Lesermeinung von Professor Dr. Gert Ueding über Reinhard Tschapkes Buch 'Kastanienallee'

Professor Dr. Gert Ueding über Reinhard Tschapkes gerade im Geest-Verlag erschienene Erzählung „Kastanienallee“. Der Germanist Ueding war Lehrstuhlinhaber für Allgemeine Rhetorik in Tübingen und der Nachfolger von Walter Jens. Ueding lebt als Kritiker und Buchautor bei Heidelberg.
 
Lieber Reinhard,
ich habe Deinen ‚Abschied von den Eltern‘ mit großer Teilnahme gelesen; es ist ein anderer Abschied als der, den Peter Weiß einst schrieb, aber doch auch ein solcher, mit all den Suchbewegungen, die damit verbunden sind und den Leerstellen, die Nachgeborene wie Du zwar umkreisen, auch vermutungsweise skizzieren können, zuletzt aber doch passen müssen. Die Widerstände, die sich aufbauen, haben ja auch einen objektiven Grund, der schwer abweisbar ist: der Blick hinter den Vorhang kann nur in Augenblicken gelingen, hat auch immer etwas wie den Einbruch in eine Tabu-Zone an sich. 
Es ist eine vertrackte Geschichte, mir nicht unvertraut, denn ich habe auch mit mir wie Du mit Dir gehadert, dass ich keine Fragen gestellt habe, etwas Parcivalhaftes lässt nicht los, auch wenn jede Zeugenbefragung etwas Selbstherrliches an sich hat, der religiöse Mensch ist da in besserer Lage, er braucht sich nicht um die Schuld der anderen zu sorgen, dafür gibt es eine andere Instanz und ein anderes Verfahren, dem niemand vorzugreifen braucht. Im übrigen halte ich es mit Hildesheimer: „Verbrechen prägen den Verbrecher, aber Irrtümer nicht den Irrenden.“ Und ob einer ein Verbrecher ist, das weiß ich, besonders wenn ich mit ihm vertraut bin.
Mit Ilonia ist Dir eine Frauen- und Mutterfigur gelungen, die umso bewegender ist, als sie ja die Dir nächste ist - wovon nur der Laie meint, dass sie am leichtesten zu schildern ist - das Gegenteil ist der Fall.
 Schlesische Wendungen (plotschig, Lerge) erkannte ich wieder (meine Mutter war Schlesierin), auch dass nicht der Weihnachtsmann, sondern das Christkind kam, war in unserer Familie üblich, das sind so kleine Brocken, die abfallen während der Lektüre, auch die Bedeutung der Bücher, der Bibliothek hat in meinem Leben ähnlich funktioniert (Feuchtwanger, der nie unter Geldmangel litt, hat sich, ich glaube drei Mal seine Bibliothek wieder zusammengekauft, nachdem er sie verloren hatte: er brauchte sie als Wall gegen das feindliche Leben und zur Heimatvergewisserung.) 
Du siehst aus meinen Lektürenotizen, wie Dein Buch mir gefallen hat und welche Seiten dabei zum Schwingen kamen!