Marny Münnich - Ausschnitt aus Mondstilleben
Rachel fragt mich schwere Dinge. Zum Beispiel, was ich mir
zu essen wünsche. Rachel sagt, dass sie gerne Tomaten isst.
Manchmal am liebsten mit Basilikum. Oder Balsamico. Auf
jeden Fall mit etwas, das ich nicht kenne. Sie sagt auch, dass
sie gerne Kohlrabi isst. Und dass Berliner Brot ihr Lieblings
brot ist. Sie scheint sehr viele Dinge zu kennen, die ich nicht
kenne. Aber sie gibt mir von allem zu probieren. Nicht alles
schmeckt gleich gut, aber ich möchte ihr nicht das Gefühl ge-
ben, dass ich Basilikum oder Balsamico nicht mag. Am liebs-
ten hätte ich, dass die Tomaten immer reif sind. Und dass die
Zeit nicht um geht.
Es ist nachmittags und es regnet. Wir sitzen zusammen
am Küchentisch. Rachel blättert in einer Zeitschrift. Ich sitze
daneben und versuche, den Moment abzulichten. Mit jedem
Augenaufschlag habe ich das Gefühl, das friedliche Bild bes-
ser abpausen zu können. Mit jedem Augenaufschlag habe
ich Angst, dass es in mir verbleicht. Ich versuche, nicht so viel
Licht an die inneren Bilder zu lassen. Und doch verschwim-
men sie in Sepia-Tönen. Ich schaue raus und beobachte den
Regen an der Fensterscheibe. Rachel steht auf, und ich versu-
che, meinen Blick nicht vom Regen abzuwenden. Manchmal
paust der Regen seine Tropfen auf die Augen.
In dem Moment gleichen meine Augen mehr Tintenfäs-
sern als Organen. Sie sind vollgefüllt. Vollgefüllt mit Tinte,
mit denen man Hunderte Briefe über die Liebe schreiben
könnte, wenn man ihr begegnet. Und wenn ich Rachel an-
schaue, dann ist sie in dem Moment wie eine Feder. Ihr Fe-
derkiel berührt mich. Aber ich denke, dass mir heute nicht
nach allzu viel Berührung ist. Ich lasse die Kalligrafie und ent-
scheide mich, dass sich die Dinge heute lieber nicht in mir ab-
zeichnen, mit denen ich nicht umgehen kann. Ich möchte an
vieles nicht denken. Aber etwas anderes zu denken oder gar
nichts, ist auch schwer.
Manchmal sind die Tage traurig. Manchmal bleiben sie
traurig, wenn man sich nicht ablenken kann. Manchmal
denke ich, dass an den schlimmsten Tagen das Ablenken
leichterfällt, weil die innere Bedrohung so groß ist. Und sind
die schlimmen Tage vorbei, dann hat man keine Kraft mehr,
um glücklich zu sein. Erst dann wird man traurig. Und dann
ist die Nähe zur Traurigkeit paradoxerweise eine weitaus
größere Gefahr. Früher gab es Tage, die musste man überle-
ben. Und erst an dem Tag nach dem Überleben wurde man
traurig. Nachdem der Lebenswille 42 km gelaufen war. An
den Tagen danach hat die Seele einen Muskelkater. Vom
Überleben. Und ist schwach. Und dann kann man selbst die
Traurigkeit nicht mehr zurückhalten. Sie sucht ihr Sprach-
rohr in den Augen. Ich glaube, die Traurigkeit macht das,
weil gerade die Augen eine sehr kleine Körperstelle sind und
die Augenlider sehr leicht, nahezu die schwächste Stelle am
Körper sind. Sie haben dann keine Chance, die Traurigkeit
abzuschirmen und sie nicht zum Ausdruck zu bringen. Die
Seele schafft es, 42 km/h zu laufen. Aber beim Auslaufen auf
den 100 Metern danach, da überkommt einen die Erschöp-
fung wie ein Platzregen.
Rachel steht auf, und ich weiß, dass heute so ein Tag da-
nach ist. Und dass ich sie nicht anschauen möchte, um nicht
traurig zu sein. Das wäre nicht angemessen. Rachel sagt, Trä-
nen sind eine angemessene Reaktion auf unangemessene
Dinge, die einem widerfahren. Das verstehe ich nicht. Aber
als sie aufsteht, sagt sie, dass sie das Waffeleisen holen will.
Wir werden Waffeln machen. Ich bin sehr froh, dass ich bei
Rachel sein darf. Wir werden die Traurigkeit heute einfach
ausbacken.
Sie rührt den Teig aus vielen Eiern, Mehl und etwas Zu-
cker, Butter und Backpulver. Es sind Zutaten für Waffelher-
zen, sagt sie. Ich glaube es ihr und versuche, mir alles genau
zu merken. Ich will nicht mehr fort von hier. Aber wenn es so
sein wird – ich möchte nicht daran denken –, dann könnte ich
das Rezept nachmachen. So wie alles, was sie mir zeigt. Ich
würde alles nachmachen. Weil ich so viel Hunger auf die Er-
fahrung habe, Dinge zu beobachten, abzugucken und lernen
zu dürfen. Und ich würde ein neues Rezept haben, wie man
das Leben am besten ausbäckt. Wir tauchen gemeinsam den
Schöpflöffel in den Teig und er verschwindet wie ein Ge-
danke, den man nicht haben will. Also lasse ich auch meine
traurigen Gedanken in einem Waffelteig verschwinden. Es
ist im wahrsten Sinne ein Tag voller guter Zutat. Weil wir et-
was Wichtiges zu meinem Leben dazutun. Rachel und ich
setzen uns um das Waffeleisen, und wenn ich genau rieche,
dann kann ich noch den Duft längst gebackener Waffeln rie-
chen. Das Eisen wird warm und wir sitzen darum wie zwei
Menschen um ein Lagerfeuer. Dann nimmt Rachel wieder
den großen Schöpflöffel und taucht ihn aus dem Teig. „Wir
machen das zusammen“, sagt sie, und gemeinsam halten wir
den Löffel und gießen ihn vorsichtig in die heißen Waffelher-
zen. Die Herzen knistern. Dann machen wir das Eisen zu und
es scheint sich zu freuen. Jedenfalls macht es ein vergnügli-
ches Geräusch. Dann warten wir. Rachel wie immer in einem
Schneidersitz. Und ich auf meinen Füßen, indem ich nahezu
sitzend über dem Boden schwebe. Aber eben nur nahezu. In-
dem ich meine Beine umarme und mich davor hüte, dass
mein Popo dabei den Boden berührt. Das kann ich gar nicht
gut vertragen. Also balanciere ich mich aus, indem ich mei-
nen Kopf auf meine Knie lege. Die Waffel kann man nun
schon riechen, ohne sie zu sehen. Mit der Gewalt ist es ähn-
lich. Wir warten, bis das kleine Licht auf dem Eisen signali-
siert, dass die Waffel fertig ist. Gemeinsam öffnen wir die Ab-
deckung. Rachel schaut mich mit erwartungsvollen Augen
an. Meine tun es ihr gleich. Wie im Hintergrund bewegen
sich unsere Arme in die richtige Richtung. Wir schauen uns
beide erwartungsvoll an. Wir tun das synchronisiert mitei-
nander, und das ist eine schöne Erfahrung. „Mit Vorfreude“,
sagt Rachel und ihre Augen funkeln. Es ist fast so, als würde
aus dieser Vorfreude, die sich wie eine Brückenverbindung
über das Waffeleisen legt, Puderzucker auf den Moment nie-
seln. „Wir machen das gemeinsam“, sagt Rachel. Wir ma-
chen das gemeinsam. Gemeinsam riecht für immer nach
frisch gebackenen Waffeln, denke ich. Und kein Herz bleibt
allein. In der Regel sind es meistens fünf. Auch wenn zu we-
nig Teig da ist, sind es immer noch fünf Herzen. Zwar nur
fünf halbe Herzen, was halbherzig erscheint, aber eben auch
keine vier oder drei, was viel schlimmer wäre. Vielleicht hat
auch ein Mensch fünf Herzen. Vier davon an andere Men-
schen zu verschenken, wie einen Kettenbrief, und eines, das
er an sein eigenes Leben hängen sollte.
Draußen regnet es noch immer. Manchmal kann sich Re-
gen wie ein Applaus anhören. Ein ganz zarter Wunsch nach
einer Zugabe. Ohne zu fragen, backt Rachel noch eine Waf-
fel. „Wir können das immer wieder machen“, sagt sie. Am
schönsten daran ist das wir.