15. Januar - aktueller Autor - Theodor Pelster
Theodor Pelster, 1937 in Krefeld geboren und dort aufgewachsen, studierte Germanistik, Geschichte, Philosophie und Sport in Bonn und wurde mit einer Arbeit über den „Stil der politischen Rede" promoviert.. Seit 1965 unterrichtete er an einem Krefelder Gymnasium, wurde Fachleiter für Deutsch am Krefelder Studienseminar und Referent für Lehrerfortbildungsveranstaltungen in den alten und neuen Bundesländern. Er war Autor und Herausgeber mehrerer Unterrichtswerke. Als freier Mitarbeiter der Volkshochschule Krefeld fuhrt er Literatur-Seminare und Autorenlesungen durch. Er ist Mitbegründer des seit 1992 jährlich zu vergebenen Niederrheinischen Literaturpreises. Seit 1965 ist er verheiratet, Vater dreier Kinder und inzwischen auch Großvater.
Und – wie war’s?
Schulwege
Erzählte Erinnerungen
Ein Wiedersehen nach mehr als 50 Jahren
Mitte März wird jedes Jahr gegenwärtig, was inzwischen Jahrzehnte zurückliegt: das Abitur. Genauer gesagt: unser Abitur.
Im Januar hatten wir damals unsere schriftlichen Arbeiten in Griechisch, Latein, Deutsch und Mathematik am humanistischen Gymnasium der Stadt verfertigt. Im März folgte als Abschluss der Prozedur das Mündliche. Dabei war völlig unkalkulierbar, wer in welchem Fach ‚hineinmusste‘. Alles war möglich. Die Prüfung war ein Ritual mit festgelegten Rollen für Lehrer und Schüler. An zwei Tagen saß das gesamte Lehrerkollegium zu Gericht, hoheitsvoll festlich gekleidet in schwarzem Anzug, weißem Hemd und Silberkrawatte. Vor diesem Gremium hatte der einzeln Vorgeladene – auch er in schwarzem Anzug, weißem Hemd und Silberschlips oder Fliege – zu beweisen, dass sein Können und Wollen den Ansprüchen der Richter genüge, um ihm das ‚Zeugnis der Reife‘ auszustellen.
Damals, an jenem Freitag im Monat März des Jahres 1957, war die Spannung im Warteraum, dem Vorraum des Gerichtssaals, fast unerträglich, bis der Letzte hineingerufen war und die andern aufatmen durften. Letztes Fach: Geschichte. Eine Stunde später waren wir dann alle reif und frei. Die richtenden Lehrer, die uns während des Tags geprüft hatten, luden uns für den Abend zu einem kleinen Umtrunk in die Gaststätte ‚Am Kamin‘ ein. Auf Augenhöhe. Nicht mehr vor Gericht und zur Prüfung. Ein gemeinsames Fest wurde gefeiert. Jetzt waren die Prüfer stolz, dass die Geprüften so gut abgeschnitten und damit bewiesen hatten, dass sie, die Prüfer, als Lehrer vorher so erfolgreich gearbeitet hatten. Auch die Geprüften waren stolz, auch sie vor allem auf sich selbst. Ein epochales Ereignis zweifellos.
Ob es genau so gewesen ist, wie die Erinnerung das Ganze jedes Jahr etwas anders reproduziert, mag dahingestellt sein. Erinnerungen sind trügerisch.
Seit Jahren treffen wir uns an den Iden des März, wie wir durchaus ironisch, aber doch voller Bildungsstolz sagen, am Ort des Geschehens, nicht unbedingt in der alten Schule, wohl aber in der Stadt unserer Kindheit und Jugend. Wir: Das sind ein paar Aufrechte von damals, die sich einigermaßen gern an die gemeinsame Schulzeit erinnern, die alle Gegensätze und Streitigkeiten von einst vergessen oder überwunden haben und die nach den bestandenen Herausforderungen des Lebens jetzt als Ehemalige fragen: Wo ist die Zeit geblieben? Und: Wie war das eigentlich damals genau? Wie ist es weitergegangen? Wie sieht ‚Schule‘ heute aus? Wie geht es uns jetzt? Was wird die Zukunft bringen?