Rezension zu „Wenn selbst der Plastikbaum stirbt“. Anthologie. Geest-Verlag 2026 - von Jutta v. Ochsenstein
„Eine Sprache finden / Für das / Was sprachlos macht / Für die eigene / Sprachlosigkeit“ (Thomas Bartsch, S. 112).
Die 14 Autor*innen dieser Anthologie schreiben zu uns als Zeitgenoss*innen, als Zeug*innen einer selbstverantworteten Naturzerstörung. Für den katastrophalen Zustand der natürlichen Mitwelt finden sie eine Sprache, knallhart direkt oder andeutend: „Und wenn sie fragen, was Natur gewesen sei, werden wir sagen: ‘Ein Märchen mit einem tragischen Ende, das wir selbst geschrieben haben‘“ (Eda Muslubas, S. 59).
„Wir bewohnen die Welt, / doch wir schauen ihr nicht / ins Gesicht“ (Sigune Schnabel, S. 29).
Immer wieder tauchen lichte Augenblicke auf, Perspektiven für die Überwindung unserer Ohmacht: „habe ich schuld und angst / in einem zopf geflochten (…) da hab ich ihn genommen / und strähne für strähne / verteilt wie / lametta aus schlechtem gewissen (…) unter deiner fußmatte / bis es bei jedem schritt / quietscht / das ist / meine / macht“ (Rieke Siemon, S. 140f). „Und doch verstehe ich, wie schön es sein kann, etwas wachsen zu sehen, was deine Hände gepflanzt haben (…) Wir könnten so viel schlauer sein, wenn wir nur zuhörten, was uns der Boden erzählt“ (Thalia-Anna Hampf, S. 136).
Die Sprache ist weitgehend lyrisch, teilweise auch sachlich-prosaisch. Die Vielfalt des Stils entspricht der Verschiedenheit der Schreibenden in Alter, beruflichem und literarischem Hintergrund, eine große Qualität dieses Buches. Neben schlichten, trockenen Feststellungen stehen komplex gesponnene, auch mythische Bilder. „Wenn selbst der Plastikbaum stirbt, / ist endlich klar: / wir haben den Absprung / verpasst“ (Anna Hackstedt, S. 123). „jetzt suchst du licht / im mund der tage / sprichst sehnsucht / in den schnee“ (Philipp Létranger, S. 26). „Es ging darum selbst Poesie zu sein / Der Wald und das Tierwesen zu werden / Das für immer von dieser Erde verschwand / als letzte Aufgabe“ (Frank M. Fischer, S. 161).
Mancher Text trägt auch eine satirische Stimme: „entschied ich / entrüstet, / ein für alle Mal / auszusteigen. / Ab sofort den Rasen / nicht mehr zu mähen, / die Hecke / sich selbst zu überlassen. / Insgesamt / revolutionär zu sein. / Eine ganze Woche / lang“ (Holger Küls, S. 67). „wir schieben unser zuhause / ins feuer und / freuen uns / über / licht“ (Rieke Siemon, S. 131).
Bleibend und bewahrend erscheinen unsere Erinnerungen, Geschichten und Träume.
„Nur in den Stimmen / lebe ich Jahrtausende fort“ (Sigune Schnabel, S. 13). „ein gedicht habe ich gefunden (…) etwas ramponiert / voller sand / aber intakt“ (Arthur Nickel, S. 41). „Jetzt ist die Welt leer, die Farben verglüht, und nur die Erinnerung hält noch warm“ (Eda Muslubas, S. 45).
Stimmig zum Zustand der Welt gibt es literarische Bezüge. Holger Küls erwähnt Goethes Harz-Wanderungen in den jetzt kahlen Wäldern (S. 75), Hans-Hermann Mahnken zitiert Joseph von Eichendorff „Schläft ein Lied in allen Dingen“ (S. 84) und Stefan George „Komm in den totgesagten park“ (S. 94) und schreibt im Stil von Jakob van Hoddis’ Gedicht „Weltende“ (S. 95).
Frank M. Fischer bezieht sich auf unser kulturelles Erbe, sowie die darin enthaltene Möglichkeit des Widerstands: „Der Widerspruch liegt in uns selbst / Noch nie war es so sehr Zeit / Wir werden im Brennen ein neues Zuhause finden müssen / Und wir werden die letzten Bäume bevölkern / Um wie heidnische Götter die Reste / des Waldes zu schützen (…) Und wir werden die Bäume nicht verlassen / wenn die Maschinen (…) Die Stämme abknipsen (…) Und wir werden den zivilen Ungehorsam tragen / wie eine Maske die uns friedlich zu Gesicht steht / Im Schmerz des Aufschlagens“ (S. 162f).
Insgesamt finde ich das Buch hilfreich und für eine breite Leserschaft zugänglich. Es schenkt uns Impulse für das not-wendige Gespräch, auch mit uns selbst, und für eine gemeinsame Suche nach möglichen Haltungen.
© Jutta v. Ochsenstein