Markus Fegers - Weihnachtshörnchen (Adventskalender 18. Türchen)

Weihnachtshörnchen

Meine Mutter hatte ihre drei Männer – Papa, meinen großen Bruder Albert und mich – in alter Tradition am Heiligen Abend aus dem Haus geschickt, um das Wohnzimmer in Ruhe „bereit fürs Christkind“ machen zu können: „Vor fünf möchte ich keinen von euch wieder hier sehen!“
Wir Kinder ließen sie im Glauben, dass auch wir noch glaubten – an jenes himmlische Wesen, das die Geschenkwünsche erfüllt, obwohl Alberts bester Freund Karlheinz, der im Sommer schon zwölf geworden war, uns längst eines Besseren belehrt hatte.
„Kleine Ausfahrt gefällig, die Herren?“ Papa räusperte sich und klimperte mit dem Schlüssel zum himmelblauen Goggomobil, das vor dem Haus parkte. Eigentlich gehörte es Onkel Walter; der aber war über die Feiertage bei seiner derzeitigen Freundin in Heidelberg und hatte uns gnädig Zugriff auf sein Schmuckstück gewährt. Meinen Eltern fehlte das Geld für ein eigenes Auto – noch zahlten sie die letzten Raten für den neuen Kirschbaum-Esstisch samt zugehöriger Eckbank ab. Deshalb: eine Spritztour mit dem Auto? Wunderbar! Da war keinerlei Überzeugungsarbeit nötig, um Albert und mich in das ebenso hübsche wie winzige Coupé zu treiben; während mein Bruder als der Ältere den Beifahrersitz beanspruchte, musste ich mit der schmalen, harten Rückbank unter dem niedrigen Dach vorliebnehmen.

Als wir uns eine gute halbe Stunde später die Süchtelner Höhen hinauf quälten (der schwächliche Zweitakter in unserem Rücken protestierte lautstark und ausdauernd), hinkte plötzlich dicht vor uns ein kleiner Weihnachtsmann im roten Mäntelchen quer über die schmale Fahrbahn. Durfte ich meinen Augen trauen? Oder war es nur ein Trugbild, dem goldenen Abendlicht geschuldet? Und hatte nicht Karlheinz neulich erst behauptet, der Weihnachtsmann sei nur ein Werbe-Gag, eine Erfindung von Coca-Cola? 
„Achtung, ein Eichhörnchen!“, rief Albert. „Vorsicht!“
Vaters energischer Tritt aufs Bremspedal brachte unser Mobil zum Stehen und wir kletterten hinaus.
Das erstaunlich große Tier – eher Horn als Hörnchen, und mit Weihnachtsmann-rotem Fell, buschigem Schwanz und weißen Flecken auf Brust und Schwanzspitze – blieb zitternd am Straßenrand hocken statt zu flüchten, und schaute aus dunklen Knopfaugen hilfesuchend, nicht ängstlich.
„Es ist verletzt“, stellte Albert fest. „Vielleicht hat es jemand angefahren …“
Für einen prüfenden Blick ging ich in die Hocke und sah tatsächlich ein bisschen Blut an seinem rechten Hinterbein.
„Können wir es mit nach Hause nehmen und gesundpflegen, Papa?“, fragte ich. „Bitte!“
Vater schüttelte den Kopf. „Wildtiere packt man nicht einfach ein. Außerdem: Es könnte krank sein …“
„Hasenpest oder Fuchsbandwurm zum Beispiel“, zählte Albert eifrig auf, „Maul- und Klauenseuche oder Tollwut oder …“
„Dann bringen wir es eben zum Tierarzt“, fiel ich ihm ins Wort.
„Ich glaube kaum, dass an Heiligabend irgendeine Praxis geöffnet hat“, meinte Papa.
„Auch keine veterinärärztliche Notdiensteinrichtung?“, fragte mein Bruder, der eine Vorliebe für lange und komplizierte Wörter hatte.
Das Hörnchen schaute uns an und schüttelte sacht den Kopf. Dann erhob es sich, humpelte zum nächsten Baum und kletterte mit sichtlicher Mühe hinauf bis zur ersten Astgabel, wo es sich niederließ, um sich zu putzen oder seine Wunden zu lecken.
Papa seufzte erleichtert: „Keine Hilfe nötig, seht ihr? Vielleicht ist es einfach nur müde oder hat Muskelkater, weil es dem Weihnachtsmann heute so viel helfen musste, Geschenke durch Kamine, Schornsteine oder enge Ofenrohre schleppen – na, ihr wisst schon …“
„Den Weihnachtsmann gibt es gar nicht!“, protestierten Albert und ich zeitgleich.
„Aber ein Weihnachtshörnchen offensichtlich schon“, behauptete Papa und öffnete die Fahrertür des Goggomobils. „Kommt, Jungs, einsteigen! Lasst uns schnell zurück zu Mama fahren und nachschauen, ob das Christkind inzwischen da war …“