Michelle Schleimer - Chill mal, das ist keine Chinse (Anthologieteilnehmer des 3. Vechtaer Jugendliteraturpreises)

Hördatei: 

Michelle Schleimer (Frankfurt, 18 J.)
„Chill mal, das ist keine Chinse“

Ich laufe in Frankfurt die Zeil entlang, der Regenschirm stülpt sich, die Hosenbeine werden nass. Ich laufe zur Hauptwache, gehe durch ein Fastfood-Restaurant, die Trep-pe hinunter und sehe eine Gruppe Jugendlicher in einem Kreis am Ausgang stehen. Ich möchte da jetzt nicht zwin-gend durch, aber es sind nur ein paar Meter und ich bin schon sehr spät dran und, da missverstanden, nicht am rich-tigen Ort. Ich durchbreche also notgedrungen den Kreis, um weitere Umwege zu vermeiden. Einer der Jugendlichen zieht ruckartig seine Jacke vor Mund und Nase, sein Freund ruft ihm wohl beruhigend gemeinte Worte zu: „Chill mal, das ist keine Chinse.“
Das ist vor zwei Wochen passiert. Die Worte: immer noch beunruhigend.
In der Drogerie, in der ich am Nachmittag einkaufe, sind die Fächer einiger Regale leer und ohne das Schild zu lesen, kann man erraten, was zuvor dort stand: Desinfektionsmit-tel oder Mundschutz. An der Apotheke, an der ich vorbeilau-fe, vorne ein Plakat: Derzeit keine Mundschutze erhältlich. Obwohl Seife und Wasser ausreichen sollen. Obwohl der Mundschutz eigentlich als Schutz für die anderen vor dem Krankheitsträger und nicht als Schutz des Mundschutzträ-gers vor den anderen gedacht ist. Trotzdem wird gehortet. Sicher ist sicher.
Als ich nach Hause komme, stehen mehrere kleine Flaschen Desinfektionsmittel im Bad und ein Karton mit Nudelpa-ckungen in der Küche. Meine Mutter ist ganz stolz, dass sie die letzten Flaschen ergattert hat. Sie erzählt mir von ihrem Tag. In der Schlange an der Kasse hat die Frau hinter ihr ein, zwei Meter Abstand gehalten. In der Bahn haben Kinder getuschelt, Leute sich weggesetzt.
Meine Mutter ist in Indonesien aufgewachsen und hat indo-nesische und chinesische Wurzeln, auch thailändische und niederländische. Mein Vater kommt aus Deutschland. Ich bin zwischen zwei Welten aufgewachsen und merke das daran, dass ich in Europa als asiatisch und in Asien als euro-päisch wahrgenommen werde. Ich merke es an den interkul-turellen Konflikten: Ist die Hose zu kurz oder in Ordnung? Dieser Ausdruck ist in jener Muttersprache üblich, in der anderen unhöflich.
Ich bin zwischen zwei Welten aufgewachsen und merke das daran, dass der Reiskocher häufiger benutzt wird als der Kartoffelschäler. Ich merke es an deutschen Märchen zum Einschlafen und indonesischen Kinderliedern als Teil meiner Kindheit. Jetzt an der Angst vor mir.
„Chill mal, das ist keine Chinse.“
Ich bin zwischen zwei Welten aufgewachsen und merke das daran, dass ich zuerst mit einer Welt assoziiert und ihr dann doch nicht vollständig zugeordnet werde. Die Worte des Beruhigers verstehe ich erst, als ich durch die Tür und auf der B-Ebene der U-Bahn-Station bin. Ich habe den starken Drang, mich umzudrehen und zu sagen, was genau ich jetzt eigentlich davon halte. Oder zumindest beunruhigend in die Richtung des Jugendlichen zu husten. Ich wäge kurz den schmalen Grat zwischen Mut und Dummheit ab und ent-schließe mich, keins von beidem zu tun. Ich ärgere mich über die Situation und das Stehenlassen von Aussagen, so wie Milch werden die Worte sauer in meinem Kopf. Ich werde es auch, als sie ins Bewusstsein überschwappen und sich zu einem Schock festigen, weil ich üblicherweise nicht mit rassistischen Äußerungen oder diskriminierenden Handlungen konfrontiert werde. Einmal nur wurde ich als „Halbjapanerin“ beschimpft, zwei Welten, zusätzlich geo-grafisch verirrt.
Eine Stimme vermeldet leise und eindringlich in meinem Kopf: „Du hast nichts zu sagen.“
Viel zu jung, viel zu wenig Erfahrung, viel zu wenig Wissen, politisches vor allem. Die Leute, die darüber schreiben, spre-chen, dazu Stellung nehmen, das sind Leute, die zusam-mengeschlagen wurden, angespuckt – in ihrem Alltag einen Einschnitt erfahren haben –, weil sich ihre Position auf dem Globus verschoben hat oder die ihrer Eltern oder Großel-tern.
„Du hast nichts zu sagen“, sagt die Stimme, aber zugleich ist sie fest davon überzeugt:
Mit der Stelle der Herkunft sollte der Wert eines Menschen nicht sinken. Genau das als einen der wichtigsten Stellen-werte in unserer Gesellschaft. Kein geträumter Wert, son-dern ein in die Welt hinein gelebter, damit Rassismus nicht mehr erlebt werden muss. Ein Virus, aus dem Rassismus wird. Das sich verbreitet und uns ansteckt, aus Unwissen und Angst, vielmehr: mit Unwissen und Angst. Angst vor dem Neuen, dem Unbekannten, dem dadurch bedrohlich Erscheinendem. Angst davor, dass sich etwas ändern könn-te: durch die Einwanderung von Menschen und Virus und vor allem – Menschen mit Virus.
Anfangen zu handeln, gegen Rassismus und andere Ismen, kann jeder bei sich selbst. Denn wenn der Mensch eines kann, dann anfangen zu können, jeder bei der eigenen Nase, egal von welcher Form und Farbe. Anfangen kann angstein-flößend sein, aber anfangen muss man: Anfangen, Argu-mente zu entwenden, standzuhalten, einzuwenden, dage-genzuhalten. Auch ich fange an. Ich habe etwas zu sagen.
Rassismus begegnet mir in seiner halben Form: nicht ge-spuckt, nicht geschlagen, sondern in einer Geste und in Worten, die mich zwischen den Welten einordnen. Doch diese Hälfte ist eindeutig zu viel. Denn es gibt keinen halben oder ganzen Rassismus. Rassismus, den man vierteln oder dosieren kann. Rassismus lässt aufschreien, wenn jemand zusammengeschlagen oder angespuckt wird. Und er lässt zögern, wenn er subtiler ist, im Alltag, salonfähig – man zögert, etwas zu sagen, aber man darf nicht weniger auf-schauen, um die Dinge beim Namen zu nennen. Denn Wor-te sind eine Waffe. Scharf und für jeden nutzbar. Ich habe etwas zu sagen, um mein Ich und meine Welt von morgen zu gestalten.
Neben meiner Mama in der U-Bahn sitzenzubleiben, in der Schlange keine übertriebene Distanz einzunehmen und all die Menschen, für die meine Mutter an dieser Stelle stellver-tretend steht, nicht zu meiden, sollte keinen Mut fordern. Aber: Es erfordert Mut, die Stimme zu erheben und die Bli-cke nicht zu senken. Den Gedanken auszusprechen, der in-frage stellt, was um uns geschieht.
Wir brauchen vor allem eins: Den Mut, etwas zu sagen.