Sofia Chautems - Zukunft ist die morgige Gegenwart

Sofia Chautems, 20 Jahre, 

Zukunft ist die morgige Gegenwart

 

„Es war einmal eine Zukunft, die hielt so viele Möglichkeiten bereit, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Es gab fliegende Autos, angetrieben mit erneuerbaren Ressourcen, ein grundsätzlich global geltendes Verbot von Waffen und genug Essen für alle.

Es war einmal eine Zukunft, die nur so strotzte vor Gleichberechtigung. Die Löhne wurden nach Arbeitsaufwand und nicht nach Geschlecht, Migrationshintergrund oder Aussehen verteilt.

Es war einmal eine Zukunft, die nicht Kulturen verurteilte oder verjagte. Es war möglich zu tolerieren und zu vergeben.

In dieser Zukunft war der Planet gesund. Kräftige grüne Tropenwälder unterstützten die Biodiversität, und dort, wo die Natur nicht hinreichte, half der Mensch nach. Generell half der Mensch sehr viel. Die Tierwelt wurde geschätzt und verehrt: Die Einzigen, die ein Tigerfell trugen, waren die Tiger selbst. Die Elefanten durften ihre Zähne behalten und die Krokodile ihre Haut. Der Mensch übersäuerte keine Ozeane und verschmutzte keine Meere mit Öl. Er warf keine Plastikflaschen in den Fluss, in den Wald, in den Schnee.

Der Mensch dachte gar nicht daran, einem anderen Menschen wehzutun oder ihm sein Land wegzunehmen.“

„Wieso sprichst du von der Zukunft in der Vergangenheit, ist das nicht ein bisschen widersprüchlich?“

„Es gibt diese Zukunft nicht mehr. Der Zug ist wortwörtlich abgefahren.“

„Wieso gibt es diese Zukunft nicht mehr? Mir ist kalt.“

„Die Vergangenheit beeinflusste die Taten der Menschen in der Gegenwart so dermaßen, dass diese Zukunft jetzt nur noch als Märchen existieren kann. Der einzige Zeitpunkt, an dem du etwas verändern kannst, ist die Gegenwart. Die anderen zwei Zeiten sind unveränderlich. Und genau in der Gegenwart lief etwas gehörig falsch. Hier, nimm meine Jacke.“

„Danke. Aber die Vergangenheit war doch auch einmal eine Gegenwart, oder?“

„Natürlich. Es ist nun wichtig zu wissen, wer in der Gegenwart das Sagen hatte. In der Gegenwart, die zu dieser märchenhaften Zukunft geführt hatte, waren es die Vernünftigen, die Schlauen, die Kooperierenden. In der Zukunft, in der wir jetzt leben müssen, waren in der Gegenwart die Egoistischen, Ignoranten, Geldsüchtigen an der Macht.“

„Heißt das, dass wir jetzt in der Zukunft das ausbaden müssen, was die Menschen in der Gegenwart angestellt haben? Und wir können nichts daran ändern, weil wir in der Zukunft leben? Das finde ich nicht fair! Dann muss ich mich ja für gar nichts mehr anstrengen.“

„Nicht ganz. Wir müssen zwar jetzt in der Zukunft mit dem leben, was die damalige Gegenwart angestellt hat, aber du darfst nicht vergessen, dass wir auch eine Gegenwart für jene Zukunft sind, die noch nicht geschrieben wurde. Und für diese Zukunft können wir kämpfen.“

„Aber dann wird die Zukunft eine viel bessere Welt sein, und ich werde sie gar nicht erleben dürfen. Stattdessen bin ich verdammt, in dieser trostlosen Gegenwart zu leben. Und ich kann nicht mal etwas dafür. Für die Gegenwart, in der ich lebe, waren andere Leute verantwortlich.“

„Ich weiß, es ist frustrierend. Wieso müssen wir auf alles verzichten, wo doch unsere Vorfahren, die für diesen Schlammassel verantwortlich sind, in Saus und Braus leben durften?“

„Ja, genau. Ich darf in meiner Gegenwart nicht in ein Flugzeug steigen und neue Kontinente sehen. Das hat ein Mensch verboten, der in seiner Gegenwart ohne schlechtes Gewissen eine Weltreise gemacht hat. Ich habe gar keine Lust mehr, für unsere Zukunft etwas zu verbessern. Ich werde sie nicht erleben. Ich bin in diese miserable Gegenwart hineingeboren worden und will sie jetzt so angenehm wie möglich für mich gestalten. Was kümmert mich diese Zukunft?“

„Meinst du nicht, dass genau diese Gedanken in der Vergangenheit zu dieser Zukunft geführt haben? Zu deren Zukunft, unserer Gegenwart.“

„Du weißt, dass wir diese Diskussion bis ins Unendliche führen können?“

„Ja, ich weiß.“

„Was hatten denn die Menschen aus der märchenhaften Vergangenheit, was unsere Vorfahren nicht hatten?“

„Nächstenlie-“

Der Zug kam kreischend zum Stillstand. Die Insassen der stählernen Waggons wurden gehörig durchgeschüttelt. Eine blecherne Durchsage ertönte: „Wir haben unser Ziel erreicht, Ausstieg ist in Fahrtrichtung rechts. Ihre zukünftigen Wohnstätten befinden sich in diesen unterirdischen Extremwetterbunkern. Bitte verlassen sie diese Bunker nicht, wir sind auf der Erdoberfläche nicht mehr erwünscht.“