Rezension zur Anthologie „Wenn selbst der Plastikbaum stirbt“ von Klaus Todtenhausen (Vorsitzender des NABU Heidekreis)

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Rezension zur Anthologie „Wenn selbst der Plastikbaum stirbt“  von Klaus Todtenhausen (Vorsitzender des NABU Heidekreis)

In früheren Zeiten, genauer gesagt, im 18. Jahrhundert, nahmen Dichter die Betrachtung der Natur und des Universums zum Anlass, das Lob der Schöpfung und damit das Lob Gottes anzustimmen. In der Goethezeit löste das Erleben der Natur oft die Fesseln, mit denen das Ich an die Gesellschaft gebunden war. Für die Romantiker war die Waldeinsamkeit der Maßstab ihrer Weltfremdheit und die Natur der Zeichenraum, mit dem sie sich ihre Gefühlswelt deuteten. Und in der Nazizeit bildete die Natur einen Rückzugsraum für die Poeten der inneren Emigration, in den sie sich vor den Zwängen und Grausamkeiten des Regimes zurückziehen konnten, ohne in offe-nen Widerstand zu treten.
Und heute? Kann die Natur uns noch Trost sein oder Zufluchtsort? Oase der Sehnsucht oder Raum des seelischen Reifens? Liest man die Gedichte der Anthologie „Wenn selbst der Plastikbaum stirbt“, die der Geest-Verlag dieses Jahr veröffentlicht hat, dann sind grundlegende Zweifel geboten. In dem Sammelband haben sieben Lyriker*innen, die bereits Gedichtbände in dem Verlag veröffentlicht haben, im Dialog oder auch im Widerstreit mit jeweils einem von ihnen ausgewählten Partner sich auf je unterschiedliche Weise mit dem Thema Mensch – Natur auseinandergesetzt. Bei den sehr eigenen Sicht- und Sprechweisen überwiegt der Tenor, dass die Menschheit Raubbau an den natürlichen Ressourcen betrieben und der Natur schweren Schaden zugefügt hat. Klimakatastrophe und Artensterben sind in aller Munde, aber wie kann lyrisches Sprechen neben wissenschaftlichen Befunden oder Presseberichten darauf reagieren? Das Gedicht „Todesstoß“ von Anna Hackstedt, aus dem der Titel der A-thologie stammt, lautet:
„Wenn selbst der Plastikbaum stirbt,
ist endlich klar:
Wir haben den Absprung
verpasst.“

Das durchaus ironisch getönte „Sterben“ des Plastikbaums überträgt einen Moment der lebenden Materie auf das Unbelebte. Wenn selbst das Artefakt, das hässliche Zerrbild eines Baums, auf diesem Planeten zum Untergang verdammt ist, ist es zur Umkehr längst zu spät. Ein Echo dieses Gedankens findet sich dann bei Thomas Bartsch, in dessen Gedicht „Wachstumsmotto“ lakonisch notiert ist:
„Nachzudenken
Über Klimaschutz

Lohnt sich erst

Wenn es sich
Für den Klimaschutz

Nicht mehr lohnt.“
Heutzutage dominiert wieder das ökonomistische Denken, das einseitig auf Wirtschaftswachstum setzt, und dem die Kosten des Klimaschutzes immer zu hoch sind, auch wenn die Kosten der Klimakatastrophe diese bei Weitem übersteigen (werden). Wer erst anfängt, über Klimaschutz nachzudenken, wenn Klimaschutz nicht mehr möglich ist, kommt nicht nur zu spät, er führt das Nachdenken über das Problem auch ad absurdum, wenn die Lösung sich bereits verflüchtigt oder aufgelöst hat.

Gedankenlosigkeit, Ignoranz und Wegsehen sind die typischen Wegbegleiter auf dem Pfad in die denkbare planetare Katastrophe. In Holger Küls „Gartenrotschwanz“ heißt es:

Früher ein häufiger Besucher.
Nun ein Glücksfall im Garten.
Versteckt im Gesträuch.

Das hat mit Aufräumen zu tun,
dem kurzen Rasen,
einer Konifere.

Wir sehen dem Verschwinden zu.
Gedankenlos.

Der nördliche Riesenkolibri
Ist kein Ersatz.

Beim nördlichen Riesenkolibri denkt man zunächst, dass es sich dabei um eine Fantasieart oder einen Widerspruch in sich handelt, denn die Kolibris sind klein, und die zu den Kolibris zählende Bienenelfe ist sogar der kleinste Vogel der Welt. Aber tatsächlich gibt es diese Art, wenn auch erst seit 2024, als man diesen in den peruanischen Anden lebenden Standvogel aufgrund seiner genetischen und ökologischen Unterschiede zum Südlichen Riesenkolibri zur eigenständigen Art erklärte. Aber für eine in Europa verschwindende Art kann dies kein Ersatz sein. Allerdings zählt der Gartenrotschwanz nicht zu den gefährdeten Arten, auch wenn die Bestände stark rückläufig sind. Im Gegensatz zu seinem Verwandten, dem Hausrotschwanz, der sehr häufig in Haus und Garten zu sehen ist und dessen leicht schnarrender Gesang oft vom Dachfirst ertönt, lebt der Gartenrotschwanz eher in lichten Laubwäldern oder an Waldrändern, wo er ältere Baumbestände vorfindet, die in Gärten selten geworden sind. Möglicherweise ist er ein Opfer des Wütens von Mähroboter, Freischneider und Motorsäge, mit dem der ordnungsspießige deutsche Freiflächenbearbeiter (Gärtner darf er nicht heißen) seine Wut über das freie Wachstum von Pflanzen und das nicht reglementierbare Verhalten von Wildtieren auslebt.

Einige von Sigune Schnabels Gedichten sind dagegen wirklich ausgestorbenen Tieren gewidmet, wie dem Mammut, dem Auerochsen oder der Felsengebirgsschrecke. Der Tod ist in diesen Gedichten allgegenwärtig:

Silphium
[…] 
Meine Wurzeln wachsen bereits ins Grab
[…] 
Mein Wiegenlied ertönt wie Totengeläut.

Symbolisiert wird dieser Gleichklang von Geburt und Tod im Ei, das der von Seefah-rern und Jägern im 19. Jahrhundert brutal ausgerottete Riesenalk „zum Abschied“ hinterlässt: eigentlich der Beginn eines Lebens, hier gleichzeitig sein Ende, weil kein Vogel mehr da ist, der es ausbrütet.

Sie kannten den Abschied
In verschiedenen Klängen.
Meiner bestand aus einem Ei.

Aber es ist nicht nur das zügellose Ausrotten von Tierarten, die mensch bis zum Erlöschen ausnutzt, ob es nun um tierische „Produkte“ (ein Unwort!) wie Fleisch und Daunen geht oder darum, dass man ihre Lebensräume so verkleinert, zerstückelt oder vernichtet, dass ihnen kein Platz zum Überleben mehr bleibt. Auch sonst verheert, verbrennt, verletzt der Mensch als katastrophenproduzierende Spezies den Planeten, der zum Überleben aller Arten conditio sine qua non ist:

aber jetzt
leben wir auf ein morgen
auf messermanns klinge

wir stehen 
auf der schneide des sonnenbeils
die weitenwunde liegt offen

Ulrike Maria Hille verdoppelt hier gewissermaßen die Redewendung „auf Messers Schneide“. Wenn dies nach einer zwar kritischen, aber am Ende offenen Situation klingt, die man mit Energie und Rasanz noch meistern kann, so kann man das „auf messermanns klinge“ und „auf der schneide des sonnenbeils“ vergessen. Was uns morgen bevorsteht, wird von Klinge und Beil messerscharf bestimmt. Die Wunde wird sich nicht mehr schließen. Oder sollen wir immer noch dem Glauben huldigen, der in Wagners Parsifal lautet: „Die Wunde heilt der Speer nur,/ Der sie schlug.“?

Die an dieser Stelle ohne qualitative Bewertung getroffene Auswahl aus der Anthologie soll lediglich exemplarisch zeigen, auf wie vielen eigenen Wegen und mit je un-terschiedlichen dichterischen Mitteln sich die Autor*innen mit Mensch – Natur – Umwelt auseinandersetzen und zu welchen Befunden sie kommen, sei es in eher spröde aphoristischen Texten oder im verrätselten Bild. Das eine schlägt als kleine Denk-bombe im Gehirn auf, das andere verführt zum Entschlüsseln. Beides könnte dazu beitragen, dass Leser*innen dazu angestoßen werden, die existentiellen Themen wie Klimakatastrophe und Artensterben endlich so wichtig zu nehmen, dass es nicht nur zu einem Bewusstseinswandel kommt, sondern auch zum Umkehren, zu Handlungs- und Lebensstilveränderungen. Die Einsicht soll reifen, dass man sich auf Dauer nicht mit dem von Gottfried Benn stammenden Slogan „Hab Rente im Herzen und Höhen-sonne im Haus“ um die drückenden Probleme herummogeln kann. Und dass das Wünschen eines entspannten Tages „auf der schneide des sonnenbeils“ keinen Sinn mehr macht.


Klaus Todtenhausen
(Vorsitzender des NABU Heidekreis)