Sigune Schnabel mit Rezension über Frank M. Fischers Kurzgeschichtenband 'Von der traurigen Unmöglichkeit zu bleiben

Über Frank Fischers Kurzgeschichtenband „Von der traurigen Unmöglichkeit zu bleiben“ - Sigune Schnabel

Frank Fischers Kurzgeschichtenband Von der traurigen Unmöglichkeit zu bleiben ist ein Buch über den Versuch, die Welt zu verstehen. Die Geschichten nähern sich den Fragen, die damit aufgeworfen werden, auf sehr unterschiedliche Weise: philosophisch, physikalisch, psychologisch, manchmal auch mit einer bewusst absurden Logik. Immer wieder suchen die Figuren nach verborgenen Zusammenhängen hinter den Dingen. Was wir Zufall nennen, könnte vielleicht doch einem Muster folgen. Was uns als Wirklichkeit erscheint, könnte nur eine bestimmte Perspektive auf ein viel komplizierteres System sein.

 

Dabei sind diese Überlegungen keinesfalls trockene Gedankenspiele. Viele Passagen leben von einer starken Bildhaftigkeit:

„Jedenfalls traute ich mich nicht nachzufragen, weshalb unsere Beziehung auf derart vielen Ungereimtheiten und heimlichen Hypothesen beruhte, dass es unseren Gesprächen ergehen konnte wie dem Ruhrgebiet: Die versteckten unterirdischen Stollen, die den Boden unserer Kommunikation unterhöhlten, konnten plötzlich einbrechen und uns ins Nichts stürzen lassen.“

Frank Fischers Figuren leben in Beziehungen, deren Grundlagen unsicher sind. Menschen wissen nicht genau, was der andere denkt und welche Annahmen unausgesprochen bleiben. Das Bild der unterirdischen Stollen ist zugleich humorvoll, konkret und psychologisch präzise. Kommunikation erscheint als Oberfläche, unter der sich unbekannte Hohlräume befinden.

An einer anderen Stelle werden physikalische Phänomene auf soziale Situationen übertragen:

„Wir blickten von der Bar auf unsere ehemaligen Mitschüler, die sich um die Tische angeordnet hatten wie freie Elektronen um Atome. Hin und wieder löste sich ein Elektron und wechselte zu einem anderen Molekül über.“

Überhaupt prüft Frank Fischer in seinen Geschichten immer wieder, ob sich unser Leben mit den Begriffen der Physik beschreiben lässt – und wo solche Erklärungen an ihre Grenzen stoßen. Das zeigt sich besonders deutlich in „Lenas Rückkehr“.

Lena ist ein Mädchen, das schon vor ihrem Unfall eine ungewöhnliche Beziehung zur Welt hat. Sie trödelt, weil sie beim Gehen besser denken kann, fragt fremde Menschen am Telefon, wo sie wohnen, und schlägt die genannten Orte anschließend im Atlas nach. Dass sie Tiere für klüger als Menschen hält, wirkt zunächst wie eine kindliche Eigenheit, wird im Verlauf der Geschichte aber beinahe zu einer philosophischen Position.

Nach einem Steinwurf, der sie am Kopf trifft, verändert sich ihre Wahrnehmung der Welt. Sie sieht Menschen aus „Wasser und Licht“ und erkennt Verbindungen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Besonders schön ist dabei, dass der Text nicht eindeutig entscheidet, ob Lena tatsächlich eine tiefere Wahrheit erkennt oder ob ihre Wahrnehmung lediglich die Folge ihrer Verletzung ist. Gerade diese Offenheit gehört zum Reiz der Geschichte.

Die physikalischen und philosophischen Ideen werden immer wieder durch absurden Humor gebrochen. Wenn Lena etwa der Frage nachgeht, warum Menschen sich bekriegen, führen ihre Verbindungsröhren „in die Toilette der Regierung“. Das ist zunächst ein absurder Witz, enthält aber zugleich eine treffende Metapher für gesellschaftliche und politische Prozesse. Auch die beiden Ratten Hitler und Stalin verbinden historische Abgründe mit einer kindlich-naiven Perspektive.

Überhaupt spielen Namen und Identität eine zentrale Rolle. Lena weiß nach ihrem Unfall nicht mehr, ob „Lena“ wirklich ihr Name ist. Der Name erscheint ihr „fremd, unecht und beliebig“. Damit stellt die Geschichte eine scheinbar einfache Frage: Was macht uns eigentlich zu der Person, die wir sind? Ist es unser Name, unsere Erinnerung, unser Körper oder die Wahrnehmung anderer Menschen? Lena verliert ihre Identität im sozialen Sinn, scheint aber gleichzeitig eine neue Beziehung zu den Dingen und zur Zeit zu gewinnen.

Die Frage nach der Zeit ist zugleich eine Frage nach Schuld und Zufall: Warum musste der Stein ausgerechnet ihren Kopf treffen? Ein Ereignis kann physikalisch erklärbar und dennoch menschlich vollkommen unbegreiflich sein. Frank Fischer behauptet nicht, dass die Welt rational erklärbar sei. Seine Geschichten zeigen vielmehr, wie groß unser Bedürfnis ist, in den Ereignissen einen Zusammenhang zu finden – selbst dort, wo es zunächst abwegig erscheint.

Diese Frage nach dem Zufall findet sich auch in anderen Geschichten des Bandes. So heißt es etwa:

„Der Zufall allerdings war mysteriös, oder besser gesagt schlau, denn er wollte es, dass Laura blinden Auges immer nur die leichten Dinge in die Hände gerieten.“

Die Geschichten spielen immer wieder mit der Frage, ob das, was wir Zufall nennen, wirklich beliebig ist – oder ob wir vielleicht selbst unbewusst steuern, was uns widerfährt.

 

Der Ton des Bandes bewegt sich zwischen stimmungsvoller Erzählung, Dialogpassagen und überraschender Komik. Auf nachdenkliche oder melancholische Absätze folgen oft humorvolle Einsprengsel und absurde Wendungen. In den Dialogen sprechen die Figuren über das Leben, ohne dass die philosophischen Fragen dadurch schwer oder belehrend wirken. Der Humor ist dabei nicht nur ein Gegengewicht zur Ernsthaftigkeit, sondern oft ein Mittel, um sie besser sichtbar zu machen.

In „Schulmusik“ zeigt sich diese Verbindung von Absurdität, Kunst und Erkenntnis besonders eindrucksvoll. Ein Junge wird zu einem Vorspiel gezwungen, erleidet einen Blackout und entwickelt daraus eine blutige Improvisationsperformance, die schließlich doch in seine ursprünglich geplante Eigenkomposition mündet. Die Geschichte fragt, was Kunst eigentlich ist und was sie bewirken kann. Ist eine Handlung dann Kunst, wenn sie als Kunst gemeint ist? Oder kann aus einem Kontrollverlust, einem Unfall oder sogar einer Katastrophe etwas Künstlerisches entstehen? Gerade weil die Geschichte diese Fragen nicht theoretisch beantwortet, sondern in eine extreme und groteske Handlung übersetzt, bleibt sie im Gedächtnis.

Vielleicht liegt hierin eine der großen Stärken des Bandes: Frank Fischer erzählt nicht einfach Geschichten mit einer Pointe, sondern Geschichten, die wie Denkmodelle funktionieren. Sie stellen Hypothesen auf und führen sie in absurde, fantastische oder groteske Situationen hinein. Was wäre, wenn ein Kind nach einem Unfall die Zeit anders wahrnehmen könnte? Was wäre, wenn Zufälle einen eigenen Willen hätten? Was kann Kunst sein, wenn Kontrolle und Absicht verschwinden? Und wie viel von dem, was wir Wirklichkeit nennen, beruht eigentlich auf unseren eigenen Annahmen?

Dabei entsteht auch der Eindruck, dass einzelne Geschichten miteinander in Beziehung stehen könnten. In zwei Texten tritt eine Figur namens Svenja auf. Es ist möglich, dass es sich um dieselbe Person handelt. Ebenso gut kann die Namensgleichheit auch ein Zufall sein. Gerade diese Ungewissheit passt zu einem Band, in dem immer wieder die Frage aufgeworfen wird, ob Zusammenhänge tatsächlich existieren oder ob wir sie nur herstellen.

Von der traurigen Unmöglichkeit zu bleiben ist ein Kurzgeschichtenband für Leserinnen und Leser, die Freude daran haben, sich auf ungewöhnliche Gedankenexperimente einzulassen. Die Geschichten sind oft bildhaft, manchmal melancholisch, häufig humorvoll und immer wieder überraschend. Sie versuchen, das Leben zu erklären, wissen aber zugleich, dass jede Erklärung neue Rätsel hervorbringt. Vielleicht ist das die eigentliche „traurige Unmöglichkeit“, die der Titel andeutet: Wir möchten verstehen, wie alles zusammenhängt, doch sobald wir einen Zusammenhang gefunden haben, geraten wir schon wieder in eine neue Ungewissheit.