Norbert Büttner - Der Diebstahl



Der Diebstahl

Es schien eine klare Sache zu sein. Die beiden Polizisten starrten auf das Dach der Gärtnerei. Der größere schob die Mütze zurück, um besser hinaufsehen zu können, und sperrte dabei den Mund wie ein Karpfen auf. Auf seiner Nase zitterte eine große rosa Warze. Der kleine Polizist hatte ein zerknittertes Gesicht, als hätte er zu wenig geschlafen, und seine Augen glänzten rötlich wie entzündet. Er blickte stumpf zum Gewächshaus und gähnte laut.
Tadek Witkiewicz sprang munter um sie herum. Das dünne Männchen schimpfte und reckte die Faust dro-hend gen Himmel, als wäre dieser, der vielleicht einzige Zeuge der Tat, mitschuldig.
Auf dem Dach der Gärtnerei hatte Tadek eine Fotovoltaikanlage installieren lassen, die erste im Kreis, vielleicht sogar in der Wojewodschaft. In der Nacht war ein Teil von ihr auf fachmännische Weise gestohlen worden. Kein Kabel war durchtrennt, keine Solarzelle zerschlagen. Und sogar im Garten ist nichts zertreten worden.
„Die haben sich aber Mühe gegeben“, sagte der große Polizist anerkennend, „die wollten partout keine Spuren hinterlassen.“
„Und das wegen dem bisschen Kupfer?“, staunte der kleine und gähnte.
„Kupfer ist teuer“, meinte der große, „dennoch kann ich mir nicht vorstellen, dass die nur wegen ein paar Kilo-gramm aufs Dach steigen.“
Tadek rollte mit den Augen. „Ja seht ihr das denn nicht? Die wollen nicht das Kupfer, die wollen die Anla-ge.“
Und als die Polizisten ihn verständnislos ansahen, lief er zu seinem Auto, um Unterlagen zur Fotovoltaik zu ho-len.
Die Polizisten schauten unbeeindruckt auf das Dach.
„Keine sichtbaren Spuren“, bemerkte der große, „das wird aber schwer werden. Selbst die Spurensicherung wird kaum Brauchbares finden.“
„Fo-to-vol-ta-ik“, buchstabierte der kleine, „ein Benzingenerator würde es doch auch tun. Was machst du, wenn die Sonne nicht scheint?“ Und er spuckte grum-melnd aus.
Tadek kam mit einer grünen Kunststoffmappe unterm Arm.
„Der Firmenprospekt“, sagte er und streckte ihn den Polizisten hin.
Sie blickten skeptisch drauf.
„Die Anlage ist der letzte Schrei der Technik. Und aus-gerechnet in Łącko wird sie geklaut.“
„Bist du eigentlich versichert?“, fragte der große Poli-zist.
Tadek krümmte sich, als wäre er in den Unterleib getre-ten worden. „Ich hab noch ein wenig warten wollen“, stammelte er, „im Herbst, wenn die Stürme kommen.“
„Da hast du aber Pech“, sagte der kleine Polizist und unterdrückte ein Gähnen, „hast viel Geld ausgegeben und alles umsonst.“
Tadek heulte auf. „Diese Verbrecher ... wenn ich die in die Hände kriege.“
„Nanana, überlass das mal lieber uns“, sagte der große Polizist, „sonst bekommst du noch viel mehr Ärger.“
Und auch der kleine Polizist versuchte Tadek zu beruhigen. „Wir werden uns um die Sache kümmern, verlass dich drauf. Es dürfte nicht schwierig sein, die Diebe fest-zustellen. Wer interessiert sich schon für Fotovoltaik?“
Doch schon am nächsten Tag rief Tadek wieder auf dem Revier an.
„Wir stecken voll in den Ermittlungen“, sagte der große Polizist bestimmt, „wenn sich etwas ergeben sollte, werden wir dich gleich informieren.“
„Sie waren schon wieder hier und haben einen anderen Teil der Anlage mitgehen lassen“, schrie Tadek.
Der Polizist schwieg verdutzt und seine große Warze zitterte. „Das nenne ich aber dreist“, sagte er, „wir kommen sofort.“
Tadek erwartete sie an der Auffahrt zur Gärtnerei. „Ges-tern Abend habe ich einen Rundgang gemacht, da war noch alles okay. Und als ich heute komme – seht selbst.“
Der größte Teil der Anlage war verschwunden. Und erneut wurde alles fachmännisch abgebaut. Es gab kei-ne Beschädigungen. Nur im Garten, den die Diebe durchquert haben mussten, sind einige Blumen zertrampelt worden.
„Sie sind von der Straße gekommen und haben mit ihrem Wagen vermutlich hier gehalten“, sagte der klei-ne Polizist, der diesmal ganz ausgeschlafen wirkte, und zeigte genau auf den Platz, wo ihr Auto parkte. „Von hier hat man alles im Blick und wird selbst nicht gese-hen.“
Der große Polizist bückte sich und spähte die Auffahrt hinab. Durch eine Hecke, die viel Durchsicht gewährte, konnte die Straße in beide Richtungen gut beobachtet werden.
„Stimmt genau“, sagte er und seufzte. „Aber Spuren werden sich kaum finden lassen. Das ist ein schwieriger Fall.“
„Mehr habt ihr dazu nicht zu sagen?“, schrie Tadek. „Da könnten sie mir die ganze Gärtnerei forttragen und ihr würdet nur zugucken.“
„Nun mal sachte“, sagte der kleine Polizist und straffte sich unwillkürlich, „mach jetzt bloß keine Beamtenbeleidigung, das würde teuer werden für dich. – Mich wundert nur“, wandte er sich an den großen, „warum sie immer nur einen Teil der Anlage mitnehmen. Was kann das nur bedeuten?“
„Oh du heilige Einfalt“, rief Tadek und schlug die Hän-de überm Kopf zusammen. „Könnt ihr das tatsächlich nicht erkennen?“
„Tadek, halte dich zurück“, mahnte der große Polizist.
„Die nehmen genau so viel mit, wie in einen kleinen Lieferwagen passt!“, rief Tadek. „Und irgendwo werden sie die Anlage wieder aufbauen.“
„Dann werden sie wahrscheinlich noch mal wiederkommen“, sagte der kleine Polizist und guckte ganz grimmig.
„Und was mach ich da?“, fragte Tadek. „Soll ich meinen Schäferhund, meinen Bolek, hierherbringen? Der schnappt sofort zu.“
„Halt dich da lieber raus“, sagte der große Polizist, „das ist unsere Aufgabe. Und wir haben es gar nicht gern, wenn andere Leute in unsere Arbeit pfuschen.“
Am nächsten Morgen läutete das Reviertelefon Sturm.
„Wird doch nicht wieder Tadek sein?“, scherzte der große Polizist, „der glaubt tatsächlich, dass wir mit nichts anderem als seinem Fall beschäftigt sind.“ Er nahm den Hörer ab und meldete sich.
„Sie waren wieder hier“, brüllte Tadek am anderen En-de der Leitung, „und haben alles mitgenommen.“
„Kann nicht sein“, sagte der Polizist, „ich bin vor zwei Stunden an der Gärtnerei vorbeigefahren und da war alles noch vorhanden, was sie nicht bis gestern schon geklaut hatten.“
„Ich habe heute früh meinen Bolek abgeholt, weil er so geheult hat“, sagte Tadek, „und da war noch alles da. Aber jetzt ...“ Seine Stimme brach und der Polizist hörte ein Geräusch, das wie unterdrücktes Schluchzen klang.
Er dachte angestrengt nach. Der kleine Polizist trug zwei dampfende Kaffeetassen zum Tisch.
„Wenn es dich auch nicht trösten wird“, sagte der große Polizist, „aber jetzt hast du erst mal Ruhe. Du brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen. Und wir werden in aller Gründlichkeit ermitteln.“
Die rosa Warze auf seiner Nase nickte bestätigend.

 

aus dem neuen, kommende Woche erscheinenden Band: Norbert Büttner: Letzte Vorschläge. Geest 2021