Kirchenzeitung in Hildesheim stellt Geschwisterbücherei von Marlies Winkelheide vor
Nesthäkchen und Sandwichkind
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Sie lieben sich, sie hassen sich. Geschwister haben kontroverse Beziehungen zueinander. Wenn ein Geschwisterkind krank oder behindert ist, verstärkt sich das. Rat, Hilfe und Literatur finden Familien in einer kleinen privaten Bücherei in Worphausen bei Bremen, die sich zum Zentrum für Geschwisterarbeit entwickelt hat.
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Der Bremer Christian Rhodenburg hat eine behinderte Schwester. Er kommt gern in die Bücherei, um zu schmökern und um andere Geschwister zu treffen. Foto: epd-bild |
Liebe, Hass, Mord und Totschlag. Wenn es um Geschwister geht, dann geht es um große Gefühle. Dafür steht mit Kain und Abel der erste Brudermord der biblischen Geschichte. Dafür stehen auch Thomas und Heinrich Mann, geniale Literaten, die sich spinnefeind waren. Oder Aschenputtel und ihre bösen Stiefschwestern. Diese und tausend andere Geschichten bietet die Sozialwissenschaftlerin Marlies Winkelheide (63). Sie hat in Worphausen bei Bremen eine „Geschwisterbücherei“ gegründet, die es so in Deutschland kein zweites Mal gibt.
Tausende Titel umfasst die seit 2009 bestehende Bibliothek mit Werken, die größtenteils aus Winkelheides persönlichem Besitz stammen. Die Bücherei hat sie nach dem polnischen Arzt, Kinderbuchautor und Pädagogen Janusz Korczak (1878-1942) benannt, der für sie leuchtendes Vorbild ist. Gesammelt hat sie Bilder- und Ratebücher, Märchen, Romane und Erzählungen, Biografien und natürlich Sachliteratur. Im Mittelpunkt immer Geschwister, einige Hundert Regalmeter lang. Gerade wird der Bestand für einen Onlinekatalog digitalisiert. Finanziert wird die Bibliothek von privaten Spenden und Stiftungsgeldern.
„Ein besonderer Schwerpunkt sind Kinder- und Jugendbücher, die sich mit sozialen Fragen befassen“, sagt Winkelheide, die seit 30 Jahren in Seminaren mit den Geschwistern behinderter Kinder arbeitet. „Das ist unser Ort“, schwärmt deshalb auch der Bremer Christian Rhodenburg, dessen Schwester Constanze behindert ist. Der 16-Jährige ist Stammgast in dem Haus, das längst mehr ist als eine Bücherei. Es hat sich zum Zentrum für die Geschwisterarbeit entwickelt.
Im Streit soziale Kompetenzen erwerben
Rhodenburg kommt also, um andere Geschwister zu treffen und natürlich, um zu schmökern. In den Regalen warten Geschichten, in denen es auch um typische Geschwisterklischees geht: um die hinterhältige Petze, das verhätschelte Nesthäkchen, die pflichtbewusste große Schwester, das leidende Sandwichkind.
Geschwister sind Sparringspartner, so viel steht fest. Im Streit und in der Versöhnung versuchen sie sich an den sozialen Leitplanken der Gesellschaft. „Ihre Beziehung ist eine Spielwiese, auf der unzählige soziale Kompetenzen erworben werden“, sagt der Münchner Entwicklungspsychologe, Frühpädagoge und Familienforscher Hartmut Kasten, dessen Werke natürlich auch in der Bibliothek vertreten sind.
Doch das Übungsfeld wird kleiner, die Spezies der Geschwister seltener. Viele Paare hätten gar keine Kinder mehr, sagt Kasten. Und unter den Familien mit Kindern hätten 51,5 Prozent nur einen Sohn oder eine Tochter.
Steuern wir also auf eine Welt verzogener Individualisten zu? Die das Pech-und-Schwefel-Gefühl solidarischer Geschwister gegenüber den Eltern nie kennengelernt haben? Keine Panik, rät der 66-jährige Experte Kasten, der in seiner beruflichen Laufbahn etliche Geschwisterbeziehungen analysiert hat. Einrichtungen wie Kindergärten seien als soziales Übungsfeld längst wichtiger. Ohnehin gebe es typische Charaktereigenschaften von Einzelkindern „so gut wie gar nicht“.
Typische Einzelkinder gibt es nicht mehr
Tatsache ist allerdings, dass Einzelkinder anders aufwachsen. Sie müssen oder können nichts oder nur wenig teilen, das gilt für Spielsachen genauso wie für Kummer oder Freude. Geschwister müssen sich dagegen früh in Verzicht üben, besonders, wenn es Geschwister behinderter Kinder sind. „Ein behindertes Kind in der Familie braucht besondere Zuwendung“, sagt Kasten.
Christian Rhodenburg kennt das. „Es gab deutlich weniger Aufmerksamkeit, das war belastend“, erinnert er sich an vergangene Jahre. Sein Freund Max Pagel (14), der einen behinderten Bruder hat, ist in dieser Situation still geworden, hat lange Zeit kaum etwas gesagt. Das ist mittlerweile besser, auch durch die Seminare von Marlies Winkelheide und die Bücherei, zu der zwei Handpuppen gehören: ein böser und ein guter Drache. Mit ihnen kann Max einen Streit inszenieren, wie er manchmal auch in seinem Innersten rumort: Sag ich was – oder sag ich nichts?
„Das Besondere an der Geschwisterbeziehung ist das Schicksalhafte“, urteilt Entwicklungspsychologe Kasten. Geschwister könne man sich eben nicht aussuchen, Beziehungen zu einem Bruder oder einer Schwester nicht beenden wie etwa eine Freundschaft. Sie seien aber ein hohes Gut und müssten gehegt und gepflegt werden. Mit der Janusz-Korczak-Geschwisterbücherei in Worphausen hat Marlies Winkelheide einen Ort geschaffen, an dem genau das geschehen soll.
Dieter Sell/epd
Geschwisterbücherei
Die Janusz-Korczak-Geschwisterbücherei (Worphauser Landstraße 51 in 28865 Lilienthal, Telefon 0 42 08/89 56 10) ist ein Ort für alle, die sich für das Zusammenleben von Menschen interessieren. Ein besonderer Schwerpunkt sind Kinder- und Jugendbücher, die sich mit sozialen Fragestellungen befassen.
Die Geschwisterbücherei ist eine Präsenzbücherei, in der sich alle aufhalten können, die Lust haben, in diesen Büchern zu stöbern und zu lesen.
Öffnungszeiten:
Montag 12 bis 18 Uhr, Dienstag 17 bis 20 Uhr und jeden ersten Sonntag im Monat von 10.30 Uhr bis 16 Uhr mit Vorlesen und Kinderbetreuung. Weitere Öffnungszeiten können nach Absprache vereinbart werden. E-Mail: marlies.winkelheide@t-online.de