"Schweigen ist der größte Graben" Ein Lesebericht zu Marny Münnichs Roman "Mondstillleben" von Philipp Létranger
"Schweigen ist der größte Graben"
Ein Lesebericht zu Marny Münnichs Roman "Mondstillleben"
Wieviel Gefühl, wieviel von sich selbst kann man den Menschen zumuten? Das ist eine der zentralen Fragen, die mir in Marny Münnichs Debütroman "Mondstillleben" immer wieder begegnet sind. Die Erzählstimme im Roman jedenfalls mutet den Lesern und mir eine Menge zu, jede Menge Gefühl, Bilder und Poesie, und die Bereitschaft, sich vertrauensvoll auf ungewohnte Sichtweisen einzulassen.
Ich fand den Roman, der schon 2025 im Geest-Verlag erschienen ist und bisher möglicherweise viel zu wenig beachtet worden ist, mitreißend. Bis zum Schluss war ich gespannt, wo und wie die Reise der Ich-Erzählerin enden wird. Verständlicherweise kann ich das hier auch nicht verraten.
So viel darf ich aber sagen: Die Ich-Erzählerin schildert die Erfahrungen, die sie macht, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben einem Menschen begegnet, der sie – eine körperlich und psychisch eingeschränkte Person – in seinem Leben willkommen heißt. Wir werden Zeuge eines Entwicklungsprozesses, der die heilsame Macht menschlicher Beziehungen offenbart.
Ist so viel Glück zumutbar und glaubhaft?
Ja, denn Marny Münnichs Erzählerin verschweigt auch die dunkle, zerstörerische Seite menschlicher Beziehungen nicht. Das klingt dann z. B. so: „Manchmal weiß ich, dass ich auch besser eine Murmel geworden wäre. Dann wäre aus mir keine Schande geworden. Ich habe mich bei meinen Eltern dafür entschuldigt, dass ich eine Schande statt eines Kindes geworden bin, aber ich glaube, sie haben die Entschuldigung nicht angenommen.“
Wie wunderbar, hier auch zu lesen, dass eine Beziehung niemals eine Einbahnstraße ist. Wenn sich zwei Menschen näherkommen, können sie ihre Gefühle und Verletzungen nicht dauerhaft für sich behalten. Jeder kann für jeden heilsam sein; wenn das gelingt, profitiert auch die vermeintlich stärkere, gebende Person.
Marny Münnichs Erzählstil ist packend, voller unverbrauchter Bilder und Gedanken:
Nach und nach verlassen Menschen den Saal und strömen wie geschlüpfte Schildkröten Richtung Abend, Richtung Meer. Sie springen hinein in die Fluten von Licht aus Straßenlaternen und Leuchtreklame.“
„Es ist manchmal mit der Sprache wie mit einem kleinen Teelicht, das um das Überleben in einem immer weniger werdenden Wachs kämpft. Es verdurstet förmlich.”
„Im Endeffekt muss man glücklich sein, bevor der Applaus kommt. Sonst vertut man sich bei der Ursache des Glücks.“
„Neue Gefühle brauchen Zeit, um sich zu entwickeln. Wie ein Milchreis. Der braucht auch viel Zeit. Und Zimt.“
„Schweigen ist der größte Graben, den Menschen bauen können.“
Wer keine Bange davor hat, mitzufühlen und sich hier und da wiederzuerkennen, dem lege ich dieses Buch als Sommerlektüre ans Herz. Vielleicht denkt ihr dann wie ich: "Na, das wird doch hoffentlich nicht das Letzte gewesen sein, was ich von Marny Münnich zu lesen bekomme!"