N. N. (19 Jahre) Mama, weißt du noch …?

N. N. (19 Jahre)

Mama, weißt du noch …?

 

Mama, weißt du noch, als ich Angst hatte vor bösen Monstern in der Dunkelheit?

Du hast mich im Arm gehalten, getröstet, gestreichelt und gesagt:

Liebes, alles ist gut, Papa und ich sind da.

Wir passen auf dich auf, auch in der Nacht.

Fühle dich geborgen, behütet und bewacht.

Und ich schlief ein, ganz sanft und tief.

Meist noch während das Sandmännchen lief.

 

Mama, weißt du noch, als ich anfing Fahrrad zu fahren?

Papa schob mich an und ließ mich los.

Ich strampelte, taumelte und fiel.

Tränen, Blut und eine große Schürfwunde an meinem Knie.

Doch was du mir dann sagtest, das vergesse ich nie.

Schatz, du hast was für Leben gelernt,

manchmal, da fallen wir hin, doch wichtig ist,

dass wir wieder aufstehen, weitermachen

und später darüber lachen.

Die Bedeutung deiner Worte verstand ich erst viel später in meinem Leben.

 

Mama, weißt du noch, als ich meinen ersten Schultag hatte?

Trug eine Schultüte, die war genauso groß wie ich.

Du und Papa, ihr wart so stolz auf mich.

Endlich eine von den Großen, dachte ich mir.

Freute mich zu lernen und zu wachsen.

Bald schon bin ich erwachsen.

Zumindest glaubte ich das.

 

Mama, weißt du noch, als ich das erste Mal mit Liebeskummer nach Hause kam?

Ein Junge aus der 5a.

A wie Arschloch.

Er war einer von den „Coolen“ und ich war es zugegeben nicht.

Ich hörte, wie er Witze machte.

Um genau zu sein, über mein Gewicht.

An diesem Tag hatte ich zwei Erkenntnisse:

1. Jungs sind scheiße.

2. Ich muss einem Schönheitsideal entsprechen, um geliebt zu werden.

Spoiler nur Ersteres entpuppte sich als Wahrheit.

Als ich nach Hause kam und dir vom Tag erzählte,

umarmtest du mich fest und botst mir an, Eis essen zu gehen.

Doch ich lehnte ab; zu viele Kalorien.

 

Mama, weißt du noch, als ich mit meinen Freunden jeden Freitag auf die Demo ging?

Der Klimawandel machte uns Sorgen.

Das ist bis heute so, nur hat es leider an Aufmerksamkeit verloren.

Von vielen wurde das Thema behandelt wie ein schlechter Witz.

Denn wir waren schließlich nur die naiven Kids.

Vor allem die Erwachsenen wollten es nicht verstehen

und wir laut ihnen lieber in die Schule gehen.

„Das ist besser für eure Zukunft“, sagten sie.

 

Mama, weißt du noch, als ich fast zwei Jahre allein zu Hause war?

Eure Jobs waren systemrelevant.

Ich war es anscheinend nicht.

Eines Tages brach ich zusammen und

du warst zum Glück da, um mich aufzufangen.

Ich fragte dich, wie lässt es sich leben ohne Luft zum Atmen?

Und wie damals als kleines Kind

hast du mich im Arm gehalten, getröstet, gestreichelt und gesagt:

Du stehst das durch, mein Hase,

es ist nur eine Phase.

Diesmal klangst du aber verzweifelter.

 

Mama, weißt du noch, als ich endlich mein Abizeugnis in der Hand hielt?

Du und Papa, ihr wart so stolz auf mich.

Wie bereits vor 12 Jahren.

Jahre, die nicht immer einfach waren.

Doch ganz plötzlich war dann auch dieser Abschnitt vorbei.

Und ich jetzt endlich frei?

Na ja, ganz so war es eben nicht.

Denn ich hatte nie diesen einen Plan vom Leben.

Bislang hatte es ja auch immer die Schule gegeben.

Ich könnte Medizin, Jura oder Psychologie studieren,

Karriere als Schauspieler machen und es bis nach Hollywood schaffen.

Lehrer werden, um Kinder zu inspirieren,

Gedichte und Geschichten schreiben und auf Lesungen erzählen.

Ein Retreat auf Mallorca leiten und mich dort dann ganz frei entfalten.

Es gab hunderttausend Möglichkeiten.

Nur hatte ich keine Ahnung, welche davon die richtige war.

 

Mama, weißt du noch, als ich ausgezogen bin?

Mit schwerem Gepäck habt ihr mich zum Zug gebracht.

Du warst ein bisschen sentimental,

aber nach 18 Jahren ist das, glaube ich, auch ganz normal.

Du hast mich fest an dich gedrückt und gesagt:

Mein Schatz, jetzt bist du erwachsen, geh deinen Weg, mach Fehler und pass auf dich auf.

Und vergiss nicht, bei uns hast du immer dein Zuhaus.

Auch ich musste ein bisschen weinen.

Denn ich hatte Angst,

Angst vor der Zukunft, Angst vor der großen weiten Welt,

Angst davor, Entscheidungen zu treffen, Angst vor Einsamkeit

und vor allem Angst vor bösen Monstern in der Dunkelheit.

Doch ich wusste, es war Zeit zu gehen.

 

Mama, weißt du,

mit einer Sache hattest du unrecht.

Ich bin ganz sicher in den letzten Jahren an mir gewachsen,

aber noch lange bin ich nicht erwachsen.

Und doch auch kein Kind mehr;

irgendwas zwischendrin.

Oder besser gesagt, mittendrin im Leben.

Ich weiß noch nicht, wer ich bin und was ich will.

Habe viele Ängste und Sorgen,

nicht nur um mich, sondern auch um die Welt von morgen.

Doch hoffentlich kann ich einmal zu dir sagen:

 

Mama, weißt du noch, als mir alles ganz schön wichtig und angsteinflößend vorkam?

Und am Ende alles dann doch die richtige Wendung nahm.