Reinhard Rakow: 2. Kaiserstraße (aus dem Zyklus Brot und Spiele)
(2. Kaiserstraße)
Wundersam füllet die Flut, der Trambahn entsprungen, plötzlich
Dem Gehweg die Breite und verteilt sich gleichmäßig auf ihm.
Schnell durchmischt sich die Welt und die Diversität ihrer Menschen,
Selbst mit viel Fantasie, was das heißt, wirst du nicht ermessen
Ihre Ecken und Enden, Farben, Formen, Geschlechter, und darum
Hältst du nicht ein, wie sie selbst, grenzen- und endlos zu staunen.
Doch zuweilen fixiert, Staub auf den Augen und Asphalt im Hirn,
Dein klarer Blick einen Andern, die Eine, wie sie hasten und eilen,
Geschäftig, getrieben und schlaflos: Preisboxer in karierten Sakkos,
Graue Mäuse mit grauen Pulundern, Dämchen auf Pfennigabsätzen,
Männer im Laufschritt, Nadelstreifen auf Anzug und im Gesicht,
Die dort schreiten und rennen, ewig, stöckeln, trippeln und schlurfen.
Und ihr Weg führt vorbei an Erotikartikeln, Antiquitäten, Gold-
An- und Verkauf, Sammlerbriefmarken, Second Hand, Banken,
Aber er lässt uns nicht wissen, auf zaudernde Weise, wohin
Sie geworfen in diese Welt, und was ihres Strömens ein Ziel sei
Später, wenn die Dämmerung fällt, gnädig huldvoll ihnen gönnt
Trunkne Vergessenheit, wachend zu bleiben bei Nacht.
Aus dem Zyklus "Brot und Spiele"
Auf "Brod und Wein" von Friedrich Hölderlin (1770-1843)