Gottfried Meinhold -Fernseher

Fernrnseher 

Derjenige, der fernsieht, ist doch wohl im eigentlichen Sinne der Fern-Seher, eben als Fern-Sehender, möchte man meinen – und doch trägt der Apparat den Namen, der ein Bild aus der Ferne zu liefern vermag. Oder verrät dieser Sprachunsinn nichts weiter als die heimliche Einheit von Mensch und Apparat, eine für den le-bendigen Teil dieser Synthese wenigstens zum Schein genussvolle Verschmelzung? Soweit er beim Fernsehen dem Nahsehen entho-ben ist, insofern für ihn eine gewisse Erleichterung, weil Welt-Nähe vorwiegend aufdringlich oder auch beklemmend, jedenfalls nur ausnahmsweise erheiternd wirkt ... Ist‘s aber nicht dennoch ein Traumwunsch Gefangener, anderswo, also weitab in einer Ferne zu sein, die momentanes Vergessen verschafft und zumindest für Augenblicke den Schein der Befreiung aufkommen lässt, und sei es für die Blitzmomente einer Illusion? Eine Täuschung freilich, weil die nahegebrachte Ferne nur allzu bald in der wiedererwachenden Schäbigkeit fataler Gegenwart verschwimmt. Hält also die Matt-scheibenpräsenz nicht das, was sie verheißt, nämlich den lang an-haltenden Zauber des Entrücktseins? Im Gegenteil, der Reiz der Ferne verliert zu schnell seine Präsenz, und dazu erweist sich als-bald, dass fast alles, dessen man gewahr wird, letztlich auf eine Täuschung hinausläuft, die aber angetan ist, der Wirklichkeit Paroli zu bieten.