Preisträgerin Miriam Radlinger liest ihren Beitrag "Lyrik gegen zu schnelles Leben. Momentaufnahmen" aus der Jugendanthologie 2026

Hördatei: 

 Miriam Radlinger (18 Jahre)

Lyrik gegen zu schnelles Leben. Momentaufnahmen

I.

zwischen Erinnerung an Hass, dem unverhohlenen

und dessen Überresten, den sich festigenden Fetzen

stehen die grün gekleideten Baumgerüste im Kontrast zum

grauen Himmel, dem regendrohenden

darin die immerwährende Frage

nach dem Zusammenhang

 

II.

die Sonne kämpft nicht

sie weiß ihre Richtung, wie

die Windströme

und regenschweren Wolken

es ist ein verspielter Wechsel

zwischen diesen allen dreien

und allzeit tirilieren

Vögel

unter genauem Blicke nur

im kahlen Gezweig

des astenden Frühjahrsspiels, im kahlen Gezweifel

      

III.

die leeren Fenster absorbieren das schwindende Tageslicht

der fehlende Widerhall von den Wolken in der Resonanz

einer Spieluhr, die den November einläutet

wie Mauern sich wieder festigen, und sich die ganze Welt

wieder in Warm und Kalt auflöst

 

vermischt worden, erst

am Ende des Jahres

nach der Sonnenwende und

vor dem gefühlten Tiefpunkt

 

IV.

die gelben Häute

der gelben Gummistiefel

 

Gesichter lang

(nicht fahl)

straff umfasst, umgarnt

von Vorhaben, die in weite

Ferne gerückt sind

als der Nebel sich um sie legte

sie umschloss und

ihre gelben Stiefel

das Einzige waren, das

nicht mehr fehl am Platz wirkte

wie das Gelb durch den Nebel leuchtete

 


V.

Die Rufe der Kinder vor der Schule hallen von dem verwinkelten Gebäude wider.

Obwohl niemand darauf bedacht ist, leise zu sein, scheint es merkwürdig ruhig.

 

VI.

noch unsicheres Eis wie Pfotenspuren auf dem

kalten Glas der Fensterscheibe

Blätter krachen hart und leise

bei ihrem harten fall

grün-weiß getupftes gras

 

VII.

Sonnenstrahlen leuchten Lyrik durch die Fenster

Licht durchflutet den Dachstuhl

ein wenig Staub treibt

in ihm glitzernd

durch die Luft

er war vom Sommer übrig geblieben

 

draußen ist die Luft

kalt und klirrend

ihre Klarheit dringt bis unter die dicken Holzbalken