Sybille Fritsch rezensiert Frank Maria Fischers Buch : „Von der traurigen Unmöglichkeit zu bleiben: Short Stories“ in der neuen Experimenta


 


Sybille C. Fritsch-Oppermann Frank Maria Fischer: „Von der traurigen Unmöglichkeit zu bleiben: Short Stories“ Geest-Verlag, Visbek 2026 Taschenbuch 172 Seiten, 14,00 €, ISBN 978-3690645713

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Der Titel des Buches ist zugleich Programm und deutet auf die darin erzählte und überdachte vielschichtige Auffächerung von Fragen nach dem Sinn und Ziel menschlicher Existenz. Die Unmöglichkeit zu bleiben meint beispielsweise die Unvorhersehbarkeit von Ereignissen. Die beiden Liebenden in der ersten Geschichte dieser Sammlung von Kurzgeschichten, die dem Buch auch den Titel gibt, erzählen davon, dass Traurigkeit eine ganz eigene Art von Schönheit und Faszination besitzt. Auch die Trauer über die Unmöglichkeit zu bleiben. Aber die meisten Menschen haben Angst vor Veränderung, Angst vorm Scheitern, Angst, nicht dazuzugehören. Und diese Angst ist auch dann da, wenn wir nicht wissen, warum wir uns für etwas interessieren und warum wir vor etwas Angst haben. Wir tarnen unser Scheitern deswegen als Erfolg. Aber das bewusste Scheitern ist etwas anderes. Es ist „...die Kunst des Denkens, und das Denken scheitert an sich selbst, da es nämlich seine eigenen Voraussetzungen nicht unterlaufen kann. Es kommt also nie an, sondern beginnt immer wieder von vorn. (S.7f)

Für mich ist das Faszinierendste an diesem neuen Buch von Frank Maria Fischer, wie er in den vielen direkten und indirekten Dialogen mit solcher Leichtigkeit und Tiefe Philosophie und Philosophiegeschichte genauso vermittelt wie ein Gefühl für etwas, was Milan Kundera einmal „unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ nannte. Und dann das Scheitern am Denken und an der Wahrheit und die Angst zu bleiben ebenso wie die Angst zu gehen in ebenso schlichte wie zärtliche Lebens- und Liebesgeschichten bettet. Das „poetische Dennoch“ macht es dem Lesenden erträglich, Bücher 10 / 2026 www.eXperimenta.de(link is external) 55 sich der Traurigkeit der Zeit zu stellen, die Reflexion hierüber spannend zu erleben und ein wenig hineinzuwachsen in die „ehrlichste Art, ein Mensch zu sein“: Melancholie zu leben und dennoch Angst zu zeigen. Und solange es hierfür ein Gegenüber gibt, gibt es trotz allem Zweifel und unter allem Vorbehalt etwas vom Sinn zu erzählen und zu lachen und zu lieben und zu leben – wie etwa in der Geschichte „Welcome to Joe-Town“.

Und auf die eine oder andere Weise tun das alle Geschichten und Dialoge in diesem Buch, sei dies nun in einem fiktiven posthumen Dialog mit Glenn Gould über die nie zugegebene heimliche Liebe Chopin oder in dem kürzesten Roadmovie, das ich bisher je gelesen habe, und in dem zu Recht an Kerouac, einen der wichtigsten Vertreter der Beat Generation, erinnert wird („Unterwegs“). Immer geht es auch um Fragen der Möglichkeiten und Grenzen von Sprache und Kommunikation, um kreative und empfindsame Menschen, die ihre Philosophien auch mal wie die Kleider wechseln, um das immer schon Fiktionale unserer Wahrnehmung von Wirklichkeit. In der Geschichte „Whisky“ über ein Klassentreffen von Ehemaligen geht es unter anderem um die Illusion von Zeit und Erinnerungen. In „Schulmusik“ erlebt der Leser das nur vermeintlich gescheiterte improvisierte Klaviervorspiel eines hochbegabten Schülers, der mit seinem Musiklehrer den Deal macht, dass dieser sich für seine Versetzung stark machen wird, wenn er eine erkrankte Mitschülerin bei diesem Konzert ersetzt, als Katharsis und punktuelle Überwindung einer großen Entfremdungserfahrung: „Ich spürte körperlich, wie hunderte von Augen tief in mich hinabschauten und erkannten, dass da nichts war, keine Persönlichkeit, keine Wahrheit, keine Ewigkeit. Nur eine eruptive Verzweiflung, eine wie ein verrücktes Tier herumspringende Einsamkeit, eine tönende Sprachlosigkeit angesichts der Fragen einer Welt...“ (S. 87)

Du bist gescheitert, ohne zu versagen. Das ist das Wesen der Kunst. Wir scheitern alle, wir sind sterblich. Aber die Kunst allein verwandelt das Scheitern in einen Triumph.“ (S.102) Schöner lässt sich nicht erzählen vom Absurden und der Chance, die bodenlose Entfremdung durch Schönheit zu ertragen, vielleicht sogar zu überwinden. Es folgen zwei weitere Geschichten und zwei szenische Dialoge, in denen es jeweils in der einen oder anderen Weise um „die Suche nach der verlorenen Zeit“ geht. Um die Gefangenschaften in immer gleichen Wiederholungen und die Befreiung aus den dazu führenden Vorurteilen anderer („Zeitpfeil“), um die Relativität von Zeit (und Raum), wie sie auch die neuere Physik beschreibt („Lenas Rückkehr“), um das Bedürfnis, in die Vergangenheit zurückzukehren, um ein lange quälendes Trauma zu überwinden bzw. zunächst einmal aufzudecken und erzählbar bzw. erlebbar zu machen („Sitzen zwei im Gefrierschrank“) und schließlich um verschüttete Erinnerungen an Bestätigung und Anerkennung, an mütterliche Zuneigung, an erfahrene und an fehlende, die vielleicht einen Ausweg aus Geld- und Machtgier ermöglichen könnten („Das andere M-Wort“). Der Autor ist Kinder- und Jugendpsychiater und Philosoph. Er arbeitet als Oberarzt in einer Kinderklinik in Hannover. Außer Sachbüchern in psychiatrischer Medizin und Philosophie hat er ein Selbsthilfebuch für abhängig gewordene Jugendliche veröffentlicht. Und immer wieder auch Lyrik und Prosa, zuletzt „Wir Schlafenden“ und „Was bei uns aushält“. Dies ist sein erster Band mit gesammelten Short Stories, von denen einige bereits in Literaturzeitschriften erschienen sind.