Heike Avsar mit Rezension zu 'Wenn selbst der Plastikbaum stirbt'
Haben Sie jemals versucht, sich in Pflanzen, Bäume, Insekten, Vögel, Meeresbewohner, Wildtiere u. v. m. hineinzuversetzen?
Nein? Dann sollten Sie diesen besonderen Gedichtband, der im Dialog zwischen 14 LyrikerInnen unterschiedlichen Alters entstanden und im Geest-Verlag erschienen ist, unbedingt lesen.
Flora und Fauna – ein Meisterwerk der Evolution, die es unbedingt zu erhalten gilt, die jedoch zunehmend durch den Menschen zerstört wird.
Trotz sich häufender Naturkatastrophen, schmelzender Gletscher, Verschmutzung der Meere und Hungersnöte als Resultat zunehmender Dürren, wird der Klimawandel noch immer ignoriert oder gar geleugnet.
Dass irgendwann auch dem Menschen der Lebensraum genommen werden wird, geht auf eine Entwicklung zu, die nicht von der Hand zu weisen ist, sofern nicht endlich ein Umdenken geschieht und Einhalt geboten wird.
All diese Themen werden dem Leser in sehr unterschiedlicher, wunderbarer Lyrik und Prosa-Lyrik jeweils im Zweier-Dialog begegnen, mal aus menschlicher, mal aus Sicht von Pflanzen und Tieren.
Sigune Schnabel:
Riesenalk
Noch immer kann ich nicht fliegen
obwohl ich meine Schwingen strecke
mitten durch den Tod.
Felsige Steilküsten sehnen sich
nach meinem Körper.
Aber sie sprechen
ohne mich weiter
mit anderen Stimmen
und fremden Gesichtern.
Bald werden sie vergessen,
wie die Menschen auf mich einschlugen,
sich in meine Daunen legten,
weil ihre Körper nicht weich waren wie ich.
Sie kannten den Abschied in verschiedenen Klängen.
Meiner bestand aus einem Ei.
Philipp Létranger:
Wendezeit
herrlich am gipfel
zu wissen
es geht nur noch abwärts
für alle
ins tal, wo die zeit längst ausgeht
gerade noch für geschäfte reicht
die straßen tragen neue namen
desaster armut
hier oben gibt’s kein geschrei
niemand der mich aufwecken will
kein wunder das mich rettet
doch hier kann ich nicht bleiben
also bergab in losem geröll
wichtig dabei auf die füße zu achten
ich bin nicht allein auf dem weg nach unten
Eda Muslubas aus:
Was klingt
Ich lausche dem Regen.
Zumindest klingt es so.
Ein Wald, den ich nur höre,
weil ihn jemand auf Spotify hochgeladen hat.
Ich stelle mir vor,
wie die Luft riechen würde.
Feucht. Schwer.
Nach Leben, nicht nach System.
Ich drücke auf „Stopp“.
Das Prasseln verstummt, der Wind verschwindet.
Der Bildschirm glüht noch kurz,
bis auch er schwarz wird.
Amanda Wurm:
Wie weit
nach dem Aufprall kommt die Hoffnung
sagen Münder ohne Traum
welcher Fall?
Die Tiefe ist unendlich
und weiter sinken wir
in unsere Gehirne
in unsere Sofas
und speisen Fake-Fairtrade
vor Tierfilmdokus
Ein großes Kompliment an die 14 LyrikerInnen, die mit ihren berührenden, ehrlichen und nachdenklich machenden Texten dafür sorgten, dass ich während des Lesens immer wieder eine Gänsehaut bekam.
So unterschiedlich die Beiträge auch sind, jeder trägt den gleichen Tenor: endlich achtsamer mit der Natur, ihren Ressourcen und den immer mehr schwindenden Lebensräumen umzugehen, damit das Leben auch für die nach uns kommenden Generationen noch lebenswert bleibt.
… Und wenn sie uns fragen, was „Natur“ gewesen sei,
werden wir sagen „ein Märchen“,
mit einem tragischen Ende, das wir selbst geschrieben haben.
(Eda Muslubas aus: Was werden wir sagen?)
„Wenn selbst der Plastikbaum stirbt“ - Gedichte
Mit einer Einleitung von Prof. Dr. Herbert Zucchi
und einem ausführlichen Nachwort von Verlagsleiter Alfred Büngen über dieses wichtige, mehr als gelungene und besondere Projekt, seine Intention, Entstehung und Biografien aller Beteiligten.
Geest-Verlag April 2026
190 Seiten
14,50 Euro
Heike Avsar