Leseeindrücke von Jutta v. Ochsenstein zu Frank M. Fischers Buch 'Von der traurigen Unmöglichkeit zu bleiben'

„Ich weiß nicht mehr, wer das war, dort am Klavier, nur noch, dass ich es nicht mehr war.“ (S. 106) sagt der Klavierspieler nach seinem Konzertauftritt. So könnten die meisten Personen in den 10 Kurzgeschichten sich äußern über ihre ver-rückten, das heißt Normen sprengenden Handlungen. Mit großartiger Kenntnis und Einfühlung erzählt Frank Maria Fischer von Menschen in innerer Not. So skurril manche Person dabei auch erscheint, es bleibt immer ein sympathischer Bezug bestehen. Nie steht etwas Pathologisches im Vordergrund, sondern immer das tief menschlich Verbindende.

Die titelgebende Geschichte „Von der traurigen Unmöglichkeit zu bleiben“ spricht von der  „Gernweh-Krankheit“ eines in Gedanken verlorenen Ichs: “Du denkst über etwas nach, aber nur um zu verschwinden. Du bleibst nicht. (…) Gedanken sind für dich Boote, die traurige Segel haben.“ (S. 10).

 

Fast alle Short-Stories bestehen aus Dialogen. Die Personen ringen um Erkenntnisse über sich selbst, über den Anderen, über das Verhältnis von Wirklichkeit und Vorstellung oder über das „Raunen des Zufalls“ (S.70). Hier trifft der philosophische auf den psychotherapeutischen Hintergrund des Autors, ohne gängige Fachbegriffe und Diagnosen zu benutzen. Viele Fragen bleiben offen, was zur literarischen Qualität des Buches gehört.

Neben dem Dialogischen ist feiner Humor eine tragende Säule der Erzählweise:“Wer ankommen will, (…) der braucht nur vor die Tür zu gehen.“ (S.32) Das geht bis ins freche  Komische: „und beugte sich plötzlich so sehr über den Schreibtisch, dass ich Angst hatte, dass sein eingequetschter Bauch platzen könnte.“ (S. 81).

 

Weitere Motive sind Kunst und Gesellschafts-Politisches. So im fiktiven Dialog mit dem 1982 verstorbenen Pianisten Glenn Gould in „Das Chopin-Problem“ oder in der Geschichte „Schulmusik“, in der ein Schüler beim Klavierkonzert über sich hinaus wächst. In „Welcome to Joe-Town“ wird der Nationalsozialismus erwähnt und über Deutschland gesagt: „es erhole sich nur langsam von der Verzweiflung an sich selbst.“ (S. 73). Die Geschichte „Das andere M-Wort“ konfrontiert  „Mr.P.“ (President?) als geldgierigen Machthaber mit seiner Kindheit und Sehnsucht nach einer Mutter.

 

Das Buch ist eine Bereicherung, getragen von dem Wissen des Autors um die widersprüchliche Vielstimmigkeit unseres Inneren und von einer lebensnahen, intensiven Sprache.

 

 

© Jutta v. Ochsenstein