Im Gezeitenstrom der Stille - Ein Lesebericht zu dem Gedichtband "Eben nur dort" von Thomas Bartsch - Ein Lesebericht von Philipp Létranger



2024 im Geest-Verlag erschienen, birgt dieser Gedichtband eine vielfältige Auswahl ausdrucksstarker Gedichte, die das Dunkel in uns und der Welt klar in den Blick nehmen, ohne dabei zu resignieren. 
Jedes Gedicht findet eine eigene Sprache für die persönliche Erfahrung des Dichters und gleichzeitig spricht aus jedem Text die Zeit und die Welt, in der wir alle heute leben. 
 
Den vier Kapiteln ist jeweils ein namensgebendes Gedicht vorangestellt, das man als Motto oder Hinweis für das nachfolgende Kapitel verstehen kann. So heißt es dort im ersten Gedicht des Kapitels I: "In der Nähe / Fremdes spüren // In der Fremdheit / Nähe // im Übergang / Die Mitte Finden // Und in der Mitte / Die Liebe." Das bedarf keiner weiteren Erklärung. 
Das Kapitel II trägt die Überschrift "Zeitlos reisen". Wo könnte man das besser als in der Erinnerung, z. B. hier: "Vom Himmel gefallene / Verrückte / Waren wir // Betrunkene / Die vergnügt / Auf den Dächern / Heimlich flüsternder Häuser / Taumelten // Verschworene / Die eng umschlungen / In knisternd nachgebende / Hecken fielen // Wilde / Deren Lachen wankte / Und purzelte // In den warmen Schoß / Dieser Nacht".
Weshalb scheint es so schwierig, die Welt und sich selbst zu ändern? Davon berichtet der Autor im Kapitel III, beispielsweise in den Gedichten "Transformation", "Kleine Fabel" und "Dämmerung". Zum Abschluss des Gedichtbands verrät uns Thomas Bartsch im Kapitel IV (nicht ohne Augenzwinkern, könnte ich mir vorstellen), wie man klimaschonend verreisen kann: Man könnte sich beispielsweise im Schneidersitz an den heimischen Strand setzen oder: "Klimaschonend / Im Kopf verreisen: // Von Insel zu Insel // Nach gestern, morgen // Unter dem Wandelstern // Des Augenblicks // Im Gezeitenstrom // Der Stille"
 
Thomas Bartschs Gedichte sind sprachlich versiert und haben spürbar Spaß daran, unterschiedlichste sprachliche Mittel auszuschöpfen. Von zeitgenössischen Metaphern bis zum klassischen liedhaften Reim habe ich alles gefunden, nur eines nicht, keinen Schmuck und kein Wortspiel, das dem Inhalt nicht nützt. 
Wer engagierte Lyrik schätzt und dabei auf poetische Qualität nicht verzichten will, wird diesen Gedichtband ganz sicher genießen und von Zeit zu Zeit wieder gerne in die Hand nehmen. 

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DIE WENDE AUS DEM SCHATTENLAND

7. Juni um 11:00 - 13:00

Lyrik-Lesung mit Thomas Bartsch

Eintritt: 8 €
Eine telefonische Anmeldung ist erforderlich: 0821-45098231

Der Lyriker Thomas Bartsch wechselt stilistisch bewusst zwischen romantisch-liedhaften Elementen und pointierender Reduktion. Der Autor scheut sich nicht, ohne unnötige Verzierungen Biografisches aufzugreifen. Erlebnissen von Naturverbundenheit, Resonanz und Einsamkeit gibt er ebenso Raum wie gesellschaftskritischen Betrachtungen. Bartsch schreibt unmittelbar emotional wie auch metaphorisch-abstrakt, ohne sich der Kunstform eines von seiner Person abgegrenzten Ichs zu bedienen. So entsteht zwischen seiner Wortkunst und dem Publikum eine dialogische Beziehung.

Um zwischen den Gedichten Raum für Nachklingendes zu bieten, bereichert der Lyriker seine Rezitation mit Schwingungen verschiedener Klanginstrumente.

Thomas Bartsch, ärztlicher Psychotherapeut, Lyriker und Essayist, wohnt und wirkt in dem Heideort Walsrode. Im Geest-Verlag sind bisher die Lyrikbände „Von Übergang zu Übergang“, „Gezeiten“, „Eben nur dort“ und der tiefenpsychologische Essay „Sisyphos oder Die Kunst der Wende“ erschienen. Außerdem ist er mit eigenen Gedichten an mehreren Anthologien beteiligt.