Hans-Hermann Mahnken: Rezension zu Thomas Bartschs Lyrikband „Erdrutsch der Zeit“.
Thomas Bartsch legt mit „Erdrutsch der Zeit“ (Geest-Verlag, 2026) seinen vierten Lyrikband vor. Der bildstarke Titel wirkt auf mich zunächst düster, verbindet er doch etwas so Gewaltiges wie einen Erdrutsch mit dem abstrakten Begriff der Zeit. Die Zeit, eine Kraft, die alles verschieben kann – das klingt nach Verlust, Veränderung, dem Gefühl, dass selbst das eigene Leben ins Rutschen geraten kann. Zeit erscheint hier als eine Kraft, die nichts feststehen lässt.
Und dann das: Gleich zu Beginn überrascht ein Liebesgedicht von großer Zartheit:
„Liebesbrief
Weil der Paradiesvogel
in mir
Federn gelassen hat
kann er spüren
dass er nicht friert
wenn du DU bist
ganz du
und hautnah
bei mir“
Mit bewusst schlichter Sprache entfaltet Bartsch hier in wenigen freien Versen eine dichte Metaphorik von Intimität, Begegnung und existenzieller Wärme. Federn können zugleich für Schmuck, ein idealisiertes Selbstbild, Schutz und Flugfähigkeit stehen - ihr Fehlen kann für Verwundbarkeit und eine Einschränkung der Autonomie stehen. Die mögliche Kälte dieser Entblößung wird jedoch durch eine echte, unverfälschte, körperliche und emotionale Nähe aufgehoben - ein leiser, existenzieller Widerstand gegen die anonyme, verschiebende Kraft der Zeit. Einzige Bedingung: „Wenn du DU bist / Ganz du / Und hautnah / Bei mir“.
Genau darin entfaltet der Band seine poetische Kraft. Die meist kürzeren Gedichte erzählen vom prallen Leben: von Beziehung und Distanz, Sehnsucht und Abschied, von Ambivalenzen, Unsicherheiten und Momenten der Stille. Sie verzichten auf Pathos und den belehrenden Zeigefinger; stattdessen berühren sie, indem sie das Innen sensibel ausloten und zugleich im Außen Haltung zeigen. So blitzen in einzelnen Texten durchaus gesellschaftliche Spannungen auf – jedoch nie laut, sondern in verdichteten, beiläufig wirkenden Bildern.
Der Autor verzichtet weitgehend auf Satzzeichen, vertraut auf den Klang der Wörter, den Rhythmus von Sprechen und Atmen. Er schreibt in freien Versen, greift jedoch gelegentlich spielerisch auf metrische Strukturen oder verborgene Reime zurück.
Dabei bleibt die Sprache durchgehend zugänglich und vermeidet hermetische Übercodierung, ohne an Tiefenschärfe einzubüßen. Gerade aus dieser Verbindung entsteht jene leise Intensität, die den Band prägt und mich nachhaltig berührt hat.
Im titelgebenden Gedicht (S. 76) verdichtet sich schließlich, was der Titel des Bandes ankündigt:
„Erdrutsch der Zeit
Der Nachbar, der Kinderfeind
Meckert wieder
Weil einer von uns
Den Ball über den Zaun
Geschossen hat
Ja, Freunde, das müssen wir
Nicht anhören, wenn er wieder
Schreit: „Ihr Nichtsnutze, Bengel!“
Gehen wir also
Es ist ja schon Mittag
Bei mir gibt es heute
Gefüllte Pfannkuchen
Mein Lieblingsessen
Aber meine Eltern
Und Brüder
Warten nicht mehr
Auf mich
Ich werde sie mal wieder
Dort besuchen
Wo sie
Für immer schweigen
Ich hoffe, meine Frau
Begleitet mich
Also dann …“
Der Autor entfaltet in freier Versform eine scheinbar kindliche Alltagsszene, die sich nach und nach als existenziell aufgeladene Erinnerung und schließlich als Konfrontation mit Verlust, Tod und der eigenen Endlichkeit deuten lässt.
Der Titel „Erdrutsch der Zeit“ ist hier essenziell: Zeit wird als instabil und plötzlich verschiebbar dargestellt, die Chronologie der Erinnerung wird aufgehoben zugunsten eines assoziativen Flusses.
Hans-Hermann Mahnken