Wolfgang Malischewski mit Rezension zu 'Schluss! Aus! Sense! – Anthologie zum Thema Tod. Hg.: Frau zu Kappenstein und Elke Hübener-Lipkau'

Wolfgang Malischewski
XXXL-Sarg gefällig?

Es gibt so viele Möglichkeiten, sich dem Thema „Tod“ zu nähern, wie es Menschen gibt. In der Sammlung Schluss! Aus! Sense! – Anthologie zum Thema Tod. Hg.: Frau zu Kappenstein und Elke Hübener-Lipkau wird uns das auf eindrückliche Weise vorgeführt. 
   Keine Sorge, die Lektüre wird Sie, liebe Leserin, lieber Leser, nicht schwermütig machen. Das signalisiert schon der verspielte Titel. Vielmehr geht es oft heiter zu, komisch, nicht zuletzt stecken viele der Autorinnen uns mit ihrer Lebensfreude an.
   Der Humor, der hier gezeigt wird, ist nie schenkelklopfend oder von sich selbst besoffen, das Witzige nie „unter aller Sau“. Und wir erinnern uns gern: Witz hat einen Pakt mit Wissen, Weisheit, kluger Lebenserfahrung und erdender Selbstironie geschlossen. Davon haben die Autorinnen viel zu bieten. 
   Cornelia Koepsel etwa erinnert an die demokratische Potenz von Friedhöfen. Ein tröstlicher Gedanke, wenn wir daran denken, dass die Autokraten unserer Welt sich und ihren Größenwahn unsterblich machen wollen.
   Ja, beim Thema „Tod“ kommen wir um Friedhöfe nicht herum. Humorvoll und realistisch nimmt uns Isobel Markus bei ihren Friedhofbesuchen mit. Sie trifft einen Mann, der nach dem Tod seiner Frau herausfindet, dass sie einen anderen Mann als Liebhaber hatte. Wie der düpierte Ehegatte dies angesichts des Grabes seiner Frau kommentiert, das müssen Sie schon selber lesen. Ich will Sie, wahrscheinlich auch einmal betrogene Liebende, doch nicht um die Vorfreude auf eine komische Pointe betrügen!
   Friedhöfe laden zu ungewöhnlichen Perspektiven ein. Utta Kaiser-Plessow imaginiert, wie jemand seiner eigenen Beerdigung zuschaut und sich freut, dass ihm ein langjähriger Freund und Skatbruder Spielkarten ins Grab wirft.
   Der Tod kann überraschende Fragen aufwerfen: Susanne Danowski fragt sich, ob es für Liebende, die vom Tod beim letzten Liebesspiel überrascht werden, auch einen XXXL-Sarg gibt. Denn sollte man die letzte Umarmung trennen?
    Wie reagieren Kinder auf den Tod? Was, wenn sie auf einer Zugfahrt mit einem Toten konfrontiert werden? Wie sie (zwei Jungen) in einem selbst erfundenen Theaterstück das „verarbeiten“, besser: ausagieren, erfahren wir in Ricarda Bethges Geschichte „Mit Kindern im ICE“. Der Erzählton ist realistisch, ohne Melodramatik und dennoch einfühlsam.
   Ute Apitz führt uns gekonnt vor, mit wie viel Witz sie mit dem Thema „Tod“ umgehen kann. Spätestens bei „Eros Honnecker“ (Sie haben richtig gelesen! Es ist wirklich der berühmteste Latin Lover der DDR gemeint!) habe ich Tränen gelacht. Immerhin Tränen. Bitte schön, ich bin ja nicht herzlos.
   Launig-sarkastisch der mit leichter Hand geschriebene Text von Frau zu Kappenstein über Varianten des Ablebens und der Bestattung: „Jetzt ist Sense“.
   Elke Hübener-Lipkau führt vor, dass sie nicht nur lyrische Töne spielen kann, sondern auch schockierend realistisch in der Prosa („Das Ableben von Tante Liese“) zu Hause ist.
   Den Herausgeberinnen Frau zu Kappenstein und Elke Hübener-Lipkau (nicht zuletzt dem Geest-Verlag) ist diese Textauslese zu verdanken, von der hier nur ein paar Genussproben serviert werden konnten. Ich hoffe, liebe Lesende, Sie sind auf den Geschmack nach mehr gekommen. In der Anthologie „Schluss! Aus! Sense!“ werden Sie à la carte bedient.
   Tröstlich und erfreulich an dieser Textsammlung: Sie macht – trotz allem – Lust auf Leben. Fühlen Sie sich dazu eingeladen!