Jürgen Klaubert - Das Brot der späten Jahre

Jürgen Klaubert 

Das Brot der späten Jahre

Bevor der Sohn zu uns kam, nannten wir die tschechische Mutter meiner Frau „Mami“. Nachdem der Sohn zu uns gekommen war, wurde aus „Mami“ „Babitschka“, also „Oma“ geworden. Jetzt nannten wir sie also Babitschka, und das machen wir immer noch so, Jahre nach ihrem Tod. 
Babitschka liebte Brot mit Kümmel. Aber nur den Geschmack von Kümmel. Vor dem Essen hielt sie jede Scheibe Brot gegen das Licht und stach mit einem kleinen Messer den Kümmel aus der Brotscheibe, weil sie die Kümmelkörner nicht beißen konnte. Ich lachte darüber.
Zum Beschmieren des Brotes mit Butter und Schmelzkäse nahm sie ein kleines Messer. Ich nenne solche Messer „Kartoffel-Schälmesser“. Sie schnitt dann die Brotscheibe in kleine Häppchen, um es leichter essen zu können. Ich fand das komisch.
Heute nehme ich mein Kartoffel-Schälmesser und eine kleine Kuchengabel zum Schneiden und Aufspießen der Häppchen und genieße mein Brot. 
Wie früher Babitschka.