Nicoleta Craita Ten’o wirkt verschüchtert und zugleich verschmitzt. Die kleine Frau mit dem runden Gesicht, den kurzen schwarzen Haaren und der Brille sitzt am Tisch mit dem Mikrofon, in das Alfred Büngen vom Geest-Verlag Vechta gleich für sie sprechen wird. Genauer: aus dem jüngsten Roman der Literaturpreisträgerin lesen wird, die in der Helsinkistraße in Marßel wohnt. Mit ihrer Katze Heruka und vielen Puppen. Zwei hat sie an diesem Abend mitgebracht. Beide heißen Bianca, wie sie auf Nachfrage auf einen Zettel schreibt. Beide presst sie eng an den Körper, als Büngen den rund 50 Besuchern Passagen aus dem Erfolgsroman der Marßelerin vorliest.
In einer beinahe lakonischen, doch gleichzeitig poetischen Sprache, so die Jury bei der Vergabe des Bremer Autorenstipendiums, erzählt Nicoleta Craita Ten’o die Geschichte eines Roma-Mädchens, das zusammen mit ihrem Vater aus Rumänien in die Bundesrepublik reist. Unter dem Druck einer kurzfristigen Aufenthaltserlaubnis von drei Monaten versuchen Vater und Tochter, mit Straßenmusik Geld für den Start in ein neues Leben in der Heimat zu verdienen. Das Mädchen, Magdalena, ist psychisch krank. Nach einer Vergewaltigung hat es viele Jahre in rumänischen Kliniken verbracht. In der deutschen Stadt, die Magdalena fasziniert und in der sie bei einem entfernten Verwandten Unterschlupf findet, aber will sie bleiben. Auch wenn sie dafür notgedrungen heiraten muss. Der Roman gewährt Einblicke in das Leben eines Roma-Mädchens, das von verbaler und körperlicher Gewalt geprägt ist. „Man bezahlte den Kuckuckseiern den Rückflug“ beeindruckt nach den Worten von Alfred Büngen schon fast beängstigend durch die Sprachkraft der Autorin.
Die gebürtige Rumänin hat im Alter von 13 Jahren aufgehört zu sprechen. Bis dahin Klassenbeste, ging sie nicht mehr zur Schule in ihrer Heimatstadt Galati. Ärzte diagnostizierten bei dem Mädchen Schizophrenie und Autismus. Sie kommunizierte fortan mit ihrer Umwelt, indem es wie besessen schrieb: Erzählungen, Romane und Gedichte.
Erst in ihrer Heimatsprache, später auch auf Deutsch, das sie sich seit 2009 auf eigene Faust beigebracht hat. Auf die Frage „Wie?“ schreibt sie: „Das Internet war mein Lehrer.“ Nicht nur, denn auch das Fernsehen und das Studium von Grammatikbüchern halfen der jungen Frau auf ihrem Weg zu einer Sprachkünstlerin, die noch immer jeden Text im Duden überprüft. Und die nicht nur Rumänisch und Deutsch, sondern auch Spanisch, Italienisch, Englisch und Französisch beherrscht.
Als Alfred Büngen ausdrucksstark aus dem Roman vorliest, hört die Autorin fast bewegungslos zu. Mit leicht gesenktem Kopf und fest umklammerten Puppen wirkt sie zerbrechlich. Wie ein Kind, als das sie wahrgenommen werden möchte, wie sie einmal aufgeschrieben hat. Mit einer Ausnahme: Ihre Bücher sollen die einer erwachsenen Frau sein. Sie sind ihr Ventil und ihr Zugang zur Normalität.
Nicoleta Craita Ten’o, die 2001 mit ihren Eltern nach Bremen kam, hat mit ihren Büchern mittlerweile zahlreiche Schreibwettbewerbe gewonnen. Vor drei Jahren erschien der erste deutschsprachige Lyrikband „Haruka“, den die Marßelerin ihrer gleichnamigen Katze widmete. Und ihr nächster Roman über drei Frauen verschiedenen Alters sei bereits in Arbeit, wie sie schreibend verrät und dabei lächelt. Der Titel: „Die Wäsche wäscht sich währenddessen.“ Eines Tages hofft Nicoleta Craita Ten’o von der Schriftstellerei leben zu können. Zurzeit aber arbeitet sie noch in der Martinshof-Werkstatt Bremen-Nord.
Arbeitskollegen der Schriftstellerin sitzen während der Lesung in der ersten Reihe. Und als Alfred Büngen eine kurze Pause einlegt, nimmt die Autorin Blickkontakt zu ihnen auf. Lächelt über den Brillenrand hinweg und spricht mit ihnen, indem sie die Lippen bewegt.
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