Olaf Bröcker - Zeit (Ausschnitt aus 'Zauberhafter Hügel)
Zeit
Was ist Zeit? Wenn ein junger Mensch, kaum erst erwachsen, sozusagen oder auch wirklich in der Altersstufe Praktikum, wenn dieser Mensch reist, was ist dann Zeit? Sollte er sich einem Flugzeug anvertrauen, einem dieser weißen, neuerdings ob ihres Ausstoßes in Verruf geratenen Ungeheuer, um den Weg, den er nun einmal tun muss, zurückzulegen – würde seine Zeit dann kürzer sein, weniger schnell vergehen, als wenn er sich etwa eines anderen weißen Gebildes, pfeilförmig und rotbestreift, aber erd- und eisenverbunden bediente? Wäre, weil seine Reise ja nun länger dauerte, insgesamt die Zeit seines Lebens gespart, auch wenn man in Betracht zöge, dass er in den eisenbewegten weißen Pfeil einfach – einfach? – einsteigen könnte, während der Weg in den anderen, den abhebenden Gegenstand von einer Vielzahl von Kontrollen bewehrt ist, auch wenn man dies bedächte, würde die Lebenszeit dieses jungen Mannes verkürzt? Oder verlängerte sie sich, weil er nun mehr Zeit hätte, Freizeit sozusagen, die er frei nutzen könnte zu allerlei Zeit-vertreib – wäre dies ein Gewinn? Und sollte er, in unserer Zeit kaum noch erleb- und vorstellbar, etwa seine Füße nutzen, den Weg zu seiner neuen Aufenthaltsstelle zurückzulegen, den dann sehr langen Weg, keinen Kilometer länger nein, aber Stunden und Tage länger, wie nähme er die Zeit wahr? Wäre das Unternehmen für ihn ein Weg, auf den er die Zeit wahrhaft mitnähme, eine Reise in die und mit der Zeit, mit einem Wort, eine Zeit-Reise, und könnte er, so er die Reise auf diese Art und Weise, noch erdverbundener als mit dem schon erwähnten weißgelackten Eisenross, hinter sich brächte, in die Zeit sehen, sie zurücklassen, überholen oder zumindest einholen? Was ist Zeit?
Unser junger Mensch, nennen wir ihn erstmals beim Namen, unser Johannes wählte keine dieser Möglichkeiten, um seine erste längere Reise zu bewältigen, die erste seines Lebens, wenn man denn die Urlaube ausließe, die er natür-lich mit allen bereits genannten Verkehrsmitteln unter-nahm, aber diese sind ja zirkuläre Reisen, welche, die man unternimmt, um an den Ausgangspunkt zurückzukehren, ins alte Trotten und mitunter Hetzen zurückzufinden, das oft, ja meist ebenso kreisförmig anmutet, nein, diese Reise war die erste mit einem als dauerhaft anzusprechenden Ziel, insofern Dauer ja nun auch mit Zeit zusammenhängt und daher – aber wir verlassen das Thema. Unser junger Prakti-kant, denn das wünschte er für eine festgelegte Dauer, von der wir noch hören werden, zu sein, nutzte das üblichste Mittel, den Weg zurückzulegen, das Automobil, was deshalb eine weitere Neuerung für ihn war, als er ein solches gar nicht besaß und auch den Schein, der ihn zum Führen eines solchen berechtigte, erst seit kurzen Wochen sein Ei-gen nannte. Kurz gesagt, unser junger Mensch lieh sich ein Auto seiner Eltern, nämlich, wie in solchen Situationen und in seiner Gesellschaftsschicht üblich, den Kleinwagen seiner Mutter, und legte mit ihm die vielmal hundert Kilometer zurück zu dem Ort, an dem er sein Praktikum beginnen soll-te. Dies wollte er nun auch tun, da er, auch dies nicht unge-wöhnlich unter seinesgleichen, zwar die höchste Reifeprüfung mit einigem Stolz, vor allem dem seiner Eltern, abgelegt hatte, nun aber bezüglich des weiter einzuschlagenden Weges nicht nur unentschieden, sondern sogar leidenschaftslos geblieben war. Lediglich dem Umgang mit anderen Menschen, zumal denen in in irgendeiner Weise hilfsbedürftigem Zustand, brachte er ein gewisses Interesse und wohl auch eine diesbezügliche Begabung entgegen, auch wenn sein Abschlusszeugnis der Hoffnung, womöglich die Medizin zu seinem Metier machen zu könne, nur wenig, eigentlich gar nichts ließ, und so dachte er, wohlwollend und manches Mal geradezu drängend unterstützt von seinen Eltern, über andere, nicht mit dieser notenbewehrten Pforte versehenen Berufungen nach. Wiederum seine Eltern waren es dann, die den Cousin unseres jungen Mannes, den einige Jahre älteren Achim, behutsam auf das Tapet brach-ten und den Vorschlag anschlossen, er möge sich doch im Institut, in dem dieser bereits einige Abschnitte seines jun-gen Lebens zugebracht hatte, um ein Praktikum bemühen, möglicherweise fände er dort ja einen Anhaltspunkt zu seiner späteren Lebensweise. Und obwohl das von den Eltern keineswegs mit zu großer Hoffnung versehene Plänchen nur eines von vielen gewesen war, hatte er dies doch mit einem gewissen Nachdruck verfolgt und war tatsächlich als Praktikant in jenem Hause angenommen worden. Um dieses zu erreichen, wohlweislich jedes als möglich zu erachtende Hindernis aus dem Weg räumend, gab ihm die Mutter nebst einigen, uns allen wohlbekannten Ratschlägen, die in einem solchen Falle nun einmal zu erteilen sind, auch den Schlüssel zu ihrem Einkaufsgefährt mit den Worten:
„Er ist vollgetankt.“
Und so begab sich unser Held, denn so nennt man in einschlägigen interpretierenden Werken eben den Protagonisten einer Geschichte, und unser Johannes soll diese Rolle für unsere Geschichte einnehmen, mit dem roten, eher kastenförmigen Auto seiner Mutter auf die mehrere hundert Meilen lange Reise zu seinem neuen Lebensmittelpunkt, denn ein solcher sollte es für eine gewisse Frist nun einmal wer-den.
Er fuhr auf drei Wochen.