9. Januar 2017 - aktueller Autor - Volker Issmer
Volker Issmer
1943 in Glatz/Schlesien geboren, veröffentlichte 1998 den zweisprachigen Sammelband ‚Niederländer im Verdammten Land‘ sowie 2000 die Dokumentation ‚Das Arbeitserziehungslager Ohrbeck bei Osnabrück‘, mit der er 2003 zum Dr. phil. promoviert wurde. In weiteren Werken setzte er sich dokumentarisch oder literarisch vor allem mit Grundfragen des Nationalsozia-lismus auseinander: ‚Als Mitläufer (Kategorie IV) entnazifiziert‘ (2001); ‚Die Reise des Grals‘ (2005); ‚Der tolle Christian‘ (2006); ‚Zahngold‘ (2008); ‚The Master‘s Lot‘ (2009), Fremde Zeit - Unsere Zeit - Teil I (2011). Hinzu kommen zahlreiche Zeitungs- und Zeitschriftenaufsätze.
Der in Osnabrück lebende Historiker und frühere Lehrer ist Träger des Marion-Sa-muel-Preises 2002 der Stiftung Erinnerung. 2003 bekam er die Auszeichnung des Landschaftsverbandes Osnabrücker Land e. V. und im September 2003 die Ehrengabe der Stadt Georgsmarienhütte.
Veröffentlichungen im Geest-Verlag
Der Türke
„Kommst du mit eine rauchen?“ Hassan stößt Murat an. „Merkt doch keiner, wenn wir hier abhauen.“
Murat nickt und guckt auf die Uhr. Sie sind jetzt schon eine Stunde lang in der Ausstellung. Das reicht wirklich. Erst der Vortrag zur Lagergeschichte, dann noch der Rundgang durch die Räume mit den Stellta-feln, wobei sie an jeder stehen bleiben mussten, um sich Erklärungen anzuhören. Er braucht jetzt dringend eine Zigarette.
Sie schauen sich um. Der Berger ist gerade von ande-ren Schülern umringt und kann sie nicht sehen. Sie tauchen hinter einer Tafel ab und huschen zum Ausgang hinüber. Rasch steigen sie die Treppe hinunter, wobei sie sich bemühen, nicht zu laut auf den metallenen Stufen aufzutreten. Schließlich kommen sie nach draußen.
Sie gehen hinter das Gebäude in den Hof, der zwi-schen dem ehemaligen Lagergebäude und dem Bahn-damm liegt. Hier ist es warm, weil der Wind nicht hinkommen kann. ‚Das hier soll der Appellplatz gewesen sein, hat der Leiter der Gedenkstätte gesagt, als er vorhin den Vortrag hielt‘, erinnert sich Murat. ‚Hier wurden die Häftlinge morgens und abends gezählt, und hier wurden sie auch bestraft.‘
Beide zünden sich eine Zigarette an und rauchen eine Weile.
„Ganz schön brutal, die Deutschen!“, sagt Hassan. „Wenn man sich überlegt, dass sie hier welche totge-schlagen haben. Also ich find das spannend.“
„Was geht uns das an!“ Murat hebt die Schultern und lässt sie wieder sinken. „Also ich kann das langsam nicht mehr hören, diese Nazi-Geschichten. In jedem Fach! Ich kann’s ja verstehen, dass die Deutschen Schwierigkeiten damit haben. Aber das ist ihre Sache. Wir haben schließlich die Juden nicht umgebracht.“
„Aber – die Geschichte mit den Armeniern. Ob das wohl stimmt? Ich hab’ letztens im Fernsehen so eine Sendung gesehen. Mein Vater hat geschimpft, als ich ihn danach gefragt hab. Er hat gesagt, darüber darf man nicht reden. Das ist Beleidigung des Türkentums. Was meinst du denn dazu? Du bist doch gut in Geschichte.“
„Dein Vater hat ganz recht“, meint Murat scharf. „Das ist alles gelogen. Das sagen die Deutschen nur, um von sich abzulenken. Wir sind die Aggressiven, die Machos und die Ehrenmörder. Und einen Völkermord wollen sie uns auch noch in die Schuhe schieben. Dabei war das mit den Armeniern ganz anders. Das waren Verräter, damals mitten im Krieg. Die mussten vernichtet werden. Jeder Staat hätte das gemacht. Aber so etwas wie hier würden Türken nie machen.“
„Da bist du dir also ganz sicher, was?“, ertönt plötzlich hinter ihnen eine Stimme.
Murat dreht sich um. Der Berger steht hinter ihnen. Er ist herangekommen, ohne dass sie es gemerkt haben.
Berger ist beliebt in seinem Leistungskurs Geschich-te. Murat findet ihn auch ganz gut. Er redet nicht dauernd wie die meisten anderen Lehrer, sondern kann auch mal zuhören. Und manchmal stellt er auch Fragen nach der türkischen Geschichte und dem Islam, weil er sich da nicht auskennt. Das gibt er ganz offen zu.
Murat weiß nicht, was Berger von ihrem Gespräch mit¬bekommen hat. Aber bevor er etwas sagen kann, redet der Lehrer weiter. „Ich mach dir einen Vorschlag. Ich hab ein Buch, in dem steht einiges über dieses Lager. Ich denke vor allem an einen Beitrag von einem Niederländer, der hier war, aber fliehen konnte und schließlich nach Hause zurückgekehrt ist. Ich gebe dir gern das Buch. Lies doch mal drin, und dann können wir uns vielleicht darüber unterhalten, ob so etwas wie hier wirklich nur von Deutschen gemacht werden konnte. Das ist doch deine Meinung, oder?“
Murat nickt. Er steht zu seiner Meinung.
„Ich bring dir morgen das Buch mit“, sagt Berger. „Und wenn ihr zu Ende geraucht habt, dann kommt mal langsam zum Bus. Wir müssen allmählich zurück.“
Er nickt den beiden zu und geht davon. Die drücken ihre Zigaretten an der Wand des Gebäudes aus, wer-fen die Kippen weg und folgen ihm.
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