Lavin Esmahil - Selbstgegossene Ketten


Selbstgegossene Ketten

VERGANGENHEIT
Ich wache auf, 
um mich herum verblasstes Grau.
Ich schaue mich um und merke, dass es 
nichts mehr bringt, es zu verstecken. 
Denn an mir sind Ketten, die mich zwingen, 
mich dazu zu bringen, 
in die Vergangenheit zu blicken, 
obwohl die Uhren dort längst nicht mehr ticken, 
weil eine andere Zeitform auf mich wartet. 
Ich bin der Grund, warum dies geschieht, 
bin meines eignen Glückes Schmied, 
auch der meiner Ketten.

Also starre ich mit Tränen in den Augen
und Eisen um meine Knöchel 
die vergangenen Spielzüge an. 
Obwohl ich schon längst bin dran 
und das Spiel schon weiter!

Absurd ist, dass die Ketten mir die Freiheit stehlen, 
aber doch Sicherheit geben. 
Und trotz strapazierter Handgelenke
und schmerzenden Augen
beginne ich zu denken 
und meine zu glauben, 
dass es fast schon bequem ist,
nur in die Vergangenheit zu blicken. 
Die Frage liegt zwischen Gefangensein oder 
Gefängnisse zu bauen –
wär ich nicht gefangen,
würde ich mich nicht trauen
zu sagen, dass beim Eingesperrt Sein 
weniger getan werden muss. 

Doch plötzlich blicke ich parallel zur Vergangenheit auch zur Wahrheit hinüber. 
Die Fesseln und Ketten brauchen 
zur Öffnung keine Wucht 
oder einen ausgefallenen Zauberspruch, 
keine Schlüssel, die weit versteckt liegen. 
Sie brauchen mich, meinen Willen, 
mein Wort 
an diesem schrecklichen Ort, 
der sich Vergangenheit nennt. 
Keine Qual der Wahl, 
denn nur ich bestimme hier mein Schicksal.

Ich atme tief ein, 
meine Angst, die die Gestalt 
von Fesseln und Ketten angenommen hat,
mit mir. 
Ich spreche aus,
was im engen Zwischenraum
zwischen Haut und Metall 
keinen Patz finden konnte. 

Die Zukunft bringt mir Angst. 
Ich frage mich, ob ich existiere in ihr –
frage mich noch einmal und denke mir – 
existieren wir?

Wenig Optimismus ist da und 
ich frage mich, ob es wohl 
an den älteren Generationen lag. 
Brachte sie denn niemand zur Vernunft, 
denn meine Generation ist jung 
und hat Angst vor der Zukunft, 
um genauer zu sein, Angst um die Zukunft. 

Und egal, ob die Zukunft ein schöner Ort ist –
ich weiß, dass die Vergangenheit nicht für mich spricht. 

Ich merke, 
wie sich die Ketten mit jedem
gesprochenem Wort lockerer um mich binden.
Ich spreche weiter, sage, Veränderung muss 
in der Gegenwart stattfinden, 
wir dürfen keine Zeit schinden, 
um die Zukunft zu einem schönen Ort zu gestalten.

Und ganz genau damit bricht alles auseinander. 
Das Grau zerbricht, 
mit ihm das Gewicht auf meinen Schultern, 
das mich in der Vergangenheit ließ. 
Ich sehe, wie die Fesseln sich lösen, 
und dazu noch mich langsam wegdösen –

Ich wache auf, 
um mich herum strahlendes Blau.
Ich schaue mich um und merke, 
dass ich angekommen bin. 
Frei von den selbstgegossenen Ketten, 
dem selbstgebauten Gefängnis, 
die Vergangenheit nicht mehr ein Verhängnis, 
sondern etwas, aus dem wir lernen. 

Ich blicke optimistisch in den Blauen, in den Himmel, 
in die Zukunft, 
auf dass die Vergangenheit gebrochen wird, 
damit die Zukunft heile ist. 

Lavin Esmahil (15 Jahre)

aus: Auf-BRUCH in meine Zukunft. Hg. Artur Nickel. Geest-Verlag 2020