UNSERE ZEIT BRAUCHT LYRIK – REINHARD RAKOWS LYRIK BRAUCHT UNSERE ZEIT. Nachwort von Julia de Boor
UNSERE ZEIT BRAUCHT LYRIK –
REINHARD RAKOWS LYRIK BRAUCHT UNSERE ZEIT.
Nachwort von Julia de Boor
„zu jenen stunden
zuhören
zum geburstag
zum muttertag
zweifel
zwischen den zeilen“
Selbst die Titel in ihrer alphabetischen Auflistung am Ende des Gedichtbandes lesen sich wie ein Gedicht. Der zweite von drei Bänden prallvoller Lyrik aus dem Rakowschen Universum ist, wie die anderen beiden auch, in mehrere Kapitel gegliedert. Der vielseitige Künstler aus der Wesermarsch begleitet seine Poesie mit Abbildungen eigener Gemälde sowie mit einer Kinderzeichnung einer seiner Töchter.
Das Namen gebende Kapitel ist das letzte dieses Bandes. Es entspricht auch dem Titel eines der erwähnten Gemälde – „Alte Fabrik“. Zu sehen ist der Ausschnitt eines Geländes mit Blick auf ein weit geöffnetes Scheunen- oder Garagentor, in dem ich schemenhaft ein altes Auto erahne. Was genau sich im Dunkel der Scheune befindet, bleibt allerdings Rakows Geheimnis. Davor draußen – viel heller Freiraum mit unebenem Boden und zwei Pfützen. Ein offenbar verlassenes Gelände. Die zugehörigen Gebäude sind eher angedeutet. Leben ist nirgends sichtbar. Ganz anders lesen sich dagegen die beiden gleichnamigen Gedichte und vor allem das erste Gedicht dieses Kapitels. Da sprießt das knallbunte Leben selbst aus den übelsten Schutthaufen vergangener Zeiten. Dieser Spannungsbogen zwischen Tod und Leben – will meinen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – zieht sich bei genauer Betrachtung durch alle drei Gedichtbände.
Zusammen mehr als tausend Seiten Lyrik aus gut 25 Jahren – Hut ab und herzlichen Glückwunsch an Autor und Verlag! Es ist heutzutage ein Wagnis, so eine Ausgabe, mit über 500 gesammelten, mild chronologisch sortierten Gedichten herauszubringen. Vor allem aber ist es ein Geschenk! Ein Geschenk an alle, die an der Vielfalt von Lyrik, an Geschichte und Geschichten, an Politik und Kunst interessiert sind. Reinhard Rakow nimmt uns mit in seine poetische Welt voller Rhythmen, Wortschöpfungen und Metaphern. Nicht immer gelingt es mir, Schritt zu halten – so kenne ich ihn bereits, den gnadenlosen wie gnädigen Beobachter mit der oft spitzen Zunge. Ich erinnere mich an eine seiner Lesungen beim Geest’schen Literaturfest, als er uns zu später Stunde seine rasanten Texte zumutete. Eine Zu-Mutung im besten Wortsinn – ich kam damals kaum mit seinem Tempo mit. Hier nun, in gedruckter Form, habe ich den Vorteil, mich in aller Ruhe in ihn einzulesen; einige seiner Köstlichkeiten mehrfach zu schmecken. Und ich lasse mich so ganz allmählich von ihm einnehmen. Ja, sein enormes Rhythmusgefühl und die Zugkraft seiner Worte sind wie ein langsam ansteigender Fluss, der mich mitreißt, sobald ich in ihn eintauche. Da fällt es mir tatsächlich schwerer und schwerer, den dicken Schinken beiseite zu legen.
Band 2 beginnt mit einem Gedicht „vom entscheiden“, das scheinbar assoziativ geschrieben ist, erkennbar mit biblischen Bezügen und von Rakow geschickt mit dem „hamsterrad“ der eigenen Gedanken verknüpft. Mit dem letzten Gedicht „zweifel“ erinnert er an Eva Strittmatters „Immer“. Dazwischen finden sich auf gut 350 Seiten Reminiszenzen an Fontane und Hölderlin ebenso wie an Brecht, Kaléko und Kästner. Er beherrscht dabei sämtliche Gedichtformen wie das klassische Sonett, die Ode oder das hexametrische Langpoem. In einigen Gedichten erkenne ich eine Stil-Verwandtschaft zu Pablo Neruda. Seine balladenartigen Gedichte erinnern mich an die ausufernd detaillierten Gemälde eines Hieronymus Bosch – niemand ist wohl imstande, alle Einzelheiten und Metaphern beim ersten Betrachten zu erfassen, geschweige denn zu verstehen. Manche Andeutung, manche Erkenntnis offenbart sich erst beim mehrmaligen Lesen, beim tieferen Eintauchen – ja, die Rakowsche Lyrik braucht unsere Zeit!
Und in welch ein Wechselbad der Gefühle Rakow die Lesenden dabei wirft! Mal schreibt er wie besessen, im Rausch voller Kraft und Gewalt, auch durchaus gewalttätig und sogar ekelerregend. Dann wiederum fängt er ganz zauberhafte, lyrische Momente ein, in scheinbar so alltäglichen Erlebnissen wie dem Gewimmel und Gedränge „Am Bahnsteig“ zum Feierabend oder im Beginn eines neues Tages „vor tag“, in dem ein einziger Augenblick „wie im schleppnetz der fischschwarm hilflos zappelt“. Auch der zarte Zyklus „Aschermittwoch“ berührt sofort mit der stillen Traurigkeit einer verlorenen Liebe, die sich aus Rakows Herz über Hirn und Hand Wege auf’s Papier bahnt. Sparsam gesetzte Worte erreichen ohne Umschweife das Herz der Lesenden. Mich ergreifen die wortkargen Gedichte mit so viel Leben zwischen den Zeilen – „anhörung“ zum Beispiel. Oder die wundervoll verdichtete Geschichte eines ganzen Lebens in 5 Strophen: „dies ist die tür“. Es sind Worte wie „himmel ist oben/ sehnsucht die farbe der stunden“ oder „Die Sonne setzt ihr Brennglas an/ und kürzt dabei den Tag“, die mir noch lange nachgehen. Ein ganz anderes Tempo wohnt Rakows Zyklus „Brot und Spiele“ inne. Die Sprache wirkt hier wie getrieben, Bilder überlagern sich. Ich fühle mich beim Lesen selbst gehetzt und einmal mehr an die bereits erwähnte Lesung erinnert.
Ja, Rakows Gedichte sind eine Zumutung! Er mutet uns zu: Totengesänge und Wiegenlieder, die keine sind. Er fordert uns heraus, uns mit all den existenziellen Themen zwischen Wiege und Bahre und darüber hinaus zu befassen. Von A wie „alter“ über E wie „erfolg“ und L wie „liebe“ bis Z wie „zweifel“ – keine menschliche Empfindung bleibt unaus¬gesprochen und unbedacht. Was für ein feiner Beobachter er ist: Sein Gedicht „im separee“ schildert zwischenmenschliche Begegnungen a lá Kurt Tucholsky, und noch im Tag des geringsten Käfers erkennt er den düsteren Überlebenskampf aller Wesen. Er findet große, wahre Worte für scheinbar Nichtiges, Kleines, das manch anderem vermutlich einfach entgehen würde.
In allen drei Gedichtbänden voll von Landschaften, Zeitgeschichte und überraschenden Naturbetrachtungen reisen wir mit Rakow „Übers Land“ – auch mundartlich –, etwa in seine ursprüngliche, hessische Heimat, dann in den Norden, wo er seit Jahrzehnten lebt, und an Sehnsuchtsorte wie Irland. Wir bewegen uns „entlang der straße“ im hervorragenden Metrum, meisterlich modelliert mit Epanodos. Und überall, so scheint es, lauert der Tod. Der Tod und zugleich die unbändige Lebenslust. Die Leidenschaft. Die Stille. Rakow schenkt uns Gedichte für einzelne Monate ebenso wie für Jahreszeiten. Wir begegnen Einsamkeit, dem „grauen tier mit nagezähnen“, wie auch Leid oder Eifersucht – „gelb ist sie und riecht nach schwefel“. Dem wütenden Aufschrei „vox populi“ folgt ein Oxymoron aus 17 Strophen über die Sprachlosigkeit und Leere voller Aphorismen. Aufgewühlte und aufwühlende Worte – „An grobem Tau“ – wechseln mit einer leicht verliebten, zarten Poesie wie in der „wanderung“. Er fordert unser Aufmerken, wenn es aus ihm heraus von Obsession und Verwesung schrei(b)t – teils geradezu schmerzhaft verdichtet und wahrhaft essentiell.
Ich wiederhole: Rakows Gedichte sind eine Zumutung, und zwar im besten Wortsinn!
Seine Lyrik braucht unsere Zeit und unsere Zeit braucht Reinhard Rakows Lyrik
aus: Reinhard Rakow
ALTE FABRIK
Gedichte 2
Ausgewählte Gedichte Band 2
Geest-Velag 2021