Rezension von Artur Nickels Band 'den frühling an den regenbogen erinnern' in literaturkritk.de von Florian Birnmeyer
Eine lyrische Utopie mit Ecken und Kanten
Artur Nickel entwirft in “den frühling an den regenbogen erinnern”ein buntes Kaleidoskop aus Gedichten, das Hoffnung bewahrt, ohne die vielfältigen Krisen der Gegenwart auszublenden
von Florian Birnmeyer
https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=32203
Artur Nickel, 1955 in Marburg an der Lahn geboren, ist Lehrer, Autor und Literaturvermittler. Heute lebt er in Essen, wo er im Jahr 2000 das „EssenerKulturGespräch“ gründete. Das Podium ermöglicht insbesondere Kindern und Jugendlichen die Teilhabe am kulturellen Leben. Seit 2005 gibt Nickel außerdem die Essener Anthologien mit Texten junger Menschen heraus, zunächst gemeinsam mit Friederike Köster und Andreas Klink, seit 2015 allein.
Für seine herausragenden Verdienste um die Förderung der Literaturlandschaft Nordrhein-Westfalens zeichnete ihn der LiteraturRat NRW 2021 mit dem Literaturtaler aus. 2025 erhielt er den Ehrenpreis des Literaturpreises Ruhr.
2026 erschien sein aktueller Band den frühling an den regenbogen erinnern. gedichte und fragmente. Es ist nicht Nickels erster Gedichtband (2008 erschien bereits brückenspiele), doch entfaltet der Autor darin besonders konsequent seinen eigenen Stil. Die Verse sind kurz und knapp gehalten. Gerade innerhalb dieses begrenzten Raums spielt Nickel mit Zeilensprüngen und Wortübergängen. Häufig trennt er Komposita und verteilt ihre Bestandteile auf mehrere Verse. Dadurch gewinnen die Zwischenräume an Bedeutung: Der Blick richtet sich stärker auf die einzelnen Wörter, ihre Bestandteile und möglichen Herkunftsgeschichten. So etwa hier:
ich säe
regen
bogen
farben
Oder:
mein auf
stand beginnt
Aus dem „Aufstand“ werden hier das räumliche „auf“ und der „Stand“, der ebenso Halt wie Stillstand bedeuten kann. Solche Trennungen eröffnen neue Lesarten und bilden das formale Grundprinzip des Bandes.
Die Gedichte tragen keine Titel, sondern stehen für sich. Dadurch entsteht kein Wechselspiel zwischen Überschrift und Gedichttext; stattdessen gehen die meist kurzen Texte beinahe fließend ineinander über. Der Band lässt sich rasch und in einem Zug lesen. Das erzeugt einerseits eine beinahe hypnotische Sogwirkung, weil man sich ganz der besonderen Stimmung der Gedichte hingeben kann. Andererseits fehlen bisweilen Einschnitte, die einzelne Texte stärker hervortreten ließen.
Die Atmosphäre des Buches schwankt zwischen utopischer Hoffnung und krisenhafter Sorge. Das lyrische Ich hält an der Zuversicht auf eine bessere Zukunft fest, auch wenn diese bei nüchterner Betrachtung kaum erreichbar scheint. Beispielhaft dafür steht vor dem Hintergrund gegenwärtiger Migrationsdebatten das Doppelgedicht über Integration:
integration heißt (I)
ankommen
und angenommen werden
mit dem herzen sehen
und gesehen werden
respektvoll sein
und respektiert werden
sich für andere öffnen
und sich anpassen
sich für neues öffnen
und selbst nicht den halt verlieren
sich einbringen
und das neue mitgestalten
Das Gedicht formuliert ein von Gegenseitigkeit bestimmtes Ideal: Ankommen und Annehmen, Sehen und Gesehenwerden, Respektieren und Respektiertwerden stehen einander gegenüber. Integration erscheint nicht als einseitige Anpassungsleistung, sondern als gemeinsamer Prozess. Die Sprache bleibt dabei bewusst einfach und programmatisch, bewegt sich allerdings bisweilen stärker in Richtung eines gesellschaftspolitischen Appells als eines vieldeutigen Gedichts.
Neben solchen hoffnungsvollen Entwürfen stehen die Krisen der Gegenwart. Dann wirkt der lyrische Sprecher plötzlich ernüchtert, realitätsnah und bisweilen beinahe überwältigt. Die regenbogenbunte Utopie, für die auch eine idealisierte Natur einsteht, trifft auf eine besorgte Dystopie, geprägt von Kriegen, Umweltzerstörung und menschlicher Gier:
eines tages
rissen die menschen
sogar die polar
kappen der erde
aus ihrer ver
ANKERung um ihre
gier nach reich
tum zu erfüllen
die plagen
die kamen
trafen alle
kein larifari mehr
Auch hier arbeitet Nickel mit der Aufspaltung von Wörtern. Die hervorgehobenen „ANKER“ innerhalb der „verANKERung“ verweisen auf Halt und Stabilität, während die auseinandergerissenen „Polarkappen“ bereits sprachlich ihre Geschlossenheit verlieren. Das formale Verfahren und der Inhalt greifen unmittelbar ineinander.
Weniger überzeugend sind manche Kriegsgedichte. Sie wirken stellenweise naiv, zumal in Verbindung mit Fußnoten, die eher an einen gewissenhaften Tatsachenbericht über die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten als an einen Gedichtband erinnern. Hier wird der politische Anspruch zwar deutlich, doch die erklärenden Zusätze begrenzen mitunter die Offenheit der Gedichte.
Was den Band besonders macht, ist daher vor allem sein Spiel mit lyrischen Formen. Der Raum der weißen Seite wird zur Spielfläche: Wörter werden getrennt, neu zusammengesetzt und räumlich zueinander in Beziehung gesetzt. Neologismen, die Hervorhebung einzelner Wortbestandteile durch Großbuchstaben und die Aufspaltung von Komposita tragen zur formalen Beweglichkeit dieses Wortexperiments bei. Nicht jeder Einfall überrascht gleichermaßen, und gelegentlich droht das Verfahren zur wiedererkennbaren Manier zu werden. In seinen besten Momenten lässt Nickel jedoch sichtbar werden, wie viel Bedeutung in einem einzelnen Wort und seinen Bestandteilen verborgen liegt.
Möglichkeiten für weitere Experimente – etwa mit unterschiedlichen Schriftarten, Gedichtbildern oder Kalligrammen – deutet der Band eher an, als dass er sie vollständig ausschöpft. Dennoch gelingt sein zentrales Formexperiment. Die wiederkehrenden Schlüsselwörter „Traum“, „Frühling“ und „Regenbogen“ stehen dabei für Hoffnung und Grenzüberschreitung. den frühling an den regenbogen erinnern ist eine lyrische Utopie mit Ecken und Kanten: Nicht jeder Text überzeugt, doch der Band kultiviert in einer krisenhaften Gegenwart beharrlich die Möglichkeit einer anderen Welt.
Titelbild
Artur Nickel: den frühling an den regenbogen erinnern. gedichte & fragmente.
Geest-Verlag, Vechta 2026.
156 Seiten, 13,80 EUR.
ISBN-13: 9783690645515