„Schattensprung“ von Norbert Sternmut, rezensiert von Dr. Andrea Herrmann (Herausgeberin der Zeitschrift „Veilchen“)
„Schattensprung“ von Norbert Sternmut,
rezensiert von Dr. Andrea Herrmann
(Herausgeberin der Zeitschrift „Veilchen“)
Der Lyrikband „Schattensprung“ von Norbert Sternmut ist kein gefälliges Werk, das sich selbst
erklärt. Es verlangt vielmehr ein tastendes Lesen, ein Verharren an Bruchstellen und
Wortkreationen, ein Aushalten von offen bleibenden Fragen. Und genau darin liegt das durchgängige
poetische Programm. Bilder wie „versickernde Oasen“, Wortstaub in der Wüste, „blutunterlaufene
Schweigeminuten“, gepanzerte Worte oder das „Funkloch“ visualisieren diese Erfahrung von
Kommunikationsabbruch und Bedeutungsverlust greifbar. Überall lauern Blindgänger im Gras.
Die meisten Texte scheinen Landschaftsbeschreibungen zu sein, dann aber wiederum auch
nicht. Dinge werden vermenschlicht und darum scheinen auch Bäume und Steine nur ein
Spiegel innerer Zustände zu sein. Sternmut entwirft unwegsame Landschaften, keine Idyllen.
Brücken, Wasserspiegel, Horizonte, Grünstreifen, verhakte Kreuze und Gestrüpp erscheinen
eher als fragile Übergangszonen denn als stabile Orte. Sie sind Schwellenräume, oft
unwegsam, manchmal regelrecht vermint – nicht zufällig taucht das Bild des Blindgängers auf.
Man bewegt sich lesend durch diese Gedichte wie durch ein Gelände, das jederzeit kippen
kann. Leseprobe:
Gleichzeit
Die einen mit Freude am See,
auf der Sonnenseite, vergnüglich,
während die anderen versinken
im Schlamm, die einen mit Liebe
im Lustgarten, wie im Paradies,
die anderen im Schützengraben
in Todesangst mit blutenden
Wunden, schwer mit Bleigewichten
beschwert, im Bombenhagel
ohne Rücksicht auf Verluste
in den Müll geworfen, ausgesetzt
an der brennenden Frontlinie,
in Blut getaucht, die anderen
mit einem Lächeln im Gesicht,
im Land, am Strand, in geordneten
Verhältnissen, der Leichtigkeit
der Zeit auf der einen Seite.
Die 85 Gedichte bilden ein Kaleidoskop von Stimmungen und Botschaften. Dabei oszilliert der Band
zwischen Schönheit und Hässlichkeit. Es gibt Momente von fast zarter Sinnlichkeit, die jedoch sofort
wieder gebrochen werden. Der „Lichthunger“ treibt die Verse an, doch das Licht bleibt
flüchtig, überlagert von einer Bilderflut. Diese Gleichzeit von ästhetischer Anziehung und Abstoßung
erzeugt eine eigentümlich statische Spannung.
So bleibt Schattensprung ein ambivalentes aber spannendes Leseerlebnis. Es ist ein Buch, das eher
Fragen stellt als Antworten gibt, das seine Leser in ein Funkloch der Gewissheiten führt. Wer bereit
ist, sich auf diese Unwegsamkeit einzulassen, wird in den dichten Bildern eine
eigentümliche, dunkle Schönheit entdecken – eine Schönheit, die gerade aus ihrer Nähe zur
Hässlichkeit ihre Kraft bezieht.
Norbert Sternmut: Schattensprung
Geest-Verlag 2025, 14 Euro
Taschenbuch, 144 Seiten