Weitere Stellungnahmen zum Beitrag 'Klima - kein Thema mehr' von Alfred Büngen

 
Klaus Todtenhausen
 
1. Vorsitzender des NABU Heidekreis
     in Niedersachsen

"Als Vorsitzender eines Umweltverbandes, der regelmäßig Stellungnahmen zu Bauleitplänen und Infrastrukturprojekten schreibt, kenne ich die Frustration gut genug: die Stimme der Natur, der Umwelt, des Klimas hat kein Gewicht gegen die Sucht, noch mehr "Wohlstand", noch mehr Steuereinnahmen, noch mehr Gewerbe- und Baulandentwicklung zu betreiben. So, als wären dem Wachstum keine Grenzen gesetzt. Argumente für weniger Bodenversiegelung, für Arterhalt, für Verschonung wichtiger Wald- und Moorflächen werden nicht gehört, nicht ernst genommen, mit Floskeln und dürren Textbausteinen weggewogen. Soeben komme ich von einem Gespräch mit Stadtplanern der Stadt S. zurück, bei dem es um ein 100 ha großes neues Gewerbegebiet geht, und mein Resümee lässt sich auch mit der letzten Strophe des Gedichts von Herbert Zucchi ausdrücken. Es ist genug (gelitten)! Dass diese Anti-Klima- und Anti-Umwelt-Attitüde auch auf die Ebene der Literatur durchschlägt, verwundert noch nicht einmal in einer Zeit, in der sich noch das unbedeutendste Ich spreizt und aufbläst und sein eigener Fokus und sein eigenes Weltall darstellt. Jedoch sollten wir trotz alledem nicht resignieren. Hier wie dort, ob kritische Stellungnahme oder (an-)klagendes Gedicht, kommt es auf das Gegenwort an, "das Wort, das den "Draht" zerreißt, ein Wort, das sich nicht mehr vor den "Eckstehern und Paradegäulen der Geschichte" bückt, es ist ein Akt der Freiheit. Es ist ein Schritt." (Paul Celan, Der Meridian)

********************************************

Lieber Alfred,
ganz herzlichen Dank für Deine Überlegungen zum Klima. 
Ja, dieses Thema fällt momentan hinten herunter, obwohl uns die Hitze geradezu mit der Nase darauf stößt.
Aber - es gibt andere Probleme, so heißt es. 
Nicht einmal Notfallpläne sind vorhanden. Anders in unserem Nachbarland Frankreich. Dort sind die Kommunen angewiesen, ab bestimmten Temperaturen
alleinstehende Menschen zu kontaktieren, usw.
Aber: mit der staatlichen Fürsorge haben wir es ja zu weit getrieben in diesem Land. 
Man muss aufpassen nicht vollends zu verbittern.
 
Deshalb ist gut, dass Du mit Deinem Text die AutorInnen anregst, sich mit dem Themakomplex auseinanderzusetzen. Das hat gewissermaßen "Tradition": Ich erinnere mit gerne daran, als Du während Corona gebeten hast, Texte zuzuschicken - damals sicher auch um diese schwierige Zeit zu überbrücken.

Dieter Krenz
 
*********************
Ich denke, jeder sollte sich angesprochen und betroffen fühlen - ich bin es, aber das ist mir schon seit langem klar.

Auch ich mache noch immer zu viele Wege mit dem Auto statt dem Fahrrad, fahre Motor- statt Segelboot und fliege mit dem Flugzeug, wenn auch sehr selten.

Wenn  jedoch jeder seinen kleinen Teil beiträgt, wäre schon viel geholfen, aber ich denke andererseits, man kann und sollte dem Einzelnen nicht alles vergällen.

Was die Industrie und die Politik mit der Natur anstellt, wiegt in der Tat weitaus schwerer. Ich bin schon lange bereit, meinen Teil - auch finanziell - zu leisten, wenn es um erneuerbare Energien geht, Kraftwerke mit fossilen Brennstoffen oder gar AKW's haben ihre Zeit gehabt und wenn jetzt darüber nachgedacht wird, einen oder mehrere Schritte zurückzumachen, ist das einfach falsch! Dieses Bewusstsein ist jedoch bei weitem noch nicht bei jedem angekommen. Man darf aber auch die nicht verurteilen, die sich z.B. teuren Strom oder Biogas finanziell gar nicht leisten können - und auch hier ist die Politik wie auch die Industrie gefordert.

Warum wird denn Solarenergie oder Windkraft nicht in dem Maße unterstützt, wie es notwendig ist? Warum gibt es nicht auf allen Hochhausdächern Solaranlagen? Und warum gibt es Bundesländer, die sich vehement gegen Windkraftanlagen wehren?

Zur Beruhigung meines eigenen schlechten Gewissens kompensiere ich - und das regelmäßig. Bei Spaziergängen am Strand wird immer Müll gesammelt, beim Autofahren bin ich schon längst bei einem eigenen Tempolimit angekommen (100 Km/h auf Autobahnen reicht völlig) und auch mit dem Boot sind wir spritsparend und somit emissionsreduziert unterwegs. Ja ja, es sind nur die kleinen Dinge, aber wenn es jeder machen würde, dann wäre es in der Summe schon ein Erfolg.

Bernhard

 

****************************

Hier noch einmal die Erklärung von Alfred Büngen

In dieser Woche die Regierungserklärung des Kanzlers. Im Mittelpunkt: der Kauf neuer Vernichtungsmittel aus den USA, offensichtlich eine Beruhigungstablette für den amerikanichen Präsidenten. Daneben jedes auch nur angedachte Reförmchen in aller Ausführlichkeit. Und das Thema Klima-Entwicklung - nicht ein Wort. Offensichtlich reichen selbst die sich selbst überholenden Hitzerekorde, die Meldung über steigende Todeszahlen aufgrund der Hitze nicht mehr aus, um die Notwendigkeit radikaler klimatischer Maßnahmen zu forcieren.

Und die Presse? Sie mahnt nur in Ausnahmefällen an, macht die Menschen darauf aufmerksam. Einen Journalisten darauf angesprochen, bekomme ich zur Antwort: Unsere Berichte richten sich nur nach Klickzahlen unserer Leser. So verschwindet die Klimafrage immer stärker aus dem öffentlichen Bewusstsein, die Zahlen der Flugpassagiere steigen immer weiter und ein Kreuzfahrtschiff nach dem nächsten kommt aus den Werften: Umweltvernichtung als Naturerleben verkauft, die bezahlten Berichte und Fernsehsendungen der Freizeitindustrie nimmt die mediale Berichterstattung gerne mit. So schwindet nach und nach ein öffentliches Bewusstsein gegenüber der Natur, das sich in den vielen Jahren zuvor aufgebaut hatte. Die Abschaffung des Heizungsgesetzes wird als Sieg der individuellen Freiheit gefeiert und nicht als ein weiterer Schritt in die Verhinderung alternativen Energieaufbaus gesehen. Nur noch ein kleiner Schritt zum Neuaufbau von AKWs, wenn wir doch schon neue Gaskraftwerke bauen. Von der täglichen Vernichtung der biologischen Vielfalt spricht kaum noch jemand, umsomehr kann man von Politik und Wirtschaftsverbänden von der Vereinbarkeit von Ökonomie und Ökologie hören, wenn gerade auch auf regionaler Ebene mal wieder ein Stück Natur vernichtet wird.

Und die Literatur: Sie verhält sich nicht anders. Umweltgedichte sind nicht gefragt. Die will doch niemand hören, kann man immer häufiger von Veranstaltern hören. Lieber feinsinnige Lyrik übers ICH mit all seinen Verästelungen.

An dieser Stelle sei noch einmal der Satz von Rosa Luxemburg zitiert: Unpolitisch sein heißt politisch sein, ohne es zu merken.

Literatur hat eine gesellschaftliche Aufgabe. Sie steht auch in der Verpflichtung, ein Bewusstsein der Menschen gegenüber der Natur aufzubauen und aufrecht zu erhalten. Aus dieser Aufgabe dürfen wir die Literatur nicht entlassen. Die dramtische Entwicklung des Klimas macht es jede Sekunde stärker notwendig. Bewusstsein gegenbüber der Natur heißt auch, einen wesentlichen Schritt in den Erhalt der gesellschaftlichen Freiheit zu machen, denn gegen die Natur wird der Mensch nicht existieren können, liefert er sich doch sonst dem Untergang seines freien gesellschaftlichen Handelns aus.

Herbert Zucchi mahnt es in einem seiner Gedichte deutlich an:

Stilles Sterben

 

Ein stilles Sterben geht durchs Land,

die Welt wird immer grauer.

Wo gestern man noch Vielfalt fand,

steht heute eine Mauer.

 

Wir leben hier in Saus und Braus

und handeln ganz vermessen.

Wir rotten viele Arten aus

und haben‘s schnell vergessen.

 

Wir halten uns als einzge Art

für kreativ und weise.

Wir spielen einen bösen Part

auf unsrer Lebensreise.

 

Hörst du die vielen Schreie nicht,

die uns um Hilfe bitten?

Es ist, als ob die Landschaft spricht:

Es ist genug gelitten!

 

Reaktionen sind herzlich willkommen!