es ist ein Beginn, / der sich lohnt. / Noch ist kein Ende / sichtbar./“ (Luz Lenz)
Deutlich wird jedoch, dass die jungen Schreiber*innen die Erwachsenengeneration nicht ohne einen Vorwurf davonkommen lassen. „Ich schreie euch an! Kann es denn so schwierig sein? Weniger zu kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen“, meint Carla Westendorf in ihrem Beitrag. Und auch andere gehen in ihrer Sicht der Wirklichkeit grundsätzlich mit ihrer Kritik um. Dabei konstatieren sie vor allem die Privatisierung der Menschen in ihrem sozialen Empfinden, eine Kritik, die sie nicht nur an die Erwachsenen, sondern auch an die Gleichaltrigen richten. „Wir sind so gewöhnt an unseren angeborenen Wohlstand, an die Selbstverständlichkeit von Friedlichkeit in unserem Leben. Hat der Mensch sich schon immer so privatisiert und in seinem Mitgefühl isoliert?“ (Emma van Beek)
In mehreren Beiträgen klingt zudem an, dass die Jugendlichen sich nicht gut damit fühlen, dass sie sich schlecht fühlen. „Vielleicht, weil ich denke, dass meine Gründe nicht ausreichen, um mich schlecht zu fühlen. Aber nach einer erneuten depressiven Episode kann ich sagen, wenn man sich schlecht fühlt, dann fühlt man sich halt schlecht.“ (Eleonora Sabet-Moghaddam)
Andere jugendliche Autor*innen verlassen die Auseinandersetzung mit der realen Welt, indem sie ihre Geschichten in die Welt der Fantasy versetzen. Ist die reale Welt, so muss die Frage angesichts vieler Beiträge gefragt werden, für junge Menschen überhaupt noch akzeptabel bzw. noch lohnenswert änderbar? „Und genau deshalb müssen wir handeln. Weil unsere Generation zwischen Anfang und Ende steht – zwischen Hoffnung und Abgrund. Weil wir es uns nicht leis-ten können, zu schweigen. Wenn wir nicht handeln, ist unser Anfang das Ende.“ (Johanna Rosenberg) Nicht in allen Beiträgen finden wir diesen absoluten Gestaltungswillen. Doch in den meisten Texten bleibt ein wenig Hoffnung auf Veränderung, vielfach wird die Welt in ihrer Verfasstheit hingenommen. „Ich habe gelernt, einfach weiterzuleben. Wir alle haben das. Denn schlechte Nachrichten sind zur Normalität geworden.“ (Aynush Florentina Puchner)
Wie bereits einleitend gesagt, ermöglicht die Vielfalt der Beiträge keine allgemeinen Aussagen über Jugendliche und ihr Fühlen und Denken. Es gibt allerdings durchaus einen Pessimismus zu spüren und eine insgesamt zu beobachtende Aufgabenverpflichtung. „Wir dachten, wir hätten ewig Zeit“, wird (von Inken Hübner) unser aller Verpflichtung formuliert.
Im Interesse der Jugendlichen hoffe ich, dass wir dieser Verpflichtung gerecht werden, zumindest uns die Ängste und Sorgen der jungen Schreiber*innen in Bezug auf ihre Zukunft anhören.